In China – Tagebuch 15. Januar 1904 – 25. Mai 1904

Rückblick auf Weihnachten, chinesisches Neujahrsfest und endlich…

Den 15. Jan 1904

Weihnachten ist vorüber; ich kann kaum erinnern je ein so reizendes Fest erlebt zu haben, wie dieses erste hier im fremden Lande, zugleich das erste als Frau. Am 22. Dez. morgens, als ich gedankenversunken am Strand spazierenging und wenig Auge für das schöne Schauspiel hatte, das der weit hinausgefrorene Schaum und Schlick bot, hörte ich hinter mir ein bekanntes Flöten und sah, mich umwendend meinen Walter, ein Blatt Papier in der erhobenen Hand, eiligen Schrittes auf mich zukommen. Es war ein Telegramm, ich riss es auf:

Peter meldete seine Ankunft für den nächsten Tag in Tsingtau. Mit unartikulierten Freudelauten flog ich meinem Gatten an den Hals, der nicht wusste, ob er sich mehr über mein Glück oder das Kommen des fast unbekannten Schwagers freuen sollte.

Am nächsten Morgen fuhr ich nach Tsingtau. Der erste Zug kommt erst um 10 Uhr an, der Dampfer war schon um 7 Uhr dagewesen. Ich suchte meinen Bruder durch die ganze Stadt, setzte alle möglichen Menschen in Bewegung, bis ich ihn schließlich vom Hotel aus auf der Straße erspähte. Der Augenblick als wir uns beide lachend auf der Straße entgegenstürzten und nach ¾ Jahren “ein Wiedersehen in Australien“ feierten, werden wir beide nicht vergessen.

Wir haben dann im Hotel so gelacht und gescherzt, dass wir es schließlich für besser hielten, einen kleinen Spaziergang zu machen, um den verwunderten Blicken zu entgehen. In Tsangkou am Bahnhof erwartete uns W. Die beiden großen übermütigen Jungens waren gleich die besten Freunde. Ein Kuli trug Peter seinen Koffer nach, den er beinah am Bahnhof in Tsingtau vergessen hätte, wie er auch sämtliche Schirme und Handschuhe im Hotel zurücklassen wollte, nachdem er noch eben mit Genugtuung festgestellt hatte, dass auch jetzt noch bei mir ein kleines Löchlein in der Handbekleidung nicht zu den Unmöglichkeiten gehörte.

Während der folgenden 10 Tage ist eigentlich unaufhörlich gelacht und geredet worden.

Am Abend vor Weihnachten putzten Bruder und Schwester die hübsche Kiefer auf, die uns der Gastwirt geschickt hatte, während W. noch allerhand zeichnete. Am nächsten Morgen richtete ich die Weihnachtsstube her, die mit dem vollbeladenen Geschenktisch reizend aussah, jetzt aber sorgfältig vor Unbefugten geschlossen gehalten wurde. Die Stimmung war echt weihnachtlich, auch Vater, der seine Reise hatte aufschieben können, strahlte. Nachmittags 5 ¼ Uhr, als es ganz dunkel war, wurden die Lichter angezündet, und die ungeduldigen Herrn hereingerufen. Wenn wir alle 4 Kinder gewesen wären, der Jubel hätte nicht größer sein können.

Peter saß gleich mit seiner Wasserpfeife vor seinem Teller, probierte die chinesischen Manschettenknöpfe, Zigarren, Zigaretten u.s.w. Vater lachte herzlich über Scherzsachen und freute sich sehr über Nützliches, W. und ich waren glücklich.

Wir hatten auch den Leuten einen kleinen Tisch gemacht mit bunten Lichtern und sie mit Geld und Zigaretten beschenkt. Das war unerhörte Güte in ihren Augen und sie sehr dankbar und glücklich! Sie hatten sich aber auch mit solchem Eifer und solcher Freude an den Vorbereitungen beteiligt (der Koch überraschte mich mit reizend verziertem Kuchen), dass es grausam gewesen wäre, sie ganz auszuschließen.

Am ersten Weihnachtstag kamen abends die beiden chinesischen Lehrer von unten, die sich wie Kinder über den Baum und die Geschenke freuten, und mit Wein, Kuchen und Zigaretten bewirtet wurden.

Altjahrsabend machten wir uns einen Punsch, verspielten die Tannenbaumsachen, trieben allerlei Scherze und wachten die Mitternacht heran.

Am Neujahrstag machten die chinesischen Lehrer, die beide Christen sind, offiziellen Besuch.

Am 2. Jan. reiste Peter wieder ab und während der nächsten 8 Tage fühlte ich mich bitterlich einsam.

 Peter Fock, *1881, † Ende 1944 an Herzschwäche mit 63 Jahren (Angaben von Otti im Tagebuch 1944)
Hier das, was ich über ihn im internet (www.tsingtau.info- 09.09.2013) herausfinden konnte:

Kaufmann bei Sander Wieler & Co., Shanghai/China;
08.1914 Seesoldat (Kriegsfreiwilliger) in der 6. Kompanie des III. Seebataillons (Tsingtau);
11.1914 gefangen im Lager Matsuyama (Gef.-Nr. 2854, Heimatort: Hamburg),
09.04.1917 im Langer Bando (Heimatanschrift: Bergedorf bei Hamburg, Reinbeker Weg 8),
später im Lager Nagoya;
12.1919 entlassen, zunächst in Japan geblieben,
1925 bei Sander Wieler & Co., Kiangse Road 65, Shanghai

Nun sind wieder alle die Gedanken im Vordergrund, die so viel vom April erhoffen. –

Das Wetter ist abwechselnd warm und kalt, meistens aber klar und sonnig und sehr stürmisch.

