Großmutter? Eine unerwartete Begegnung

Was für Blicke!

Ein altes Foto, gefunden im September 2011 in einer hölzernen Truhe in Uruguay:

Meine Großeltern in China, 1907

„Die Zeit, die die Uhr misst, verstreicht und hinterlässt Narben. Doch die Zeit, die die Erinnerung festhält, erneuert sich fortwährend. Das ist für den, der alt wird, eine Quelle großer Kraft.“ – Dacia Maraini

Immer Füllfederhalter, immer schwarze Tinte, liniertes oder kariertes Papier, Pappeinband, Kladden, viele,  – eng beschrieben, über Jahre, Jahrzehnte. Die Schrift steil, regelmäßig, eng, diszipliniert, Kurrent, kein Rand, kein Absatz, keine Korrekturen. Aber lange Gedankenstriche, oft mehrere hintereinander und Unterstreichungen, energisch, mit den Jahren immer mehr. Kontrollierte Gedankenströme. Schreiben, Schreiben bis zum Ende – fast.

Die letzten drei Tage eine andere Schrift: einer der Söhne, doch noch gekommen, beschließt das Werk der Ottilie Wilhelmine Rosa Amelie Fock, verheiratete Anz, geboren 1876 in Wewelsfleth im Holsteinischen, von 1887 bis 1903 und von 1914 bis 1920 wohnhaft in Hamburg-Bergedorf:

„Unsere Mutter ist nicht mehr.“ Und: „Gestern trugen wir sie hinaus auf den kleinen Friedhof, hier in La Paz, ja, Frieden, wie es der Name verheißt, sei mit dir, hier in Argentinien, so fern deiner zerstörten, daniederliegenden Heimat.“

Otti letzte Tagebuchseite 1945

Meine Großmutter starb am 4. Juli 1945.

60 Jahre später öffne ich den Koffer, ihren.  Weit war er gereist und lang war er unterwegs, hierhin, dorthin, vergessen, erinnert, weitergegeben. Keiner der früheren Verwahrer lebt mehr.  Nun sind sie bei mir: 16 Tagebücher, Schachteln mit Zetteln, Briefen – stoßweise umbändelt, Postkarten.

Kurze, sehr kurze Erzählungen meiner Mutter, oft vorzeitig beendet mit einer wegwischenden Handbewegung, Erinnerungsfetzen meiner sehr viel älteren Schwester, winzige Schwarzweiß Fotos einer fast nie lächelnden immer den Kopf geneigt haltenden kleinen Frau. Meine so geformte Großmutteridee lässt mich Gram und Bitterkeit erwarten, auch Härte und Hochmut. Was offenbart mein Kofferfund?

Ich blättre hier und dort in den Tagebüchern, stoße nur selten auf Worte, die ich lesen kann. Doch da eine Überschrift „Nach China“. Also doch die alte deutsche Schrift lernen. Ganz langsam, ganz mühsam aus Wortbruchstücken Sätze erkennen. Ich lese mich ein. Ich schreibe ab und staune, schmunzle und erschrecke, immer wieder.

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Die letzten Chinajahre 1908 bis 1912 – Ein langer Bericht und eine ungewisse Zukunft

Das Jahr 1908 – Die Kaiserin stirbt. Helmut wird geboren…

Zu Beginn des Jahres:

Cixi verbringt viel Zeit bei Aufführungen chinesischer Opern; manche Stücke beginnen am Vormittag und enden nicht vor neun Uhr abends. Wie es das Ritual vorschreibt, werden der Witwe des Kaisers nach wie vor zu einer Mahlzeit 108 Gänge auf gelbem Porzellan serviert. Obwohl sie zum Frühstück meist nur heiße Milch mit Mandeln trinkt und danach Tee, Früchte, Süßigkeiten zu sich nimmt.
Im Juni 1908 sprechen die Bulletins der Hofärzte von einem verschlechterten Gesundheitszustand der Kaiserinwitwe. Am 12. November vermerkt die ärztliche Chronik, dass Cixi nicht mehr regelmäßig Nahrung zu sich nimmt. Zwei Tage darauf bestimmt sie in ihrem letzten Edikt Puyi, den zwei Jahre und neun Monate alten Enkel ihres Protegés Ronglu, zu ihrem Thronfolger.
Am 14. November stirbt Cixis Neffe Guangxu, der seines Amtes beraubte Kaiser und Gefangene seiner Tante. Cixi habe ihn ermorden lassen, damit er sie keinesfalls überlebe, sagen die einen. Guangxu sei der Tuberkulose erlegen, an der er nachweislich seit Herbst 1907 litt, die anderen.
Knapp 24 Stunden später ist auch die 73-jährige Kaiserinwitwe tot. Kurz zuvor ist ihr eine schwarze Perle auf die Zunge gelegt worden, um die Lebensgeister am Verlassen des Körpers zu hindern. Dann beginnen 42 Eunuchen mit der Totenwache. Am 2. Dezember wird Puyi auf den Drachenthron gehoben. Der letzte Kaiser der Chinesen. (aus: Das Alte China, Geo Epoche, 2002, S. 152f.)

Im September 1911 legt Otti ein kleines Kindertagebuch für ihren zweiten Sohn an:

Helmut wurde am 13. August 1908 in Tsingtau geboren. Die ganze Zeit vorher war ich frischer, froher, lebensmutiger und kräftiger, trotzdem auch damals schwere Stürme durch unser Leben brausten, äußerlich und innerlich. Die Geburt war schnell und leicht, ohne ärztliche Hilfe (den Dr. sammelte Schwester Ilse ½ Std. nachher von der Straße auf). Er war ein süßes, kräftiges Kind. Und er blieb es, entwickelte sich gleichmäßig und normal, ohne unter den Reisen nach und von Bergedorf und dem Klimawechsel zu leiden.

Dass die Stürme, die da brausten, mit der allgemeinen schwierigen Situation der Seidenfabrik in einer immer angespannteren politischen Lage zusammenhingen, lag nahe.
Da gibt es aber noch diesen Tagebucheintrag vom 3. Januar 1941:

Bei Helmuts Geburt saßen wir auch so verzweifelt geld- und zukunftslos, seelisch zerrüttet von meiner unseligen Liebe zu dem andern Mann, von der ich kaum wieder heimgekehrt war. Und dann zwang Ohlmer zu der fürchterlichen Deutschlandreise. …

Während die Bierbrauerei in Tsingtau nach wie vor florierte (sie tut es heute noch, ist 2013 die zweitgrößte Brauerei der Volksrepublik China und auf Platz 6 der Brauereien weltweit), machte die Seidenfabrik in Tsangkou Verluste und musste 1909 schließen. Für Walter bedeutete das sicher den Wegfall seines Einkommens. Sein Bruder Oscar, inzwischen Inhaber der Ex- und Importfirma Anz & Co. in Tschifu (Chefoo) bot ihm eine Arbeitsmöglichkeit in seinem Betrieb.

Bevor das nächste Jahr große Veränderungen für die Familie bringt, noch schnell ein Blick auf das, was es sonst noch über dieses Jahr 1908 zu berichten gibt:

Schon 1907 war ein neues Waschpulver erfunden worden, das die mühsame Wäscherubblerei überflüssig machte: Persil.
1908 folgt die Erfindung des Kaffeefilters von Melitta Bentz, und der Siegeszug des Maggi Brühwürfels begann. Außerdem erhielt am 13. Oktober 1908 der spätere Chemie-Nobelpreisträger Fritz Haber das Patent auf ein Verfahren zur Ammoniaksynthese, das die Kunstdüngerherstellung revolutionierte.

Am 30. Juni gegen 7:15 Uhr passierte Merkwürdiges im dünnbesiedelten Tunguska-Gebiert Sibiriens. Auf einem Gebiet von über 2000 km² wurden vermutlich rund 60 Millionen Bäume umgeknickt. Noch in über 500 Kilometern Entfernung wurden ein heller Feuerschein, eine starke Erschütterung, eine Druckwelle und ein Donnergeräusch wahrgenommen, unter anderem von Reisenden der Transsibirischen Eisenbahn. War ein Asteroid oder ein Komet eingeschlagen?

Und dann, das Jahr ist schon fast zu Ende, die wohl schwerste Naturkatastrophe in Europa im 20. Jahrhundert:
Das Erdbeben in der Straße von Messina (zwischen Sizilien und Kalabrien) am 28. Dezember 1908 dauerte 37 Sekunden, die genügten, um die Städte Messina und Reggio Calabria nahezu völlig zu zerstören. Brände und ein Tsunami forderten weitere Opfer. Die Zahlen schwanken, es sollen zwischen 72.000 und 110.000 Menschen umgekommen sein.

