Großmutter? Eine unerwartete Begegnung

Was für Blicke!

Ein altes Foto, gefunden im September 2011 in einer hölzernen Truhe in Uruguay:

Meine Großeltern in China, 1907

„Die Zeit, die die Uhr misst, verstreicht und hinterlässt Narben. Doch die Zeit, die die Erinnerung festhält, erneuert sich fortwährend. Das ist für den, der alt wird, eine Quelle großer Kraft.“ – Dacia Maraini

Immer Füllfederhalter, immer schwarze Tinte, liniertes oder kariertes Papier, Pappeinband, Kladden, viele,  – eng beschrieben, über Jahre, Jahrzehnte. Die Schrift steil, regelmäßig, eng, diszipliniert, Kurrent, kein Rand, kein Absatz, keine Korrekturen. Aber lange Gedankenstriche, oft mehrere hintereinander und Unterstreichungen, energisch, mit den Jahren immer mehr. Kontrollierte Gedankenströme. Schreiben, Schreiben bis zum Ende – fast.

Die letzten drei Tage eine andere Schrift: einer der Söhne, doch noch gekommen, beschließt das Werk der Ottilie Wilhelmine Rosa Amelie Fock, verheiratete Anz, geboren 1876 in Wewelsfleth im Holsteinischen, von 1887 bis 1903 und von 1914 bis 1920 wohnhaft in Hamburg-Bergedorf:

„Unsere Mutter ist nicht mehr.“ Und: „Gestern trugen wir sie hinaus auf den kleinen Friedhof, hier in La Paz, ja, Frieden, wie es der Name verheißt, sei mit dir, hier in Argentinien, so fern deiner zerstörten, daniederliegenden Heimat.“

Otti letzte Tagebuchseite 1945

Meine Großmutter starb am 4. Juli 1945.

60 Jahre später öffne ich den Koffer, ihren.  Weit war er gereist und lang war er unterwegs, hierhin, dorthin, vergessen, erinnert, weitergegeben. Keiner der früheren Verwahrer lebt mehr.  Nun sind sie bei mir: 16 Tagebücher, Schachteln mit Zetteln, Briefen – stoßweise umbändelt, Postkarten.

Kurze, sehr kurze Erzählungen meiner Mutter, oft vorzeitig beendet mit einer wegwischenden Handbewegung, Erinnerungsfetzen meiner sehr viel älteren Schwester, winzige Schwarzweiß Fotos einer fast nie lächelnden immer den Kopf geneigt haltenden kleinen Frau. Meine so geformte Großmutteridee lässt mich Gram und Bitterkeit erwarten, auch Härte und Hochmut. Was offenbart mein Kofferfund?

Ich blättre hier und dort in den Tagebüchern, stoße nur selten auf Worte, die ich lesen kann. Doch da eine Überschrift „Nach China“. Also doch die alte deutsche Schrift lernen. Ganz langsam, ganz mühsam aus Wortbruchstücken Sätze erkennen. Ich lese mich ein. Ich schreibe ab und staune, schmunzle und erschrecke, immer wieder.

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