Apothekenrechnung Tsingtau

Rezept Tsingtau, Schachtel Otti

Die Eisenbahnwagen sind noch immer ungeheizt, der Direktor hat erklärt, für die paar Europäer wäre es zu kostspielig, und die Chinesen könnten sich warm anziehen. Die Züge haben bald Verspätung, bald fahren sie zu früh, je nachdem die chinesischen Bahnbeamten beim Kartenspiel sind oder daran wollen. Die Fahrpreise steigern sich beständig und die Coupés werden immer schmutziger und primitiver. –

 Fahrplan Shantung Eisenbahn 1904 - Kopie

aus Walters Dokumenten-Mappe

In Japan droht Krieg mit Russland, alle deutschen Schiffe sind nach Tsingtau beordert.

In Tsingtau munkelt man davon, dass irgendeine Gesellschaft in Deutschland beschlossen habe, 25 junge Mädchen herauszuschicken zur raschen Bevölkerung der Kolonie. Heiratslustige Männer gibt es hier genug, aber keine passenden Vertreter des weiblichen Geschlechts. Ich fürchte nur, die Nachricht beruht auf einer Zeitungsente. –

Heute verlässt uns unser Koch für einen Monat, den er sich als Neujahrsurlaub erbeten hat. Hoffentlich kommt er wieder, denn er leistet auf seinem Gebiet Vortreffliches.  Das sind in buntem Gemisch die Neuigkeiten der letzten 4 Wochen. –

 Den 25. Januar 04

Seit 2 Tagen ist alles weiß. Die Sonne glitzert auf dem reinen Schnee und gibt der herrlichen Berg- und Meerlandschaft etwas Märchenhaftes.

Vater ist seit zwei Tagen in Chefoo, und Walter, der seine Arbeit übernehmen muss, ist länger als sonst in der Fabrik, und ich bin noch mehr allein. Anfang März kommt Frl. Thiessen zu uns, mir über die beiden schwersten Monate hinwegzuhelfen; ich freue mich darauf, es gibt Augenblicke, wo ich bitter leide unter der Einsamkeit und dem Mangel an ernster Arbeit. Die schriftstellerischen Versuche sind der Hamburger Zeitung eingeschickt, und ich hab weder Stoff noch Lust, etwas Neues zu beginnen. –

In dieser Woche erwarte ich mit Ungeduld die Schwester, die mir sagen soll, was noch fehlt an meiner kleinen Aussteuer. Dann will ich das Nötige in Tsingtau besorgen und ergänzen mit meinen Händen, was ich kann. Ich wollte, wir wären ½ Jahr weiter.

Den 19. Februar 04.

Der große Tag, der solange vorgespukt und noch nicht ausgespukt hat, ist vorüber. Am 16. Februar feierten die Chinesen ihr einziges großes Jahresfest: Neujahr.

Wochenlang vorher wurden fieberhaft eifrig Vorbereitungen getroffen, ihr kleines Haus gründlich gereinigt, durch Wegschaffung der Mittelwand aus zwei engen, unbehaglichen Räumen ein großes, schönes gemütliches Zimmer geschaffen, das den kleinen Ofen, den sie zu umhocken lieben, in der Mitte hat, Wände und Decke aufs schönste geschmückt mit bunten Bildern, Segenssprüchen, Spiegeln u.s.w., in der sogenannten Küche eine Art Altar errichtet. Abends krachte und blitzte es in unserm Garten und in den umliegenden  Dörfern von abgebrannten Feuerwerkskörpern, kindliches Jubeln von Kleinen und Großen als Begleitung.

Am Vorabend des großen Tages starke Erregung: nach dem Abendessen kam der boy und bat meinen Mann und mich, ihr Haus anzusehen. Es war wie ein Bild aus Tausend und eine Nacht: ein prachtvoller, sternklarer Abend, Lichterglanz und Feuerwerk und Jubel in allen Dörfern, der Hafen von Tsangkou besäet mit Dschunken und Sampans, die im Schmuck zahlreicher Lampions mit Leuchtkäfern überstreut erschienen, vor dem kleinen Chinesenhaus, im leisen Luftzug baumelnd, kleine bunte Laternen, drinnen eine märchenhaft bunte Pracht, bei aller Mannigfaltigkeit der Farben nichts Unharmonisches, in der Mitte eine riesige Papierlaterne, in deren Innern sich kleine ausgeschnittene Figuren von der Wärme wie im Karussell bewegten (Machwerk des Kochs).

Und dann krachten die Feuerwerkskörper, und die Leute strahlten und jauchzten. Wir freuten uns eine Weile mit ihnen, gingen dann hinein und errichteten wie Weihnachtsabend einen kleinen Tisch mit bunten Lichtern, Zuckersachen, Zigaretten und nicht unbedeutenden Geldgeschenken. Es wurde noch lange nicht still in dem kleinen Häuschen im Garten. Bei Reisbranntwein, Kuchen, Zigaretten und Feuerwerk feierte man Silvesternacht.

Am nächsten Morgen, als wir beim Kaffee saßen, erschienen alle drei, boy, Kuli und Koch, in ganz neuen, feierlich schwarzen Gewändern und gratulierten.