Während Walter sich um den Umzug der Familie in seine alte „Heimatstadt Tschifu“ kümmerte (er meldete sich am 2. Februar 1909 offiziell aus Tsingtau ab), fuhr Otti mit ihren nun 3 Kindern wieder zu ihrer Mutter. Ilse ist jetzt 5, Harald fast 2 ½ und Helmut gerade ein halbes Jahr alt. Ihre erste, ausführlich beschriebene Schiffsreise liegt 6 Jahre zurück. Erster Klasse reist sie nicht mehr und ihre Gedanken und Sorgen sind andere

Großmutter Fock in Hamburg - Kopie

Ottis Mutter Auguste Fock an ihrem Schreibtisch in Bergedorf

Diese erneute Deutschland-Reise wird nur erwähnt in Haralds Kindertagebuch:

 Mit 15 Monaten stand er und erst mit 1 ¾ Jahren lief er uns allein davon. Die Fontanelle schloss sich erst, als er zwei Jahre alt war. Lange Zeit blieb der Kopf unverhältnismäßig groß und den kleinen Dickbauch bewahrt er sich bis ins 5. Jahr. Erworbene Rachitis, nicht angeboren, sagt der Arzt. Unterernährung, verbunden mit Klimafieber waren die Ursachen. Er ist ein äußerlich zarter Junge voll von ungebärdigem Trotz und Eigensinn, immer voll von Wünschen. Als er zwei Jahre alt ist, treiben böse Verhältnisse mich mit den Kindern, Ilse, Harald, Helmut wieder nach Bergedorf. Timissee wird Harald auf dem Schiff genannt, weil ein Engländer verstand, er hieße Timm. Wenn die Schiffskapelle spielt, ist der Junge still und lauscht mit Andacht, ernsthaft mit seinen kleinen Füßen den Takt schlagend. In Bergedorf lernt er auch langsam aber gut und richtig sprechen und wird etwas kräftiger. Er wird Großmutters Goldjunge und verzogener Liebling. Als er schwer von Diphtheritis krank wird, nimmt sie ihn ganz ins Haus für einige Zeit und pflegt ihn rührend.
Wunderbare, nie vergessene Ereignisse, nach denen sie sich in China noch oft zurücksehnen, sind in Bergedorf das Schützenfest, Markt und all das, was sie auf den Straßen sehen. – Dabei fällt mir plötzlich ein, dass Harald noch bis heute nie bei seinem richtigen Namen, sondern immer nur „Brüderchen“ genannt wird. So kennen ihn auch die chinesischen Dienstboten, das ist der Name, mit dem man ihn in Chefoo nennt, und nur wenige wissen, wen ich meine, wenn ich von Harald rede. Merkwürdigerweise spricht er von vornherein von sich selbst als „ich“. Ilse ist die einzige, die sich lange selbst mit „Ilse“ bezeichnete. –
Am 29. Oktober 1909 trat ich mit den Kindern jubelnd die Rückreise zum Vater an, nach Chefoo diesmal, und über Sibirien. „Martyrium einer Mutter“, solche Art Überschrift war mir im Sinn, als ich mir einmal vornahm, einen kleinen Aufsatz über diese schrecklichste aller meiner Reisen, zu schreiben. Harald war sehr krank. Tagelang lag er fiebernd, teilweise apathisch, teilweise weinend, aß nicht, wollte nur trinken, und ich, elend und halbtot mit den beiden andern Kindern dabei in dem ungemütlichen Abteil des weiterrasenden Zuges. Als uns in Mandschuria der Vater überrascht um Mitternacht, die Mutter kindisch selig ist und Ilse, geweckt, noch im Halbschlaf ihn zärtlich begrüßt, richtet Harald sich auf und fragt langsam und ruhig: „Bist du auch ein Vater? Ich hab nur einen Chefoo-Vater.“ Langsam, nach Tagen, begreift er, dass die beiden eine Person sind.

Wie lange wohl Walter gebraucht hat, um ihr entgegen zu fahren bis nach Mandschuria (heute Manzhouli oder Manjur [Manžur]), in die Grenzstadt zwischen China und Russland in der Inneren Mongolei?

Reisepass Otti 1909 1

  Reisepass Otti 1909 2   Reisepass Otti 1909 3

Reisepass Otti 1909

Die letzte Etappe in China:

Chefoo (Tschifu) 1910 – 1912

Chefoo from the East

Schon bald nach Ottis Rückkehr wird sie wieder schwanger…

                                                                                                                             18.2.1910, Chefoo
Mein lieb Mutting.
Das war aber fein, zwei so lange und liebe Brief von Dir vom 25. Jan. und 1. Febr.! Es hat mich ganz schrecklich gefreut, dass Du so süß und ruhig über No 4 schreibst, ohne alle unnötigen Klagen u.s.w. Es ist schließlich ja doch auch immer etwas Schönes und man findet sich auch immer wieder mit einer stillen Freude hinein, wenn es auch manchmal sehr gegen den Strich kommt und man Tage hat, in denen man ein bisschen sehnsüchtig an die übermütige Frische der vorhergehenden Zeit zurückdenkt. Na, Du hast es jetzt auch nicht leicht mit Deinen Zähnen. Ich kann mir recht vorstellen, wie ungemütlich und schmerzhaft das in der ersten Zeit sein muss. Aber ich freu mich doch mächtig darüber, dass es nun endlich so weit ist und wir wieder eine schöne, junge Mutter haben. (Auguste Fock wird im März 58 Jahre alt) Sicherlich ist es doch auch viel gesünder. Aber anfangs gehört wohl eine ganze Menge Tapferkeit dazu, all das Ungemütliche zu ertragen. Mutter Anz hat es ja nicht können. –
Ich hatte übrigens in diesen Tagen einen Brief von ihr, erst den zweiten, seit ich hier bin; darin steht nichts, als eine Klage, dass Walter ihr nichts zum Geburtstag gezeichnet hat und dass er sein Haar so kurz trägt  (lange Haare geben ihm eine sehr hässliche Kopfform). Ist das nicht seltsam? Sie ist so furchtbar verschieden, manchmal weiß ich gar nicht, was ich daraus machen soll.
Vater Anz ist vor 3 Tagen sehr fidel und aufgeregt abgereist und hat heute ein paar Worte an Herrn Busse geschrieben, den er gebeten hat, ihm seinen Stiefelknecht nachzuschicken.
Es ist komisch und traurig zugleich. Ende März oder Anfang April wird er nun wohl auch mal bei Euch ankommen. Hoffentlich kommt er nicht wieder hierher. Es wird ja doch nichts mit all seinen Plänen. Aber der Himmel weiß, wie es wird, wenn er keine Pläne mehr zu machen und keine Coconproben vor sich hat. Er wird die zarte Mutter totquälen. In diesen Tagen will ich ihr übrigens auch mein „Geheimnis“ erzählen. Du brauchst nun nicht mehr zu schweigen. Es geht mir übrigens außerordentlich gut. Denk mal, ich hab jetzt 10 Pfd. zugenommen, wiege 113 Pfd und sehe so frisch und blühend aus, dass selbst der Dr. mir noch nichts anmerkt, der sonst überall bei jungen Frauen ein „baby inside“ wittert. Walter sagt, ich wäre jetzt ’schön‘, so könnte ich immer bleiben, ich gefalle mir selbst auch so viel besser. Meistens bin ich auch übermütig fidel, es kommen natürlich auch Tage, wo ich mich ganz abscheulich fühle und immer so herumhänge. Und dann bin ich von einer unsagbaren Trägheit in allem, besonders im Schreiben. An Briefen wird nur das Nötigste geschrieben, an die Reise mag ich gar nicht denken. Vielleicht später, wenn der schlimme Anfang der 9 Monate erst mal überwunden ist. Jetzt bin ich faul, faul, faul und immer grenzenlos müde. Nähsachen liegen haufenweise und kommen nicht weiter. Walter bestärkt mich noch darin. Wenn ich über die schöne, verlorene Zeit jammere, dann sagt er, für die verlorenen Tage gewönne ich vielleicht die doppelte Zeit durch Aufstapelung von Lebenskraft. Er verwöhnt mich schrecklich. Ich hab es ja überhaupt so furchtbar gut, da lässt sich all so was schon ertragen. Und die drei Kinder sind so süß und – klopf unter den Tisch – so gesund. Ilse hat ein großes Unglück gehabt, ihr Puppenkopf ist zerbrochen. Sie hat die Puppe immer so schön gehalten, nun ist sie sehr traurig. Hier kann ich keine wiederbekommen. Es ist sonst wirklich jetzt ein Spaß, Ilse etwas zu schenken. Sie macht nichts mehr kaputt und hält alles so gut. Nach Ostern soll sie in die englische „Vorbereitungsschule“, sie ist schon aufgenommen. Da soll sie den Sommer über mitlaufen, um englisch zu lernen und dann vom Herbst an richtig Unterricht haben. Da wird der Anfang also ganz englisch. Ich möchte ihr aber gern immer dasselbe im Deutschen beibringen. Magst Du mir wohl eine Fibel schicken und irgendein kleines Buch für den ersten Rechenunterricht? Sie hat selbst viel Lust, zu lernen, zählt schon bis 20, englisch bis 6.
Ich hab diesmal doch noch eine ganze Menge Wünsche an Dich. Wegen des Silberschrankes hab ich mit Herrn Busse, der stellvertretender Chef ist, gesprochen – Oscar (Walters Bruder) wird erst am 5. März zurückerwartet, hat nichts angeordnet. Herr B. sagte, er nähme als selbstverständlich an, dass ich den selbst besorgte und würde es sicher nicht gern haben, wenn ich ihm noch mal mit Fragen käme. Nun hat Herr B mir einen Cheque über 480 M gegeben, Schrank incl. Hersendung. Den schicke ich Dir einliegend. Willst du so furchtbar nett sein, ihn mir zu besorgen? Ich möchte, Du machtest es am liebsten so: fährst eines nachmittags oder abends mit Ilse (Ottis Schwester) auf Chequeunkosten nach Hamburg, besorgst alles, gehst mir Ilse ins Theater und isst vorher oder nachher gut auf mein Wohl mit ihr, schlägst außerdem noch einige Mark bar für Dich heraus. Den Schrank nimm zu 350 M (solchen hab ich gesehen), frag die Leute im Geschäft, ob sie die Hersendung übernehmen wollen. Dann sollen sie ihn als Frachtgut an Frau Walter Anz, Chefoo, China schicken und für 500 M versichern. Die Hersendungskosten mit Versicherung werden ungefähr 30 M betragen. Wollen sie den Transport nicht selbst übernehmen, bitte sie, den Schrank an G. Westendorf, Alsterarkaden oder Alsterdamm zu schicken und die zu veranlassen, zu versichern und mir zu schicken. Für das übrige Geld kaufe mir, bitte, schon einige Babysachen, alles wenig und ganz einfach.Die lege hin, bis alles zusammen ist und erzähle immer, schreibe auch nach hier, der Schrank hätte 450 M gekostet. Willst du das? Das ist doch kein Betrug, nicht? Ich weiß nicht recht, wo das Geld für die Babysachen herkommen soll und der Schrank braucht gar nicht so teuer zu sein. Anfang Mai müssen die Babysachen abgeschickt werden, dann sind sie Ende Juli hier. Ich mag immer gern alles 6 Wochen vorher in Ordnung haben. Darüber schreib ich Dir aber noch mal ganz genau. Bitte doch Hanna (Hanna Eggers, auch eine Schwester von Otti), mir mal alles, was sie notwendig brauchte, auch an Medikamenten für sich und das Kind, aufzuschreiben. Ich hab das ja alles nie ordentlich kennen gelernt, mir immer alles zurechtgestoppelt. Einen Wagen leih ich von Busses, die dann ja in Deutschland sind, Badewanne lass ich mir machen. Vielleicht kann Guschi (Guschi Richter, die dritte Schwester) auch noch raten. Windeln mach ich selbst einen Teil, davon kauft wenig, Hemdchen nicht mehr als 6, größere hab ich, Jäckchen vielleicht 6 gestrickte, sechs zur Zier, 6 Unterlagen, u.s.w, auch eine Unterlage für mich. Frag Guschi doch mal, ob sie meinen Brief mit der Decke bekommen hat ohne Zoll, und ob sie sich gefreut hat. – Jonny Meyer ist ein Frechdachs, ich hab alle Rechnungen persönlich an ihn selbst bezahlt, bin überhaupt, nichts schuldig geblieben, weder in B. (Bergedorf), noch in H. (Hamburg)
Vom Baumeister (ihr Begleiter der allerersten Chinareise) erwarte ich Ende Februar wieder Nachricht. Ich hab Dir erzählt, dass ich zwei furchtbar nette Briefe von der Reise hatte und jetzt vor kurzem eine Karte aus Capstadt, die seine glückliche Ankunft meldete, nicht? Er ist von da über Kimberley, Pretoria, Johannesburg, Capstadt nach Swakopmund gefahren, wohin er sich Briefe bestellt hatte und wo er am 5. Jan. sein wollte. Von da sollte es dann gleich wieder weiter gehen. Ich hoffe aber, von dort Nachricht zu bekommen. Die braucht bis hierher gute 6 Wochen. Wenn ich etwas höre, schreib ich es Dir. Anfang März müssten die Choc., die Cigarren und die Bücher ankommen, die er mir von Berlin aus hat schicken lassen. Darauf freuen wir uns sehr. –
In dieser Zeit feiern die Chinesen Neujahr.
Da ist mit den Leuten nicht viel anzufangen. Einen ganzen Tag waren boy und Amah verschwunden, das war ungemütlich. Da hatte ich mal wieder die 3 ganz allein. Sie waren aber ganz besonders süß und artig. Nun hat auch noch ein Kuli um 14 Tage, der boy um 8 Tage Urlaub gebeten. Die stellen natürlich beide Stellvertreter, aber ungemütlich ist’s doch. Sonst ist das frohe, bunte Leben nett, so viel Feuerwerk, Kasperletheater auf den Straßen mit chinesischen Figuren, wandernde Musiker und Märchenerzähler, Scharen von Kindern in bunten, neuen Kleidern, Spielzeug- und Süßigkeitenhändler, Bumm-Musik u.s.w. Die Alten tragen ihre Vögel in die Sonne und stehen stundenlang geduldig und lassen sich etwas vorsingen, die Käfige hoch in die Höhe haltend. Das dauert 14 Tage, ist erst mit dem 25. Febr. vorbei.
Wie furchtbar brav Deine Hühner sind
! Ich sah sie so deutlich vor mir, wie alles da bei Dir. Wie oft haben wir an der Gartenpforte gestanden und geklöhnt, dass der Zug beinahe wegfuhr. Ilse und Harald sprechen immer von ihrer „süßen Großmutter“. Wir könnten auch Hühner halten, aber ich hab kein Talent für solches Viehzeug. – Grüß John (Ottis Bruder) und Ilse sehr herzlich. Dir viele, innige Grüße von uns allen! Hoch der Märchenglaube!
Deine Otti