Später machten wir einen Gang durch Tsangkou: alle Wege tadellos sauber, von den Häusern leuchteten die langen roten Streifen der neuen Segenssprüche, nur ab und zu ein einzelner Chinese in neuen Gewändern, alle Türen verrammelt, alles saß in den Häusern, aß, trank, scherzte, rauchte, schlief oder machte ohrenzerreißende Musik.

Duilian - chun lian - Neujahrsprüche am Haus

Neujahrs-Segenssprüche an den Häusern

Mindestens 3 Tage wird nicht gearbeitet. Auch in Tsingtau sind alle Läden solange geschlossen, einzelne Chinesen laufen mit einem Haufen Visitenkarten herum: sie machen Besuche. Die Fabrik unten schweigt, die Kinder sind für 8 Tage in ihre Dörfer.

Am Abend bringt uns der boy drei kleine, chinesische Hausgötter von grotesk bunter Hässlichkeit als Geschenk. Wir stellen sie ins Esszimmer. Walter hat an die äußere Hauswand mit roter Farbe ein neues „fu“ gemalt.

BAD6Glück chin Einzelzeichen

Glückszeichen „fú“

In den Marktdörfern ist in den Tagen vorher lebhaftes Treiben gewesen. Um möglichst viel Geld einzuheimsen, sind auch verschiedentlich chinesische Mädchen gehandelt worden. Unser Koch lief mit kleinen, roten Pflastern an den Schläfen herum, die Chinesen lieben es, sich ab und zu schröpfen zu lassen oder zu massieren, bis sie rote Stellen davon haben. Die kleinen Wunden vom Aderlass werden mit roten Pflastern verklebt. Ob diese Erscheinung beim Koch grade in diesen Tagen in irgendeiner Verbindung mit dem Feste steht, weiß ich nicht.

Heute wird zum ersten Male wieder etwas gearbeitet, aber müde und verdrossen, d.h. unsere Leute haben nicht einen Augenblick ihre Pflicht versäumt. –

Der Krieg zwischen Russland und Japan ist ausgebrochen. Infolge schneidigen Vorgehens der Japaner und leichtsinnigen Unvorbereitetseins der Russen, sind die Japaner bis jetzt im Vorteil, die Sympathien sind hier auf keiner Seite, die Stimmung ist abwartend, natürlich werden allerlei wage und haarsträubende Vermutungen aufgestellt. Die Chinesen könnten sich mit den Japanern verbinden, oder durch ihr Beispiel angesteckt, plötzlich auf den Gedanken kommen, die Deutschen hinauszuwerfen. Mit Spannung werden die Kriegsdepeschen erwartet; flüchtende Russen kommen nach Tsingtau. Das deutsche Lazarett dort ist den Verwundeten beider Nationen zur Verfügung gestellt worden. Die Deutschen sehen sich vor. Große Abteilungen Soldaten ziehen hier vorbei zu Übungen auf den umliegenden Höfen und in den Dörfern. Der Dollarkurs steigt, für uns recht unangenehm, ebenso die Preise vieler Warenarten. Was aus Russland kam, ist überhaupt nicht mehr zu haben. Die Post geht wieder den langen Seeweg, Briefe, die unterwegs waren, wurden zurückgeschickt, wir können monatelang auf Nachricht warten.-

Im Russisch-Japanischen Krieg von 1904/05 trafen erstmals zwei hoch gerüstete, mit modernster Militärtechnik zu Land und zur See ausgerüstete Streitkräfte aufeinander… Japan wollte den Krieg gegen Russland, weil das Zarenreich seine militärische Präsenz im Gefolge des so genannten Boxeraufstandes massiv verstärkt und seine Einflusssphäre erweitert hatte, Moskau kam der Waffengang nicht ungelegen, weil man damit von inneren Problemen abzulenken hoffte. … Dank ihrer Seeherrschaft konnten die japanischen Streitkräfte ihre Truppen bei Inchon und Pjöngjang in Korea landen und von dort nach Norden vorstoßen, wo es ihnen gelang, die Eisenbahnlinie von Mukden nach Port Arthur zu unterbrechen. In der für beide Seiten verlustreichen Schlacht von Mukden erlitten die russischen Truppen eine Niederlage, deren Folgen durch die katastrophale Seeschlacht von Tsushima noch verstärkt wurden. Beide Seiten waren aber durch die Verluste so geschwächt, dass sie die amerikanische Friedensvermittlung akzeptierten. Russland musste Japans Vorherrschaft über Korea anerkennen, die Mandschurei räumen, die Pachtrechte in Port Arthur an Japan abgeben und die Südhälfte Sachalins abtreten.
Europäische Militärs waren beeindruckt, dass Japan einen potenziell überlegenen Gegner mit Offensive schlagen konnte, und verinnerlichten diese Doktrin, was sich im Ersten Weltkrieg zu einem regelrechten Kult der Offensive auswachsen sollte. – http://www.bmlv.gv.at/omz/ausgaben/artikel.php?id=250 – 09.09.2013

Das Wetter ist oft frühlingsmäßig. Die Kälte–Wärme Uhr, wie die Chinesen das Thermometer nennen, sinkt nur noch nachts unter 0. Der Sturm heult noch recht häufig ums kleine Holzhaus, aber er schneidet nicht mehr ins Gesicht. Nur auf den äußersten Spitzen der Berge lässt das Tausend-Meilen-Auge leichten Schneesturm erkennen. – Uns blüht vielleicht das Glück, schon im März in das große Wohnhaus hinunterziehen zu müssen.

 Den 23. Februar

In einer Zeitung aus Shanghai fand ich noch einige interessante Bemerkungen über das chinesische Neujahrsfest.

Es fällt durchschnittlich einen Monat später als unseres, bald aber 11 Tage früher, bald 18 – 19 Tage später als im vergangenen Jahre. Auch das chinesische Jahr hat 12 Monate, ist aber kein Sonnen-, sondern ein Mondjahr. Der chinesische Monat beginnt jedes Mal mit dem Neumond, das neue Jahr, wenn der Mond 12mal um die Erde gelaufen ist. Er braucht dazu etwas mehr als 27 Tage, muss aber noch etwas länger laufen, um wieder in dieselbe Stellung zu Sonne und Erde zu kommen, da die Erde inzwischen einen Teil ihres Weges um die Sonne zurückgelegt hat, braucht also etwas über 29 Tage, um wieder als Neumond zu erscheinen. So hat der chinesische Monat bald 29, bald 30 Tage, das Jahr 354 – 355 Tage. Damit Neujahr nun aber nicht einmal in die Sommerzeit falle, schalten sie in 5 Jahren 2mal einen Monat ein. Neujahr ist der große Zahltag in China, alte Schulden werden eingefordert, mit einem Sack über der Schulter ziehen die Gläubiger aus, da sie bei der Cashrechnung mit einem Portemonnaie nicht weit kommen würden. Dabei kommt es häufig zu Raufereien. Diebstähle und Raubüberfälle sind in den letzten Wochen vor Neujahr häufig, die Leute versuchen auf jede Weise Geld zu bekommen. Neujahr ist auch ein großreligiöser Festtag für alle. Das Bild des häuslichen Schutzgeistes, des Gottes des häuslichen Herdes, der jedem Hause nach chinesischem Glauben alljährlich am Neujahrsfeste von dem großen Geiste, dem Himmelsgroßvater zugeteilt wird, wird über dem offenen Küchenfeuer an die Wand geklebt, damit er als erster die Düfte genießt und weiß, was die Leute essen und wie sie leben. Im Laufe des Jahres wird das Bild von Rauch und Ruß unkenntlich. 8 Tage vor Neujahr wird feierlich Abbitte geleistet, damit der Schutzgeist, wenn er in den Himmel zurückkehrt, die Leute nicht verklagt und der Himmelsgroßvater ihnen einen bösen Schutzgeist schickt. Die ganze Familie kniet vor dem Bilde nieder, der Hausvater spricht die abbittenden Worte, Weihrauchstäbchen werden verbrannt, dann das Bild durch Feuer vernichtet. Dann beginnt die große Reinigung. Durch das Krachen und Schießen sollen die bösen Geister bange gemacht werden, die in der Neujahrsnacht umgehen. Vor dem Bilde des erwarteten Schutzgottes brennt ein Licht, damit er den Platz nicht verfehlt. Am Morgen wird feierlich geopfert, eine Schüssel mehlumbackener Fleischklöße, die jeder Chinese Neujahr essen muss. Daran schließt sich eine religiöse Feier vor den Ahnentäfelchen, Holztäfelchen mit den Namen der Verstorbenen, die im Hauptzimmer aufgestellt sind und die als Sitz der Seelen gelten. Dann wird gefeiert. Auch in den Tempeln geht es hoch her, da ist ein unablässiges Bimmeln, Beten und Singen (betrunkener Priester), Verbrennen von Weihrauchstäben, Wallfahrten zu den Gräbern der Eltern und den berühmten Heiligtümern. Neujahr als Freudenfest: Leben auf den Märkten vorher (Schweine, Gemüse) u.s.w. Ein chinesisches Sprichwort sagt: In der ersten Hälfte der ersten Monats hat niemand einen leeren Mund.

 Den 1. März, nach chinesischem Kalender 15. des 1. Monats

Heute ist Schluss der Neujahrsfeierlichkeiten. Noch einmal kracht es überall von Feuerwerkskörpern, in den fernen Dörfern tanzt es wie von tausend Irrlichtern, wahrscheinlich Fackeln, die in ungeordneten Mengen getragen werden, in größeren Städten sollen brillante Lampenfeste den Abschluss bilden, dafür ist unsere Landbevölkerung wohl zu arm. In den letzten Tagen kamen noch häufig Gauklerzüge hier vorbei mit phantastischen Tiergestalten, eine Gesellschaft führte mit einem ungeheuren, bunten Drachen vor dem großen Wohnhaus unten einen wilden Tanz auf. Unheimlich fuhr der fürchterliche Kopf aus dem wiegenden Kreise immer wieder plötzlich in die Höhe, während der gewaltige Körper sich unter den dirigierenden Händen schlangenartig wand. –

Gestern ist auch unser Hochzeitskuli wieder eingerückt, unchinesisch getreu seinem Versprechen. Sein stilles, gutes, dummes Gesicht, der geräuschlose, nimmermüde Fleiß wirken physisch wohltuend auf mich nach all dem Kuliwechsel.

Die Frühlingstage sind wieder Sturm, Nebel, Regen und Bergschnee gewichen. –

Nachrichten über den Krieg sind schwankend und unsicher.

 Den 9. März 04.

Am 6. März ist in Tsingtau die erste Mole im großen Hafen für den Verkehr freigegeben. Vater hat der Feier beigewohnt. Die Direktion der Shantung-Eisenbahn-Gesellschaft hatte den Festteilnehmern kostenlos einen Extrazug zur Fahrt von Tsingtau zum Hafen zur Verfügung gestellt. Für die Damen und Schulen war eine Tribüne errichtet. Die Feier begann gegen 11 Uhr. S.M.S. „Iltis“ und der Reichspostdampfer „Gouverneur Jaeschke“ liefen  in den Hafen ein.  …

Das Interesse für den Krieg hat wesentlich nachgelassen; er schleppt sich so hin, weder Russen noch Japaner vermögen eine Entscheidung herbeizuführen. Opferwilligkeit und Tapferkeit bei den Japanern ist sehr groß. Der Dollarkurs steigt noch immer, Schwarzbrot gibt es nicht, Kartoffeln sind unmenschlich teuer.