Am 26. August 1910 wird Oscar geboren.

Ernennung Walter Beisitzer

Walter wird am 27.12.1910 zum stellvertretenden Beisitzer am Konsulargericht Tschifu für 1911 ernannt und am gleichen Tag wird gemeldet:

In China verbreitet sich die Lungenpest. Bis 1911 fallen der Epidemie, die vor allem in der Mandschurei grassiert, mehr als 60 000 Menschen zum Opfer.

Im „Mäusehaus“, so nennen die Kinder später ihr Häuschen in Chefoo, trägt Otti weiter ihre Beobachtungen in die „Kinder-Kladden“ ein.
Über den inzwischen fast fünfjährigen Harald, der auch bei seiner zweiten langen Reise nach und von Deutschland so krank war, schreibt sie im September 1911:

Der erste Sommer in Chefoo nimmt den zarten, kleinen Kerl schwer mit. Im Juni 1910 steckt Ilse ihn mit den Masern an, die sie aus der Schule mitgebracht hat. Es nützt nicht, dass er selbst wiederholt energisch erklärt: „Ich will nicht so rote Flohbacken haben, wie Ilse.“ Er hat mehr zu leiden, als all die andern und erholt sich nicht wieder. Den ganzen Sommer schleicht er herum, blass und mager, immer krank. Im Herbst wird es besser. Die blassen, mageren Backen runden und röten sich. In dem kleinen Kopf arbeiten die Gedanken. Das Fragen beginnt und dieses eindringliche, ununterbrochene Fragen, das bleibt sein Markenzeichen auch im 5. Jahr. Nichts Auffälliges oder Absonderliches entgeht ihm. Eingehend betrachtet er sich eine Dame mit Brille, die bei uns Besuch macht. „Warum haben solche Tanten immer solche Brillen?“, fragt er plötzlich in seiner langsamen, sachlichen Weise. „Damit sie besser sehen können“, er wird vorsichtig zur Seite geschoben. Die Dame lacht. „Warum haben solche Tanten immer so viel Gold im Mund?“ ruft er, lebhaft interessiert. Raus flog er. „Können die Fische auch häkeln und nähen?“ Er antwortet sich selbst: „Ach nein, die dürfen ja keine Kleider haben, sonst können wir sie nicht essen.“ „Wie kommen die Kerne in die Kirschen hinein, und wie macht man die dann wieder zu?“ – Wie Ilse in dem Alter bildet er sich oft hübsche Ausdrücke. So ruft er einmal, als ich ganz beschneit nach Hause komme: „O, Mutti, wie bist du beschneibelt!“ – Für das Gefühl der Freude, wie überhaupt für jede Empfindung, hat er immer die stärksten Ausdrücke. „Ich freu mich so, dass ich mich gleich selbst ins Feuer werfen möchte,“ ruft er einmal, als ich ihn mit in die Stadt nehmen will. – Dann, ein Beweis seines Nachdenkens: „Wie macht man ein kaputtgeschossenes Schiff unten heil?“ – Und ein Zeichen wie fein und genau solch ein Kind beobachtet: „Was ist das für ein Tier, das da fliegt?“ „Ich glaube, ein Schmetterling.“ – „Nein, ich glaube, es ist eine Mogge (Motte). Der Schmetterling macht die Flügel immer rauf und runter, so (er macht‘s vor), die Mogge hält sie so ganz grade.“ – „Wie sieht das Herz der Sonne aus? – Wo haben die Blumen ihren Magen? Was für Blut haben die Sterne? Warum ist es am Tage nicht mehr dunkel? Was denkt die Blume, wenn ich bei ihr stehe? Wenn ich nun so groß werde, wie die Sonne, was dann?“ – Das alles sind Fragen, die täglich zu Hunderten vorkommen.
In der für Chefoo so schweren Zeit der Lungenpest – Mitte Januar bis Ende April 1911 – werden die Kinder streng in Haus und Garten gehalten, damit jede Gefahr der Ansteckung vermieden wird. Es ist ein ganz besonderes Vergnügen für sie, einmal mit der Pestmaske über die Straße zu laufen. Trotz der Abschirmung, bekommen sie alle vier Windpocken. Diesmal kommt Harald am schnellsten und besten davon. Er hat nur wenige Stellen und leidet so wenig, dass er gar nicht ins Bett braucht und schnell wieder ganz in Ordnung ist.
Ganz plötzlich zeigt sich bei ihm eine merkwürdige Begabung und Ausdauer, aus seinen Bausteinen die schönsten Gebäude aufzuführen. „Du musst Architekt werden, Brüderchen“, sag ich. Er sieht mich fragend und lächelnd an. Dann scheint ihm das Wort wohl zu ungeheuer. „Nein“, sagt er energisch.
Als die große Frage der Übersiedlung nach Argentinien verhandelt wird, und der Vater, um all seine vielen Schreibsachen besser erledigen zu können, sich die Schreibmaschine mit nach Hause bringt, ist Brüderchen ganz Spannung und Interesse. „Machst du so Geld, Vater?“ fragt er und wartet auf die Dollarstücke, die nach seiner Meinung da herausspringen müssen.
Einmal abends sehen wir zusammen ein Glühwürmchen. Die Kinder sind entzückt. „Wie kommt es, dass es so leuchtet?“ fragt Ilse. „Es hat eine kleine Laterne im Leib“, sag ich scherzend. Ilse: „Aber wie macht es das, trägt es die abends immer mit sich herum?“ – „Damit es nicht solche Angst hat?“ – fällt Brüderchen eifrig ein. …