Sonnabend hatten wir sehr interessanten Besuch, Mr. Jones, englischer Missionar in Ching choufu. (Tsing-tschou-fu) Walter war während seiner Winterreise einige Tage sein Gast gewesen und begeistert von ihm.

Eine Winterreise durch Schantung und das nördliche Kiang-su 1902 – 1903, Walter Anz in Dr. A. Petermanns Geogr. Mitteilungen –   Mitteilungen 1904, Heft VI –

Er hielt sich 8 Tage in Tsingtau im Hotel auf, W. machte ihm einen Besuch, den er am nächsten Tage erwiderte. Ein Mann von ungefähr 60 Jahren, prächtige, ehrfurchtsgebietende Erscheinung, gleich einem Patriarchen des alten Testamentes, hoch und schlank, mit geistvollem, stolzen Kopf, ruhigen, anmutigen Bewegungen und zarter Liebenswürdigkeit. Er sprach geistreich und lebendig mit jugendlichem Feuer, zeigte tiefes Interesse und Nachdenken und wirkte stark anregend ohne anzustrengen. An eine Teestunde hier oben schloss sich Besichtigung der  Fabrik. Mit Kindern und Lehrern, die er offenbar sehr interessierte, sprach er längere Zeit chinesisch. Mein Lieb hatte rote Backen und strahlende Augen und entwickelte eine feine, englische Beredsamkeit. –

220px-Alfred_g_jones Missionars Freund von Walter

Alfred George Jones (chinesischer Name in pinyin: Zhóng Junan) wurde am 23.07.1846 in New Ross in Irland geboren, wo er zunächst als Kaufmann tätig war. Nach seiner Ankunft  in Tschifu (Yantai) 1876 kümmerte er sich bald hauptsächlich als Missionar der Baptisten um die Opfer der schrecklichen nordchinesischen Hungerkatastrophe, die von 1876 bis 1879 dauerte. Dr. Jones starb am 17. Juli 1905 unter tragischen Umständen: Er hatte die Nacht im Taishan Tempel in Tai’an verbracht. Während er schlief, stürzte das Gebäude des Tempels während eines Sturmes ein und begrub ihn. 

Am Sonntag ist hier große Impfung vorgenommen worden, um den bei Chinesen häufigen Blattern (Pocken) vorzubeugen. –

Noch wenige Wochen, dann halt ich, will’s Gott, meinen lang erwarteten kleinen Schatz in den Armen. Mir ist zu Mute wie einem Kinde vor Weihnachten.

 Den 23. März 04

Der Sturm tobt und brüllt ums Haus und zerrt an dem klappernden, in allen Fugen zitternden Holzgestell, als wollte er es durchaus mit fortreißen. Die Berge sind unsichtbar, ganz eingehüllt in schwere Nebel- und Staubwolken. Wir hatten schon schöne Tage, recht frühlingsmäßig mit Sonnenschein und wohliger Wärme. Die Monatsrosen im Garten haben zarte, kleine Schösslinge, die Chinesen pflügen und eggen das Land, Lehmziegel werden geformt und getrocknet, Sampans und Dschunken repariert, es ist wieder Leben und Bewegung.

Unten in der Fabrik sind sie ganz froh, dass die Wärme noch nicht anhält, eine Menge Cocons sind noch nicht getötet, und einige vorlaute Schmetterlinge sind schon ausgekrochen, das Seidengewebe zerstörend.

Ich habe mir den Frühling ins Zimmer geholt, einige Erlenzweige, die noch keinen Hauch von Leben zeigten, als ich sie abpflückte, jetzt aber kräftige, saftige junge Blätter in üppiger Menge treiben, als Dank für Wärme und flüssige Nahrung.

Mein kleiner Vogel zwitschert, als sollte ihm die Kehle zerspringen und schwatzt auf der Veranda unaufhörlich mit seinen Freunden, den drei Spatzen.

Vor etwa 8 Tagen hat nun auch die Abschiedsgesellschaft von Herrn G. stattgefunden. Die Spitzen von Tsingtau waren eingeladen zu einem Frühstück hier mit anschließendem Besuch der Fabrik. Ich machte morgens meinen gewöhnlichen kleinen Spaziergang  in die Nähe des Festplatzes. Der prächtige, breite Weg vom großen Wohnhaus bis zur Fabrik, der eigens für diesen Besuch hergestellt wurde, war fertig, der Garten in Ordnung, Rickschas kamen vom Hotel in Tsingtau mit boys zum Aufwarten und Weinkisten. Gegen 12 Uhr kam in 2 Gruppen die erwartete Gesellschaft zu Pferde. Ich stand mit dem Tausendmeilenauge auf der Veranda, zog mich aber schleunigst zurück als einige Herren, die sich verritten hatten, in vollem Galopp auf das Drahtgitter unsres Gartens lospreschten. Das Essen soll gut und die Stimmung vortrefflich gewesen sein. Walter hatte abgelehnt, daran teilzunehmen, weil er seine Frau nicht allein lassen wollte. Nachher wurden alle photographiert, dann folgte Besichtigung der Fabrik und um 4 Uhr nach einer Tasse Kaffee der Heimritt.

Bei Tisch hatte es noch ein sehr komisches Intermezzo gegeben. Zufällig kam grade an dem Tage die von uns bestellte Babywanne an, die der Chinese irrtümlich zu Vater bringen wollte. Einer der Herren nahm ihm den Bestellzettel ab und las laut vor: „Herr Anz, eine Babywanne“, daraufhin allgemeine, große Heiterkeit. Nächste Woche wird Herr G. uns nun wohl hoffentlich endgültig verlassen, Herr v. E. geht bald nach ihm.

scan0010 - Kopie Kotau

Walter Anz: Kotau vor dem Herrn Direktor

Texte auf der Karikatur:

auf dem Wagen:
Für Chinesen u. Beamte.
(Letztere haben sich bei Annäherung des
Direktors von ihren Sitzen zu erheben)

Schild links vom Bahnübergang:
      Warnung!
Den Beamten ist
das Abpflücken von
Blumen streng
untersagt.
Der Direktor

Schild rechts vom Übergang:
    Für Beamte Halt!
wenn die Barriere geschlos-
sen ist oder das Glocken-
zeichen die Annäherung
des Direktors verkün-
det.
D.C.S.I.G  KG

Gestern hatten wir hohen Besuch: Herrn und Frau Ohlmer; sie waren lebhaft und liebenswürdig, blieben 1 ½ Std., tranken Tee und aßen Kuchen und Frau O. sah sich alles ganz genau an. Ende April reisen sie auch nach Deutschland. Frau O. ist schon 18 Jahre in China (d.h. in der Zeit 3 x in Deutschland gewesen).

Der beurlaubte Koch ist am 15. wieder eingezogen, sodass jetzt die alte Garde wieder beisammen ist.

Am 20. kam die erste Post aus Deutschland nach 6 wöchentlicher Pause, Briefe vom 10. Februar, viel Liebes für mich, das mir Freude machte, wenn auch noch kein Brief von meinem Mutting und nichts von Peter, mit dem ich sonst jetzt in lebhaftem, innigen und sehr fidelen Briefwechsel stehe. –

Alles ist für meinen kleinen Engel bereit in zarter, duftiger Pracht; ich wollte, er ließe mich nun nicht mehr gar zu lange warten, ich bin so unlustig zu jeder Art von Tätigkeit, alle geistigen Arbeiten, chinesisch, engl., franz., Schreibereien, alles liegt sein Wochen ganz nieder. Ich hoffe von meinem süßen Wunder einen Strom neuer Lebenskraft.

 Den 27. April

Unser kleines Prinzesschen (Ilse Marie Auguste Rosa Anz, geb. 27. März 1904 in Tsangkou bei Tsingtau) ist nun bald 5 Wochen alt. In dieser Zeit hat sich natürlich alles um sie und um die Mutter gedreht. Ein süßes Geschöpfchen ist unser kleines Glück, das es so eilig hatte, auf die Welt zu kommen, dass es nicht einmal die Ankunft von Dr. und Schwester abwarten konnte, und eine heillose Verwirrung im Anzschen Hause anrichtete, die unser liebes Frl. Thiessen, unsere gute, lustige Tante Agnes, dann wieder lösen musste.

Und in diesen Wochen ist der Frühling eingezogen. In leuchtendem Grün ziehen sich breite Streifen Kornland durch die gepflügte Ackererde, die Dörfer sind begraben in der Blütenfülle der Obstbäume, blaue Veilchen ohne Duft, zarte weiße Blüten, gelber Ginster und Hahnenfuß schmücken die Wegränder.

Es wimmelt von arbeitenden Menschen und Tieren. Zwei Esel vor den primitiven, meist selbstverfertigten Pflug gespannt, oder einen Ochsen und einen Esel, bisweilen auch einen Angehörigen, ziehen die Chinesen vom Morgen bis zum Abend unter den monotonen Rufen an die Tiere ihre gleichmäßigen Furchen. Ein anderer folgt ihren Spuren und schüttet schwarze Düngererde in die Rillen, dem folgt ein Dritter, oft ein ganz kleiner Junge mit wichtig-ernstem Gewicht, der eifrig hinterher trippelt und einem hohlen Bambusstock durch Dranklopfen die kleinen Hirsekörner entlockt, die aus schmalen Öffnungen in gleichmäßiger Anzahl herauspurzeln. Mit seinen nackten Füßen schiebt ein anderer die Furchen zu, mit seiner drolligen Gangart ein komisches Bild bietend.

Wir machten gestern mit Frl. Thiessen einen Gang durch Hsianwung jatan. Die Dorfbewohner liefen zusammen und folgten uns neugierig in respektvoller Entfernung. Wir gingen durch das Dorf den Obstplantagen zu. Auf einem freien Platz an einem Graben saß eine Schar von Frauen. Zwei nährten ihre Kinder, die großen, etwa drei- oder 4jährigen kräftigen Leben drängten sich an sie heran und tranken im Stehen. Die Luft war weich und ruhig, die ersten Fliegen summten, an einem Abhang ließen wir uns nieder. Ein paar frische Dorfjungen waren uns gefolgt, sie warteten offenbar auf die geleerte Flasche Bier, deren Inhalt wir eben eifrig in Angriff genommen hatten. Walter veranstaltete ein Wettrennen darum, dann ein zweites um 10 Cents. Die breite Dorfstraße herunter kam ein Mann, an einem langen Stocke einen Strohkranz, in dem eine Menge kleiner Stäbe voll eingezuckerter, roter Äpfel steckten. Walter kaufte einige, wir probierten und verteilten dann den Rest der süßen Gabe in die kleinen, schmutzigen Händchen. –

Klar und sonnig, fast schwül sind die Tage oft am Morgen – dann gegen Mittag ganz plötzlich ein Pfeifen und Heulen – da ist wieder der Sturm, unser treuer Geselle und Klein-Ilschens Wagen muss den Platz auf der Veranda verlassen.