Ilse mit Harald und Helmut - Kopie

Ilse mit Helmut und Harald

Über Helmut und Oscar schreibt sie zwischen Juni und September 1911:

Wolfgang, Helmut, John
„Jetzt komm ich!“ so segelt unser Helmut ins Zimmer, und das ist charakteristisch für ihn. Seine kleine Person ist von dem Wert und der hohen Wichtigkeit seines Ichs schon tief durchdrungen. Für ihn gibt‘s nichts Unüberwindliches, er findet Wege, alles Schwierige zu bewältigen, oder, wenn etwas seiner Kraft und Erfindungsgabe dennoch trotzt, durch Wutgebrüll eilige Hilfe herbeizulocken. Im nächsten Monat wird er drei Jahre alt.
Er war genau 1 ¼ Jahr, als er uns allein davonlief. Naturgemäß brauchte er die Amah am nötigsten und ebenso naturgemäß wurde er ein recht verzogenes, unartiges, anspruchsvolles, herrschsüchtiges Amahkind, das eher chinesisch sprach als deutsch. Jetzt ist es ein drolliges Gemisch von chinesisch, deutsch und englisch. Er richtet sich nach der Nationalität der Person, mit der er sich unterhält.  Das erste, verständliche Wort, das er hervorbringen konnte, war ein forderndes „Butterbrot!“ Und das blieb sein Lieblingswort und Ding. Seit er Weihnachten 1910 auf einer großen Kindergesellschaft beim Kaffee in eine allgemeine Stille hinein auch noch „schibaula!“ (ich bin voll!) rief, blieb ihm dieser Name in Chefoo bis auf den heutigen Tag. Er ist ein kräftiger, hübscher Bengel mit graden Beinen und schönen, großen Augen. Über der oft finster gerunzelten Stirn wohnt ein starker Trotz. Aber, wenn man ihn nur ruhig sich besinnen läßt, kommt er immer ohne Zwang und Schelte selbst schnell zum Gehorsam. Zwang ist etwas, was er am wenigsten ertragen kann. – Wirkt Ilse wie ein Sonnenstrahl und Brüderchen (Harald) wie der Mond, so ist Helmut wie die Erde, stark, sicher, voll Kraft und Gesundheit. – Getauft wurde er in Tsingtau, im Oktober 1908, vom deutschen Pfarrer Winter. Seine Patentante, Frau Helene Fuhrmeister, nach der er genannt ist, schenkte ihm zu seinem 1. Geburtstag ein Sparkassenbuch mit 50 M, zu denen sie an jedem Geburtstag 10 M hinzutut. Sie selbst hat das Buch in Verwahrung und wohnt jetzt in Alt-Rahlstedt bei Hamburg, mein Junge. Nur, damit du’s weißt. –
Als Proben seiner ersten Sprachkunst:
„Wo yan dsche go smallo paper!” (Ich möchte dieses kleine Stück Papier!“ oder beim Anblick eines großen, fliegenden Falken: „Oh, Mutti, looksee dsche go schibaula kikerihi!“ (Oh, Mutti, sieh diesen vollgefressenen Hahn!“)
Er liebt nichts Gekünsteltes, z.B. sind Schleier ihm ein Abscheu. Wo er sie sieht, reißt er sie einfach ab, wie es mir zweimal passiert ist bei Damen, die bei mir Besuch machten. Einmal sag ich im Scherz zu ihm: „Helmut, bring Mutti mal ihren Mantel aus dem Schlafzimmer!“ „Ja“ sagt er strahlend, segelt ab und kommt rasch mit einem – Waschlappen – zurück, dem Instrument, nach dem ich meistens zuerst greife, wenn ich ihn sehe. –
Mit den beiden älteren Kindern zusammen hat er Masern, mit ihnen auch im letzten Februar Windpocken. Er ist ein paar Tage krank, schüttelt aber schnell und gründlich alles wieder ab. So hätten wir zwei der alten hässlichen Kinderkrankheiten schon mit 2 Jahren überwunden!
Er betont oft, daß er groß ist und will alles selbst. „Ich kann schrecklich“, ist sein Lieblingswort. Mit Oscar teilt er die Angst vor lauten Tönen, das Grammophon jagt ihm Schrecken ein, er läuft schließlich heulend davon. Angst macht sich überhaupt jetzt mehr bemerkbar, besonders vor Tieren, denen gegenüber er früher fast zu kühn war. Ob einmal eins ihm wehgetan hat? Weihnachts- und Geburtstagsmann spielen auch schon bei ihm eine Rolle. Einmal, als es stark donnert, kommt er zu mir gelaufen: „Mutti, Weihnachtsmann böse!“ –
Gewitter ist allen drei Kindern bis jetzt aber nur interessant, Angst kennen sie zum Glück noch nicht.

Otti in China Ölbild von Walter - Kopie

Otti wahrscheinlich im Häuschen in Chefoo – Schwarzweiß-Fotografie eines Ölbildes von Walter Anz –
Wo ist das Original?

Oscar, Walter
Über dich ist noch nicht viel zu sagen, mein süßer Junge, du erstes Kind mit den ersehnten, dunklen Augen! – Du wurdest geboren in Chefoo, am 26. August 1910. Und deiner Geburt, mein kleines Glückskind, ist für deine Mutter eine schöne, sonnige Zeit vorangegangen voll tiefer Seelenharmonie, körperlicher Gesundheit, voll von Freude unter den Augen deines lieben Vaters, dessen Liebling du bist. Wenn ich an die Tage zurückdenke, die deiner Geburt folgten, so ist alles in hellstes Licht getaucht. Das möge dir ein schönes und glückliches Zeichen für deinen Lebensweg werden. Du bist ein süßes Kind jetzt, ein „ganz besonders reizendes baby“, wie die liebe Tante Busse sagt, und hast dich bis jetzt in jeder Hinsicht schön und normal entwickelt. 3 Monate hat dich die Mutter selbst genährt, darin hast du’s nicht so gut gehabt, wie deine Geschwister, denn Ilse hat das Vergnügen 6 Monate, die beiden anderen Jungens 5 Monate genossen. Aber die Flasche ist dir auch gut bekommen, und jetzt, mit 10 Monaten, isst du schon tapfer Gemüse, Reis und Eier mit und hast 6 Zähne, zu denen grade jetzt noch welche hinzukommen wollen. Ein bisschen schreckhaft bist du, wohl, weil die Mutter sich vorher immer sehr über einen chinesischen Buttler ängstigte. Unartig bist du nur, wenn du hungrig bist, dann kann die Mutter das wilde Tierchen aber auch kaum bändigen. Sonst spielst du stundenlang in deiner box, für dich allein, in der du jetzt auch schon sicher und fest stehen kannst, wenn es dir auch manchmal nicht recht klar ist, wie man die Füße setzen muss. – Getauft bist du noch nicht, weil sich noch kein deutscher Pfarrer hierher verirrte und wir fürchteten, dass es dir einmal irgendwie schädlich sein könnte, wenn diese notwendige Handlung nach englischem Ritus geschähe. Namen hast du trotz alledem nach deinem Onkel Oscar Anz und Walter Busse, den beiden Männern, die hier in Chefoo deinen Eltern die liebsten und nächsten waren.
Glück auf, mein Kind! Noch verlangst du nicht viel und bist froh, wenn du satt bist und alles um dich herum behaglich ist. Entwickle dich so weiter, wie du angefangen hast, und Sonne, viel Sonne auf deinem Weg! –
Eine von den vielen Kinderkrankheiten hast du auch schon hinter dir. Die andern drei steckten dich mit den Windpocken an, als du kaum 6 Monate alt warst. Dein ganzer, kleiner Körper war über und über bedeckt mit großen Pocken, die offenbar stark juckten und dich scheußlich quälten. Noch jetzt, 5 Monate später, sind Narben sichtbar.
Dein erster Geburtstag, am 26. August 1911, ist ein Ereignis. Den ganzen Morgen gibt‘s Gratulationen. Um 10 Uhr kommt in einer Rickscha der chinesische Buttler ohne Beine, dem wir mal etwas Geld und alte Kleider geschenkt haben, und der am Tag nach deiner Geburt einen großen Korb voll Blumen brachte, mit 20 Eiern in einem neuen, saubern Tuch und viel Blumen. Nach langen Regentagen scheint zum ersten Mal die Sonne wieder hell und strahlend vom blauen Himmel. Am Nachmittag stellen sich 10 kleine Gratulanten ein, Kinder im Alter von 2 Monaten bis zu 3 Jahren mit ihren Müttern. Ein buntes Gewimmel ist’s und beschenkt wirst du wie ein kleiner Prinz.
Und am 3. Sept. 1911 wirst du getauft! Hier liegen 5 deutsche Kriegsschiffe im Hafen. Die haben auch einen Marinepfarrer aufzuweisen, einen frischen, sympathischen Menschen. Konsul Lenz vermittelt, er muss an dem einen Sonntagvormittag die drei deutschen Heidenkinder taufen, hintereinander. Eine stille, einfache Feier ist’s bei uns, aber hübsch. Anwesend sind nur Ehepaar Busse, Ehepaar Schmidt und Konsul Lenz, mit uns Sechsen doch alles in allem 12 Personen. Sekt gibt‘s nicht, nachher werden auf der Veranda nur sandwiches und Portwein gereicht. Dein Taufpatenonkel, Herr Busse steckt mir eine Karte zu, die sich als ein Gutschein erweist auf ein Sparkassenbuch in Deutschland mit 20 M Einlage und dem Versprechen an jedem 3. Sept. 10 M. hinzuzufügen bis zu deinem 15. Geburtstag. Von deinem Hauptpaten konnte kein Zeichen da sein, weil er um diese Zeit in Indien herumgondelte und keine Ahnung von dem großen Ereignis hatte, das sich hier abspielte. An deinem Geburtstagabend kam von ihm ein Telegramm aus Darjeeling. Das war hübsch. Armer, Onkel Oscar, ihm mögen in dieser Zeit Seele und Geist ganz erfüllt gewesen sein von Gedanken, Sorgen und Gefühlen, die weitab lagen von dir, kleines Menschenwesen, das eben erst mit dem Leben beginnt.
Im Augenblick, wir schreiben den 26. September 1911, kriechst du wie der Blitz durch die Zimmer, zwingst mich immer wieder, aufzuspringen und dir nachzueilen, weil du in gefährliche Weiten entfleuchst, oder mit immer neuer Energie die 3 Stufen zu meinem Nähplatz erkletterst. Hübsch und klug siehst du aus, mein Liebling, bist groß und vollständig normal entwickelt. – Die liebe Tante Black hat dir noch nachträglich zur Taufe einen schönen, chinesischen Löffel geschenkt mit deinem Namen. –