Den 1. Mai

Ein weicher, müder Frühlingstag: ich bin zum ersten Mal wieder in hell, und meine Stimmung ist wie mein Kleid. Im Wagen auf der Veranda schläft unser Prinzesschen, die Vögel zwitschern, die Fliegen summen.

Walter und Otti mit Ilse 1904

Otti und Walter mit Ilse, Tsangkou, Mai 1904

Der boy kommt mit einem ganzen Korb voll Obstblüten. Walter fragt ihn lächelnd: „Mögen denn die Leute es haben, wenn du von ihren Bäumen pflückst?“ Er antwortete halb verlegen, halb selbstbewusst: „Wenn sie es nicht mögen, sag ich masqui!“ (Maskee / masqui = pinyin English: whatever, nevermind)

 Walter malt, die weißen Blüten leuchten, Syringen (Flieder) duften schwer und süß. Die hab ich selbst gepflückt; sie wachsen auf den Hügeln im steinigen, sandigen Boden, nicht als Strauch oder Baum wie bei uns; krautartig schießen die schweren Blütenbüschel direkt aus dem Erdreich hervor. Auf dem schlechtesten Boden mühen sich kümmerliche Pflänzchen. Die Natur hier hat etwas Rührendes, so geringe Mittel sie hat, sie nutzt sie nach Kräften aus, um auch dem Frühling Ehre zu machen.

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Den 5. Mai

In einer Zeitung aus Shanghai finde ich eben folgende amüsante Notiz:
„Aus dem Tagebuch des Boys Li-chu-ling“:

„1.1. Also mal wieder ein neuer Master, und zwar wieder einer, der ganz frisch aus Germany kommt, also noch nicht von Kultur beleckt ist. Darum hat er sich auch eine seiner Missis mitgebracht. Er scheint gutartig zu sein, sie dagegen schwieriger zu behandeln. Ich werd sie mir aber wohl auch noch erziehen.
2.1. Außer mir sind hier noch ein Boy, zwei Köche und eine Amah; wir werden uns sehr einigen müssen, dass jeder zu seinem rechtmäßigen Squeeze kommt. Vorläufig habe ich nur ein 20 Centstück in der Westentasche meines Masters gefunden.
3.1. Meine Missis beobachtet mich fortwährend und macht sich dann Notizen. Ich glaube, sie dichtet mich an.
4.1. Heute großer Krach! Ich hatte für eine Flasche Odol 3,50 $ berechnet, während mein Master im selben Laden 1 $ dafür gegeben hatte. Als ob ich das hätte wissen können! Mir kostete sie selbst 90 Cents.
5.1. Meine Missis trägt viel längere Strümpfe als der Master, die ich bis jetzt kannte. Sie reichen mir bis übers Knie. Ich trage sie jetzt im Winter sehr gern. Im Sommer werd ich aber lieber die kurzen von Master tragen.
6.1. Meine Missis war heute sehr lieblos zu mir, als ich eine Gabel mit Spucke putzte. Missis ist die erste Frau aus Germany, die ich näher kennen lerne.
7.1. Heute probierte ich die Zahnbürste meiner Missis. Mir wäre sie zu hart; auch ist daran keine Vorrichtung zum Abkratzen der Zunge.
8.1. Schon wieder ein Krach. Mein Master kam unerwartet aus dem Office zurück, als ich grade beim Anziehen war. Er regte sich furchtbar auf, weil ich eins seiner Wollhemden trug. Warum kommt er auch so plötzlich in mein Zimmer. Was schadet ’s außerdem, wenn das Hemd eine Woche später zum Waschmann kommt? Er hat ja sechs.
9.1. Heute sollte ich meinem Master seinen Schirm zum Office bringen. Weil es regnete, nahm ich einen Rosa-Schirm von Missis für den Rückweg mit. Das gab wieder Krach. Die Fremden sind doch recht kleinlich!
10.1. Missis hat jetzt auch mit dem Koch Krach gekriegt, und da geht nun das ganze Hauspersonal.
Schade, ich wäre gern noch geblieben.“ –