1911, Walter, Otti und Kinder in Tschifu - Kopie

Vor dem „Mäusehaus“ in Chefoo im Sommer 1911: Vater Walter mit Harald, Ilse, Helmut, Otti mit Oscar

Und während sich die politische Situation im Land immer mehr zuspitzt – Nachrichten von Aufständen in verschiedenen Teilen des Landes und von der Xinhai-Revolution in der Garnison in Wuhan am 10. Oktober 1911 dringen auch nach Chefoo – plant Walter seine neue berufliche Zukunft in Argentinien. Schon im Juli hatte er nach Absagen von der deutschen und auch von der chinesischen Regierung, für die er am liebsten gearbeitet hätte, folgenden Brief erhalten:

Telegraphische Adr. Geminas Baires, Argentina
9.7.11
Herrrn Walter Anz, Tschifu.

Sehr geehrter Herr,

Ihre Schreiben an den Chef der División de Minas etc. und an mich sind hier angelangt.
Was nun zunächst Herrn Bailey Willis betrifft, so muss ich Ihnen sagen, dass es sich bei dessen Aufnahmen um ein Konkurrenzunternehmen handelt. Einer der hauptsächlichen Zwecke dabei ist, die Deutschen hier, und auch in Chile und Uruguay, hinaus zu drängen, so wie es in Brasilien schon geschehen ist. Ich glaube deshalb, dass Sie als Deutscher dort nicht viel Aussicht haben. Immerhin ist es möglich.
Leider kann ich Ihnen in Bezug auf Ihre Anstellung in der División de Minas etc. nicht Das mitteilen, was ich wünsche. Sie wohnen zu weit von hier, und es ist augenblicklich keine Möglichkeit, die grossen Kosten, die der Umzug einer Familie von China bis hierher verursacht, herauszuschlagen. Denn der Chef der División ist hierin vom Minister abhängig, und der Minister und der President der Republik wollen sparen (was freilich überall immer zuerst die Kleinen trifft).
Ich will Ihnen auch sagen, dass die Geologen, die aus Deutschland kommen, keine besondere Reisevergütung erhalten. Sie bezahlen die Reise selber und erhalten dann für den Monat, den diese gewöhnlich in Anspruch nimmt, den halben Gehalt und 5 $ Papier (1 $ Papier = 1,80 M.) als Diäten. Das ist Alles; und mehr würde auch Ihnen nicht bewilligt werden. Denn der Minister sagt sich: ich habe Angebote von Leuten mit der selben Ausbildung, die näher wohnen, folglich nehme ich auf Wohnort und Familie keine Rücksicht. Dagegen ist nun nichts zu machen.
Die División bietet Ihnen eine Stelle als Kartograph an. Als ich Ihnen den Brief aus Mendoza schrieb, war vorher die Rede davon, eine kartographische Abteilung zu gründen. Der Plan ist vorläufig aufgegeben. Sie würden Kartograph der topographischen Abteilung sein, mit der Berechtigung später der Leiter der kartographischen Abteilung zu werden. Damit hätten Sie ein Gehalt von 500 $ Papier (das Gehalt der Geologen). Das ist nicht viel, wenn man verheiratet ist und Kinder hat. Sie müssten sich in mancher Beziehung schon etwas einschränken, wenn Sie nicht in einer Nebenstellung noch 100 – 200 $ dazuverdienen. Das ist freilich, wie ich glaube, nicht sehr schwer. Denn die Amtsstunden sind von 12 – 6 Uhr nachmittags. Den ganzen Morgen hätten sie frei, und die Herstellung und Veröffentlichung der Kartenwerke für den Bedarf des Publikums liegt ganz in den Händen von Privaten.
Ausserdem sehe ich aus Ihrem Lebenslauf, dass Sie künstlerische Vorbildung haben, eine Möglichkeit vielleicht mehr, Geld zu verdienen. Ich sage Ihnen diese Dinge aber nicht, um Ihnen die nackten Tatsachen zu verschleiern. Sie müssen selbst entscheiden.
Sie sind nicht der einzige Bewerber. Wenn Ihnen die Bedingungen annehmbar erscheinen, so schreiben Sie es mir bitte. Es wäre allerdings gut, wenn Sie in diesem Falle bald kommen würden und dann statt zu schreiben telegraphierten.
Die Telegrammadresse habe ich oben angegeben. Mein Name ist darin nicht nötig.
Es tut mir leid, dass ich für Sie, in diesem Augenblicke wenigstens, nicht mehr habe tun können.

Mit ergebenem Grusse bin ich
Ihr H. Kudel

Inmitten all der äußeren und inneren Ungewissheiten wird Tochter Ursel geboren.

Im Januar 1912 schreibt Otti:

Ursel, Dora, Grace
Deiner Geburt hab ich mit schwerer Angst entgegengesehen, Urselchen. Du warst nicht gewünscht, und ich  hatte die größten Tollheiten gemacht, dich nicht zur Welt bringen zu müssen. Als ich dann aber fühlte, wie du lebtest, da kam die Liebe und die Angst, du könntest gelitten haben. Aber du warst ein feines, kräftiges, durch und durch gesundes Kind, als du am 10. November 1911 um ½ 10 Uhr abends in Chefoo mit größter Eile zur Welt kamst. (Geburtsurkunde ausgestellt am 11.11.1911) Und wir waren so glücklich! Du bist in deinen ersten Lebenswochen gewaltig vom Vater verzogen worden. Wie oft ist er nachts um dich aufgestanden, wie hat er dich herumgetragen und dir vorgesungen, du unruhiger, kleiner Schreihals. Jetzt bist du 3 Monate alt und schon lange aus dem dummen Vierteljahr heraus. Nach 6 Wochen fingst du schon an zu lachen, reden und bald darauf auch, dich energisch aufzurichten. Du versprichst dunkel zu werden, wie Oscar. Stark zeichnen sich die Brauen vom kleinen, zarten Gesichtchen ab. Und lebhaft bist du! Immer ist alles in Bewegung. Die Nase war zuerst sehr breit und seltsam, sie wächst sich aber schon jetzt zurecht. Noch nähre ich dich ganz ausschließlich selbst, aber im nächsten Monat, wenn das Impfen überstanden ist, muss auch wohl die Flasche in ihr Recht treten. Du warst ein großes Kind, bei der Geburt 7 Pfund schwer, jetzt wiegst du schon 13 ½ Pfund.
Und jetzt muss Mutter Otti dich ganz allein versorgen, unser Vater, unser lieber, ist auf der Fahrt nach Argentinien. Du sollst uns das äußere Glück bringen zu dem inneren, kleine Deern. – Genannt bist du nach Dora Busse, der liebsten Freundin deiner Eltern hier in Chefoo, und nach Grace Anz, Oscars Frau, die zur Zeit deiner Geburt in England war.

Anzkinder mit Amahs - Kopie

Kurz vor Walters Abreise: Die Kinder mit ihren Amahs (noch mit gebundenen Füßen!):
Helmut vorne, im Stühlchen Oscar, ganz rechts Ursel

Zu Oscar notiert sie ebenfalls im Januar 1912:

Jetzt läuft unser Oscar schon seit 6 Wochen ganz allein herum, als hätte er nie etwas anderes getan und spricht alles nach. Er ist Amahkind geworden, seit sich die kleine Ursel eingestellt hat, die Mutters ganze Pflege braucht. Die Umgebung um dich hat sich geändert, kleiner Oscar. Wir wohnen nicht mehr im „Mäusehaus“, sondern im Hotel Astor-Haus, seit der Vater sich auf die Reise nach Argentinien begeben hat. Von da aus ziehst du, wenn es das Wetter erlaubt, in deinem Sportwagen mit der Amah hinaus auf den Hügel, wo sich auch die andern Kinder vom settlement und aus der Stadt versammeln. Du bist ein starker, forscher Junge mit ausgeprägtem Willen, sehr abweisend Fremden gegenüber, aber schön und intelligent von Gesicht, Braunaug.

257_001 Chefoo Astor House Hotel - Kopie

Chefoo Astor Hotel 1911

Briefe an oder von Ottis Mutter liegen aus diesem ereignisreichen Jahr 1911 nicht vor. Auguste Fock wird ihrer Tochter aber vielleicht berichtet haben, dass in Hamburg-Fuhlsbüttel ein Flughafen eröffnet und der Elbtunnel eingeweiht wurde.

Für die allgemeinen Geschichtsbücher war es noch wichtiger, dass der englische König Georg V zum Kaiser von Indien gekrönt wurde.

Gebannt verfolgten die Menschen in der westlichen Welt aber vor allem das Drama, das sich in der Antarktis abspielte. Wer würde als erster Mensch den Südpol erreichen?
Zwei große Polarforscher kämpfen sich mit ihren Teams durch Eis, Schnee und fürchterliche Stürme: Während der Brite Robert Scott sich auf sibirische Ponys als Zugtiere verlässt, setzt Roald Amundsen, der Norweger, auf Schlittenhunde und … gewinnt. Am 14. Dezember 1911 erreicht er den geographischen Südpol. – Doch das Schicksal Scotts und seiner Helfer bewegt fast noch mehr. Wie furchtbar muss es für die Männer gewesen sein, als sie endlich ihr Ziel erreichen und erkennen müssen, dass sie einen Monat zu spät kommen. Auf dem Rückweg zum Basislager sterben Scott und seine vier Begleiter an Unterernährung, Krankheit und Unterkühlung.

Heißer geht es währenddessen in Mexiko zu. Dort reiten Emiliano Zapata und Francisco „Pancho“ Villa mit ihrer Armee aus besitzlosen Landarbeitern durch das bergige Hochland. Die Bevölkerung unterstützt sie zumeist in ihrem Guerillakampf gegen den Präsidenten General Porfirio Díaz, unter dessen Regierung die bäuerliche indianische Landbevölkerung unterdrückt und enteignet worden war zugunsten der Großgrundbesitzer. Unter der Führung von Francisco Madero gelingt es der Mexikanischen Revolution, den Präsidenten am 25. Mai 1911 schließlich zum Rücktritt und zum Verlassen des Landes zu zwingen. Letztlich dauert die Revolution aber noch bis 1920 an…

Lauter Abschiede

Im Januar 1912 verlässt Walter China, das Land, dem er sich tief verbunden fühlte, um dessen Sprache, Kultur und Schrift er sich so sehr bemüht hatte, und dessen Landschaft und Menschen ihm während vieler wochenlanger Fußwanderungen nahe gekommen und vertraut geworden waren.

20130924_184801 - Kopie

Walter Anz: Wahrscheinlich für die chinesische Regierung stellt er den Unterschied dar zwischen einer bereits veröffentlichten, fehlerhaften Karte (links) und seiner Aufnahme des Gebietes (rechts).

26 Jahre später schreibt Otti rückblickend:

… Walter Anz arbeitet seine Fähigkeiten und sein Können aus und bietet, als die Seidenfabrik ihre Pforten schließt, seine Dienste Ländern mit unerforschten Gebieten an, vor allem dem deutschen Reiche für seine Kolonien und der chinesischen Regierung. Briefe voll bewundernder Anerkennung antworten auf seine Angebote, aber immer wieder treten einer Anstellung Hindernisse entgegen. Als die chinesische Regierung ihn probeweise ausschickt, zwingen Unruhen im Lande die Auftraggeber, ihn zurückzurufen. Des Gelderwerbes wegen folgt er dem Rufe seines jüngeren Bruders Oscar, dem damaligen Chef der Firma Anz und Co., die in Hochblüte stand, nach Chefoo, um vorübergehend als kaufmännischer Angestellter zu wirken, ohne seine Pläne aus den Augen zu verlieren. –
Ende 1911, kurz vor der Geburt des fünften Kindes, kommt für ihn ein Ruf nach Argentinien an die geographische Abteilung der „Direccion de Minas y Geologia“ als staatlich besoldeter Angestellter beim Ministerio de Agricultura, dem er Anfang 1912 folgt. Er reist mit zwei Kindern von China ab, die er in Hamburg bei der Großmutter unterbringt, bis seine Frau mit den andern drei Kindern nachkommen kann. …

Walter wird nie wieder nach China zurückkehren. Und fast nie über seine Zeit dort sprechen oder schreiben.

Kopie Drache

Auch Ilse und Helmut müssen Abschied nehmen von der Mutter, der Amah und den Kinderfreunden. Ob sie mit dem Zug reisen? Wahrscheinlich.
Vater Walter bringt seine beiden Sprösslinge sofort nach Bergedorf zu Großmutter Fock und ist selbst schon am 7. Februar in Gotha.

                                                                                                                                  Gotha 7.2.12 Abends
Mein Nuckibipf.
Ganz schnell möcht ich Dir nach einem recht heftigen Hetztag hier in Gotha einen dicken, dicken Gruß schicken, ehe ich zum Abendessen in die Familie eines meiner früheren Militärkameraden gehe. Du, ich bin mit meinem Gothabesuch sehr zufrieden. Einmal, soweit es sich um meine dortigen Regierungsarbeiten handelt. Perthes (Verlag Justus Perthes – dort wurden Walters Chinaberichte und Karten seit 1898 gedruckt) würden sich gewaltig freuen, wenn sich durch meine Vermittlung die Reproduktion der dortigen kartographischen Arbeiten erhielten und würden dann auch eine entsprechende Commissions-Kalkulation für mich in ihrem Preis  einschließen. Dann kommt die Abteilung „Petermanns Mitteilungen“. (für die ich ja neulich den Aufsatz mit Karten schickte, die ich gerade hier im Druck vorfand)
Die hungern direkt nach Berichten aus dem stark vernachlässigten Südamerika und würden für alle Arbeiten aus meiner Feder (resp. Pinsel) stets mit Freuden offen sein. Also schon ne doppelte Chance für Nebenverdienst. – Dann noch ne kleine Freude. Nachdem ich am Vormittag diese geschäftlichen Besprechungen erledigt, ließ ich mich nachmittags durch den technischen Betrieb und im Anschluss daran durch das Archiv führen. Da wurde mir als besonderes Heiligtum eine Gebirgskarte in wirklich sehr schöner Ausführung  „künstlerische Handarbeit“ gezeigt mit der Bemerkung: Sehen sie, so was wird in Argentinien nicht produziert und wir können ruhig sagen: sowas gibt’s auf der ganzen Welt nicht wieder. Ich nickte natürlich bewundernd, aber Du, Nucki, soll ich Dir mal ganz leise was sagen, so, dass es keiner hört?  Ich glaub, meine „Geheimkarte“ und einige meiner anderen Blätter waren nicht schlechter. Na, ich ging mit dem Gefühl heraus, viel Schönes gesehen und Neues gelernt zu haben, und hatte doch das harmlose Triumpfgefühl, selbst den besten Arbeiten ebenbürtiges leisten zu können. Nur Mut, wird alles schon werden, denn wenn mich Gotha’s Leistungen (das vorbildlich ist für die ganze Welt) nicht bange machen, brauch‘ ich nichts zu fürchten. Nun heißt’s nur, mein Können auch richtig in Szene zu setzen. Das lerne ich auch schon.
Die Karte aus Berlin von mir und dem Baumeister hast Du ja wohl richtig gekriegt. Sehr sympathisch war er mir. Kein bisschen fremd vom ersten Augenblick ab. Er war am Bahnhof und wir haben dann zusammen Kaffee getrunken und viel geredet. Er war so froh, zu hören, dass es Dir gesundheitlich und deshalb stimmungslich (schönes Wort) so gut ginge. Dass es das einzig richtige war, dass Du erst noch dort bliebest, sah er vollkommen ein.
Er hatte meine Karte leider erst am selben Tage gekriegt, so dass er sich für den Abend nicht mehr hatte frei machen können. Da ging ich dann zu meinem Vetter Professor Heinrich Anz (*1870), wo ich nen sehr gemütlichen Talkie-Talkie Abend verbrachte. Bei Peglows (Frau Graebers Eltern) war ich (außer Besuch in einem Landkarten Geschäft) noch am nächsten Morgen. Herr P. leider nicht zu Haus. Traf da nur eine mittelalterliche etwas verlegene Tante. Ob das Frau Graebers Mutter war, weiß ich gar nicht mal. War ne etwas langweilige, verlegene Geschichte. Soll natürlich heftig grüßen, was Du Graebers ja in etwas ausgeschmückter Weise ausrichten kannst. Morgen Vormittag geht’s über Düsseldorf nach Hamburg/Bergedorf zurück. Von da erst noch mal zu Vater u. Mutter, und dann heißt’s für den endgültigen Abschied von Europa richten. Dann werden auch noch all Deine kleinen Aufträge erledigt.
Gleich muss ich weg. Ich möchte Dir noch so grässlich viel Liebes und Süßes schreiben. Du, in meinem Hotelzimmer hier war außer meinen Decken so’n langes, festes Kissen. Weißt Du, was ich damit gemacht hab? Ich hab’s unter die Decken neben mich gelegt und in die Arme genommen und hab mir eingebildet es wär Klein Otti. Nun lach mich mal doll aus.
Hab’s gut, mein Liebling.
Bald mehr
In großer Eile
Dein alter Wanzenmann

Noch einmal Bergedorf, noch einmal der Sachsenwald bei Friedrichsruh, Erinnerungen…

Sachsenwald

Walter Anz, Aquarell „Sachsenwald“

Und dann der Abschied von den Eltern, die seit einem Jahr in Malente, Ostholstein, leben. Seine Mutter hatte er seit 10 Jahren nicht mehr gesehen und wird es auch nie wieder…

Otto Anz und Marie Jüngst Rathelck bei Erkrath  Düsseldorf zwischen 1910 und 1913

Marie und Otto Anz um 1912

Otti ist nun allein im Astor Hotel, das so einen schönen Blick auf die Chinesische See bietet.