Das ist ganz amüsant erfunden, aber nach meinen Erfahrungen muss ich doch Protest dagegen einlegen, dass man daraus den Typus eines chinesischen boys erkennen könnte. Nein, mein boy, du bist doch besser, und mein Liebling bleibst du. Übrigens weiß ich doch jetzt kaum, wer der beste ist, boy oder Kuli. Kuli hat so gute, treue Augen, ist so unermüdlich fleißig und so ruhig dabei, und geht für seine Missis durchs Feuer, besonders, seit Walter ihm mitgeteilt hat, ich hätte gesagt, er wäre ein guter Kerl. Und dann, was wohl jede Mutter besticht, er ist ganz verliebt in mein Himmelsschlüsselchen, sieht es mit verzückten Augen an, wenn ich’s auf dem Arm hab, guckt wohl auch mal verstohlen in den Wagen u. scheut keine Arbeit für das Kind. Als ich nach Frl.- Thiessens Abreise die Babywäsche übernehmen wollte, nahm er mir mit sanfter Gewalt die Wäschestücke aus der Hand und sagte: „Ich machen wasch.“ Rührend ist sein Bestreben, deutsch zu lernen. Alle Augenblicke fragt er mich nach dem Namen eines Dinges, spricht ihn ungeschickt und unverständlich nach, geht weg, ihn selig lächelnd vor sich hinmurmelnd. Heute frage ich ihn: „Schreit Baby?“ Er schüttelt den Kopf: „Will nix aussteigen.“ Das hatte er schon heraus, dass ich sie aus dem Wagen nehme bei anhaltendem Schreien. Wenn ich Baby bade, und er muss ins Zimmer, drückt sich seine schlanke Gestalt mit größter Schnelligkeit durch eine kaum sichtbare Türritze, um Zug zu verhüten. Bei jedem freundlichen Wort oder Lächeln leuchtet sein Gesicht auf, das oft so traurig und blass ist, besonders, wenn W. und ich fröhlich und zärtlich beieinander sind; wir haben ihn in Verdacht, dass er sich nach seiner Frau sehnt. –

Gleich in den ersten Tagen nach der Geburt der kleinen Ilse meldete sich eine kleinfüßige Amah, ich hab sie aber abgewiesen, mein Kind soll in keine andern Hände, es ist ja mein Stolz und mein Glück, dass mein süßes Wunder alles von der Mutter empfängt.

Ideal schön ist sie, sagt Vater. Und er hat recht, ein Meisterwerk ist dieser kleine, kräftig und doch so zart und fein geformte Körper mit dem süßen, runden Gesichtchen, aus dem die großen, blauen Augen so klar und nachdenklich in die neue Welt schauen. Und lebendig ist das kleine Geschöpf, alles an ihr bewegt sich anmutig und kraftvoll zugleich.

Von allen Seiten sind schon Glückwünsche eingetroffen, der Comprador von untern schickte mir herrlichen Seidenstoff, später häufiger Blumen. Als Walter ihm in seiner Wohnung im Dorf, einem Lehmhause, wie die andern Chinesenhütten, einen Dankbesuch machte, wurde er mit Champagner bewirtet, und die hübsch und geschmackvoll gekleidete Frau hatte Birnenblüten im Haar. Champagner, Bier und Zigaretten, eine hübsche Frau und ein feingebildeter, tadellos englisch sprechender Mann, ein kleines Bübchen, das sich dem Besuch zutraulich auf den Schoß setzte, in einer Chinesenhütte! Es tat mir leid, dass ich nicht hatte mitgehen können. – Walter singt: „Ein’ Herzensfreund, ein süßes Weib hat mir der Herr gegeben. Lass’ Weib bei mir, dann dank ich dir, dann kann ich ruhig leben“; will mich immer totdrücken und erzählt mir Wunderdinge von meiner Schönheit.

Den 17. Mai

Wir sind umgezogen, ins Tal und doch in die Höhe. Unser mu tu fung drue steht schmutzig und verlassen. 12 Kulis haben die Sachen nach unten geschleppt, die Leitung hatte der boy, ich zog mit meinem Kinde von einem Zimmer ins andere, immer dahin, wo am wenigsten Zug und Lärm war. In einer ausgeräumten Stube haben wir gesessen, Walter rauchend und trinkend, ich mein Kind fütternd. Dann hat der Vater das schlafende, kleine Wesen im Wagen herunter befördert.

Die Wohnung hier ist groß und hübsch, hat rund herum eine offene Veranda und sieht auf die Berge und das Meer. Es hat viel Arbeit gekostet, bis wir fertig waren, aber jetzt ist auch alles elegant und doch gemütlich. –

Walter ist für 3 Wochen verreist, mit einem Herrn Dr. Delius aus Shanghai, einem recht sympathischen Herrn. Jeder hat seinen boy mitgenommen, außerdem den Comprador und einen vollständigen Haushalt, Bett mit Zubehör, Kochgeschirr, Esswaren u.s.w., man reist hier nicht wie in Deutschland. Für mein Lieb freut mich diese Reise. Es ist auch gutes Wetter zum Wandern, noch nicht zu warm. Merkwürdig, wie lange es kühl bleibt in diesem Jahr.

Walter und Dr. Delius sind unterwegs „im zentralen Gebirgsland der Provinz Schantung“. Walter veröffentlicht darüber einen Bericht in „Perthes geopgraphische Mitteilungen 1904, Heft XI“

Es ist aber fruchtbares Wetter. Das Korn steht gut, Erbsen blühen, die Sommersaat sprießt, Kartoffeln werden gepflanzt, die Obstbäume stehen jetzt, nachdem sie abgeblüht haben, im prächtigen, saftig grünen Blätterschmuck. Nackte Kinder laufen in den Dörfern, nackte Männer sitzen rauchend an Wegrändern, braun wie Indianer, die rothosigen Frauen pflanzen Kartoffeln.

In meinen Zimmern prangen gelbe und rote Rosen und tieflila Glycinus.

Mein Zauberkind hat gelernt, zu lächeln, so ein rechtes, holdes Frühlingslächeln.

Den 25. Mai 04

Der Sturm heult, es ist kalt und trübe, als wären wir noch im März. Pfingsten ist still für uns vergangen, gefeiert durch Kuchen und hübsche Spaziergänge. Mein Himmelsschlüsselchen ist meine Wonne und füllt meine Tage aus mit der Sehnsucht nach meinem Lieb.

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Walter Anz: Tsangkou

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