Chefoo Church Astor House

Chefoo : Kirche, dahinter “Astor House”

 Aus ihren Kindertagebüchern zu Anfang des Jahres:

Harald
Als der Vater im Januar 1912 über Hamburg nach Argentinien geht, soll Harald ihn mit Ilse begleiten und dann mit ihr bei der Großmutter in Bergedorf bleiben. Noch kurz vor der Abreise entschließen wir uns, statt seiner Helmut zu schicken. Brüderchen braucht noch immer am meisten die Mutter, er kann noch keinen Puff ertragen und sich schwer eingewöhnen. Jetzt läuft er mit mir, wohin ich geh, als mein unermüdlicher Begleiter. Ich muss ihm Geschichten erzählen, über die er wohl nachdenkt, er ist stolz, wenn er mir helfen kann und fragt und fragt. Und spricht wie ein Alter. Aber nichts wird angenommen, das nicht verstanden und genau ergründet ist. Auch hübsche Einfälle hat er: „Die Sonne ist noch mal nach Haus gegangen, sie hat etwas mitzunehmen vergessen,“ sagte er einmal, als die Sonne hinter Wolken verschwand. Und als das Wasser am Felsen hinaufleckte: „Das Wasser will etwas suchen, kann es aber nicht finden.“ Er redet unaufhörlich, die Phantasie arbeitet und auch das Denken. Alles lebt, alles ist ein Geheimnis, das er um jeden Preis ergründen muss. Auch das Rätsel der Menschwerdung. – Wenn er bei starkem Wind draußen ist, steckt er sich Steine in die Tasche, um sicher zu sein, nicht wegzuwehen.  – Er amüsiert mich immer wieder damit, wie fein er Tierstimmen nachmachen kann, Hähne, Schweine, Katzen, Enten, Gänse, Pferde, Kühe u.s.w. Da kommt ihm wieder seine Gewissenhaftigkeit zu statten. Die hilft ihm auch, als er lernen soll, den Hut abzunehmen beim Grüßen. Was für ein Ernst wird dabei entwickelt!

Helmut
m Januar 1912 geht er mit dem Vater und Ilse von Chefoo fort nach Bergedorf zur Großmutter. Die Amah weint bitterlich. Er hat vorher, wenn man ihm sagte: Nun geht’s bald zur Großmutter, oft gesagt: „Mag gar nicht“, aber weniger aus Abschiedsschmerz als, weil sein behäbiger, kleiner Körper keine Veränderungen liebt. Er hat sich auch am schwersten ans Hotel gewöhnt, zuerst schreiend nach Hause verlangt und den ersten Besuchern traurig gesagt: „Hier kann man nicht nach Hause gehn.“
Als er einmal fällt, sagt er: „Astor-House kann auch weh tun.“ Es bleibt ihm etwas Feindliches. Nun ist mein kleiner Kerl in Bergedorf und erfreut da alle durch seine drolligen Schwänke. Wenn ich dich man erst wieder hätte, kleiner Kerl! Jetzt ist Februar 1912, Vater ist auf dem Weg nach Argentinien, Mutter sitzt mit Harald, Oscar, Ursel in Chefoo, im Hotel Astor-House und du bist mit Ilse bei Großmutter in Bergedorf.

Mit der Abdankung von Kaiser Xuantong (Pu Yi) am 12. Februar 1912 endete die über 2000-jährige Geschichte des chinesischen Kaiserreiches.

Aisin Gioro Pǔyí …* 7. Februar 1906 nahe Peking; † 17. Oktober 1967 in Peking …war von 1908 bis 1912 letzter Kaiser von China (ebenso während einer zwölftägigen Restaurationsphase 1917). Später kollaborierte Puyi mit Japan, das ihn zum Kaiser des Marionettenstaates Mandschukuo machte (1932/34 bis 1945). Nach Jahren der kommunistischen Umerziehung in Gefängnissen und Lagern starb er 1967 als einfacher Bürger der Volksrepublik China (wikipedia)

Und Walter ist auf dem Schiff nach Buenos Aires…

Postkarte Walter La Coruna

Postkarte, 18.3.12 gestempelt in Lisboa –
Frau Walter Anz, Astorhouse, Tschifu, China – Via Moscou, Siberia
Mein Nucki-Liebling,
Heute Morgen hab ich einen schönen Frühjahrsspaziergang in Coruña gemacht. Einem lieben, alten, winkligen spanischen Städtchen, mit Palmen und blühenden Camelien und Callas, Schwertlilien und Margueriten. Das war schön, und ich schicke Dir einen so dicken, innigen Gruss.
Es liebt dich sehr  Dein alter Wanzenmann
Ich hab grad keine Karten mehr (ausser Dir hab ich geschr. an Blacks, Graeben, Busses, Schmidts, Hanses.)
Willst Du an Beutel, Schmitz, Gelenskys, Lenz etc. erst mal so einen Gruss bestellen!

Am 8. April 1912 beginnt Walter seine Arbeit als Kartograph bei der „Dirección General de Minas y Geologia“ in Buenos Aires.

                                                                                                                                      Chefoo, d. 18. April 1912
Mein Mutting.

Denk mal, ich sitz noch im geheizten Zimmer. Es ist winterlich kalt draußen und das Meer tobt gewaltig. Ich muss an all die Schiffsunfälle denken, die jetzt vorkommen und bin froh, dass ich weiß, Walters Dampfer ist richtig in B.A. angekommen. Vor einiger Zeit ist hier ein Dampfer „Ilse“ untergegangen, dessen Kapitän wir gut kannten. Grade heute hörte ich so schauerliche Einzelheiten davon. Damals las ich: Kapitän und Frau gerettet, ihre beiden kleinen Kinder ertrunken, ich sagte zu Walter: wie kann eine Mutter gerettet werden und ihre Kinder ertrinken! Heute hörte ich von dem wahnsinnigen Kampf der Frau um die beiden, von Wasser, Sturm, Haifischen, Kräfteversagen und wie sie schließlich an den Strand geschleudert ist und ihre Kinder nicht mehr hatte, tobsüchtig wurde, auf dem Leuchtturm eingeschlossen, wie Mann und Frau in geliehenen Kleidern nach Tsingtau gekommen, alles und alles verloren, so verändert und alt geworden, dass niemand sie wiedererkannt hat. Ich sollte Dir das gar nicht erzählen, aber ich muss immer daran denken, jetzt wo das Meer so tobt und eben wieder eine solche Botschaft kommt: die Tanic (Titanic, gesunken in der Nacht vom 14. auf den 15. April 1912) gesunken auf der ersten Reise, 1700 Menschen ertrunken – da lernt man dankbar sein und ganz klein werden. – Na, nicht mehr davon.  Es ist merkwürdig jetzt mit dem Wetter, immer jähe Wechsel zwischen heiß und kalt, so recht ein Wetter für Erkältungen. Mein Mutting, hoffentlich hast Du Dich nun ganz erholt von dem scheußlichen Influenzaanfall. Du hast mir einen ordentlichen Schreck eingejagt. Ein Glück, dass die Ilse, die feine Deern, bei Dir war. Aber wie angegriffen Ihr wohl beide seid! Es würde Euch mächtig gut tun, hier mal ein paar Wochen am Strand in der Sonne zu liegen. Chefoos Sonne, die gibt es doch nicht wieder. Bei all den Stürmen, die jetzt jeden Tag beherrschen, behauptet sie sich siegreich. Und mit der Kälte ist es ja nun auch bald endgültig vorbei. Alles blüht und grünt, die Vögel singen, es ist Frühling, und Chefoo ist wieder schön. Jetzt werden auch langsam die alten ekligen Soldaten abgeschoben. An eine lange dauernde Ruhe glaubt aber niemand. Das bullert weiter unter der Oberfläche und eines Tages schießt ganz plötzlich mal wieder die Feuersäule in die Höhe. So, wie es jetzt ist, ist es auch noch nicht das Richtige. Ich möchte nicht in Yang shi kais (Yuan Shikai*) Haut stecken. Die Missionare, die sich hierher geflüchtet hatten, kehren ins Innere zurück, ich glaube nicht, dass sie sicherer dort sind, als sie es waren. – Die ganze Welt ist verkehrt und müsste mal wieder von vorn anfangen. – Es ist aber augenblicklich alles ruhig und friedlich hier. Uns allen geht es auch gut. Um Brüderchen war ich ein paar Tage etwas besorgt. Ihm fehlen Spielgefährten, er denkt und phantasiert zu viel, sah plötzlich überall Tiere, die ihm was tun wollten. Wahrscheinlich hatte ihm irgendjemand etwas erzählt. Jetzt ist es wieder in Ordnung. Aber einmal hat er mir einen großen Schreck eingejagt, er war um die Mittagszeit verschwunden. Alle Rickschakulis haben mitgesucht. Er war mit einem der Hotelboys an den Hafen gegangen (10 Minuten von uns), wollte das Schiff sehen, mit dem Ilse weggefahren war. Vielleicht beschäftigte ich mich auch zu viel mit ihm. Jetzt ist ein 3jähriger Junge im Hotel, mit dem er immer spielt, nun ist alles gut. Er sieht prächtig aus, braun und rund, aber sein Gehirn arbeitet schrecklich. Ich hab ein großes Gebot ausgelassen, ihm nichts zu erzählen auch nicht eingehend auf seine Fragen zu antworten und keine Scherze mit ihm zu machen. Er nimmt alles als ernste Tatsachen. – Oscar ist ein Kerl wie Helmut, stramm und straff, aber klüger, glaub ich. Urselchen ist mir ein bisschen zu lebhaft, und hat zu große und zu kluge Augen, ist auch zu aufgeweckt. Die wird sicher nervös. Aber mit jedem Tag wird sie reizender. Sie ist jetzt ganz entwöhnt und nimmt die Flasche gut, ist aber keine große Trinkerin. Ihr Gewicht ist sehr gut, mit 5 Monaten 15 Pfd. Ich glaube, die Zähne quälen sie schon, sie ist auch nachts oft sehr unruhig. Ganz rührend süß ist Brüderchen mit ihr; sie kennt ihn aber auch ganz genau und freut sich schrecklich, wenn sie ihn sieht. Er kann sie immer beruhigen.  Ich bin jetzt sehr mit Sommergarderobe beschäftigt und ganz stolz auf mich, wie nett und billig ich wieder alles eingerichtet hab, auch mit den Hüten. – Für mein Leben gern möchte ich ab und zu mal ein Paket für Euch nach Hause schicken, so ein seidenes Kleid für jeden, Dir braunen Pongèe, Ilse hellblau, na u.s.w, u.s.w, es wird mir mächtig schwer, mir das zu verkneifen. Wenn ich mal ein bisschen Geld hab, kriegst Du das braunseidene doch noch, ich liebäugele schon solange damit, und Ilse  irgendeine junge Farbe. – Hier werden jetzt immerfort Abschiede gefeiert, so viele gehen fort aus Chefoo. Neulich war großes Herrenessen hier im Hotel. Einige Frauen von den teilnehmenden Herren hatten sich zu mir eingeladen, es war bei mir hier oben wie ein Taubenschlag, denn die Herren verirrten sich auch alle mal nach oben, und die schönsten Getränke kamen angeflogen, auch Sekt. Es war sehr vergnüglich. Gegen 12 Uhr warf ich alle raus. Herr Busse ging als letzter.  Ich bin auch wieder ziemlich viel ausgewesen, man kommt hier nie daraus. Vorgestern ist Busses 5jähriger Hochzeitstag mit einem größeren dinner gefeiert. Da ist auch mal wieder getanzt worden; die Stimmung war sehr übermütig, der ganze Abend wunderhübsch. Schmitz hatte einen kleinen Schwips, was in letzter Zeit mal wieder recht häufig bei ihm vorkommt. Busses sind immer mein Hafen, 2 Prachtmenschen, die mich lieb haben und einfach warm und ehrlich sind. Sie wohnen sehr hübsch und haben sehr schöne Sachen. Ich möchte, Ihr könntet mal solchen geschmückten dinner-Tisch sehen mit den echten Venezianer-Gläsern, türkischen Decken, Krystalltischschmuck. Vorgestern war alles im Zeichen der gelben Ginsterblüten. Und natürlich ausgesucht schönes Essen! Sie geben aber nur so viel Gesellschaften, wie sie dringend müssen. –
Vorige Woche hatte ich einen 30 Seiten langen Brief von Walter aus Rio de Janeiro. Das war ein feiner Tag für mich; zugleich damit kam Dein wunderschöner Brief vom 20., 26., 28. März. Walter schrieb, dass er Dir und Ilse zum Geburtstag geschrieben hätte, hast Du die Briefe bekommen? Er ist auf der Reise Temperenzler (abstinent) gewesen, weil er kein Geld hatte, Na, das schadet gar nichts. Der Brief war wundervoll, aber ziemlich wild. Mich ängstigt die Kinderfrage. –
Nimm Du Dich sehr in acht, mein Mutting, dass Du Dich nicht wieder erkältest. Rückfälle sind immer am schlimmsten. Wie furchtbar süß habt Ihr der kleinen Ilse den Geburtstag (am 27.3. wurde Ilse 8 Jahre alt) gemacht! Ihr verzieht die Kinder doch, Ihr lieben Menschen! Mir war es doch recht schwer, die kleine Deern nicht hier zu haben. Es hat ein paar heimliche Tränen gekostet, sie hätte es hier ja aber lange nicht so gut gehabt. Wie schön, dass sie mit versetzt ist! Das Schulgeld ist aber viel höher geworden. Wenn Walter nur gleich Geld an Dich schickt. Ich hab ihn immer erinnert. Quäl Dich nur nicht zu sehr mit Ilse ab! Das Kind nimmt es als selbstverständlich und weiß gar nicht, wieviel Dank sie Dir schuldig ist, Dir und meiner Ilse-Schwester.
Und mein kleiner Helmutkerl ist Euch noch nicht zu viel! Es ist doch gut, dass wir ihn für Harald geschickt haben. Harald ist ein sehr schwieriges Kind, aber vielleicht wird alles gut, wenn er gleichaltrige Spielgefährten hat. Für Oscar sind einige Jungens da, der amüsiert sich aber auch auf eigene Faust tüchtig. Grüß meine beiden. Manchmal hab ich eine Sehnsucht nach allen Dreien, dass mir der Magen wehtut. Kennst Du das? Na, hoffentlich dauert es nicht mehr lange, dann sind wir wieder alle zusammen. –
Wie geht es Lieschen Thomann und ihrer Kleinen?
Viel tausend herzliche Grüße Euch allen! Wie geht es John?
Deine Otti

*13.2. Die seit 1644 herrschende Mandschu-Dynastie erklärt ihren Verzicht auf den Kaiserthron in China und übergibt die Regierungsvollmachten an Yuan Shi-kai (1859-1916), der zwei Tage später von der Nationalversammlung in Nanking zum Präsidenten der Republik gewählt wird.

                                                                                                                                                Chefoo, d. 27.4.1912
Mein lieb Mutting.

Eben hab ich mir wieder ein bisschen einheizen lassen, es ist so kalt, dass ich nicht sitzen und schreiben kann. Ist es nicht schlimm, Ende April? Dabei haben wir schon schwül-heiße Tage gehabt. Es wechselt nur immer von Tag zu Tag, fast von Stunde zu Stunde, man weiß gar nicht mehr, wie man die Kinder und sich selbst anziehen soll. Aber es geht uns gut, allen Vieren. Oscar kriegt die letzten Backenzähne und ist recht quäsig, Ursel bekommt die ersten Vorderzähne und hat mich eine Woche lang gequält, wie manchmal Gefangene gefoltert werden, wenn man sie jede Stunde weckt. Ich hatte zuletzt keinen anderen Wunsch, als ein einziges Mal 6 Std. ungestört nacheinander schlafen zu können. Na, das ist nun alles wieder überstanden und der Humor hat nicht gelitten. Es sollen auch keine Klagen sein, mein Mutting, Dir nur verständlich machen, warum ich nicht eher schrieb. Ich war einfach zu müde. Es geht mir aber brillant, ich bin braun wie meine Kinder, frisch und vergnügt und eigentlich ganz obenauf, denn trotz der augenblicklichen Kälte – es ist ja Frühling – und ich habe einen feinen, guten, so aussichtsreichen Brief aus Buenos Aires! Es scheint, als wenn Walter gleich in die Cordilleren geschickt werden soll. Wird es so, dann ist es günstig für uns, weil die Reisezeit besser bezahlt wird und W. wenig verbraucht. Walter würde dann erst im Dez. nach B. Aires zurückkommen und voraussichtlich 1 Jahr dort bleiben, ohne Reisen. Er möchte, dass ich mit den Kindern in B.A. ankomme, wenn er nach dort zurückkommt. Das passt fein zu unseren Plänen. Wenn ich das Geld hab, reise ich im August hier weg, bleibe gut 2 Monate bei Euch und fahre dann weiter. Hoffentlich wird es nun alles so, besser könnten wir es uns gar nicht wünschen. Der Brief hat mich alle Müdigkeit vergessen lassen. – Von Baumeisters hab ich noch nichts gehört, mit der nächsten Post – übermorgen – kann aber eigentlich auch erst Antwort kommen. Wenn es nichts ist, dann nicht. Wir werden schon kommen, mein Mutting, es werden sich schon Mittel und Wege finden lassen. Hast Du Geld bekommen von W.? Du bist die Hauptsache, mein Mutting, und meine ganze Angst ist, dass Du geldlos bist. Meiner Rechnung nach könntest Du Mitte April etwas gehabt haben. Walter wird doch hoffentlich gleich daran gedacht haben. Sonst schreib mir, dann schick ich Dir, was ich krieg. Ich kann aber nichts vor etwa Juni erwarten. Die Reise kriegt er nicht ganz vergütet, nur einen Teil, alles in allem 350 $ = 700 M. und sie hat ihn mindestens 1000 M. gekostet, das Billett allein 800 M ungefähr. Aber das war ihm vorher mitgeteilt. Für die Fahrt von hier nach Hamburg könnte nichts bewilligt werden, für die Reise Hamburg Buenos Aires 350 $. – Na, wenn er man jetzt tüchtig verdient, dann holen wir schon alles wieder ein. Ich bin froh und voller Hoffnung und freu mich schrecklich auf das Wiedersehen mit Euch allen! –  In diesen Tagen hab ich hier mein kleines Reich reingemacht und mich auf 2 Zimmer statt 3 eingerichtet. Es wird enger, aber es geht schon, und süß und freundlich ist es hier. Der Amah scheint es nicht zu gefallen, dass sie mehr unter Aufsicht ist, aber das ist mir grade recht. Sie wird ein bisschen zu selbständig. Ich lass mich ja leicht unter den Pantoffel kriegen. Der boy regiert mich auch, aber damit, dass er alles so macht, wie ich es gern hab und jeder kleinen Eigenart von vornherein Rechnung trägt. Meinen boy, den werd ich überhaupt gewaltig entbehren später. – Und dann das Meer! Wenn ich an meinem Schreibtisch sitze, gucke ich grade darauf hin. So dicht rauscht es ans Hotel heran, dass ich von hier gar keinen Strand sehe und noch oft das Gefühl hab, ich wäre auf dem Schiff. Früher hab ich es nicht sehr geliebt, das Meer, jetzt aber glaub ich, ich werde mich sehr danach sehnen, wenn ich es nicht mehr hab. Es ist so groß und schön und immer so anders. Überhaupt Chefoo! Ich hab ihn lieb, diesen Chinesenort, wo ich sehr glücklich war. Na, aber ich fühl mich überall zu Hause, wo Walter und meine Kinder sind, und nette Menschen gibt es überall, da hast du recht. –
Den 28.4.
Heut sitz ich nun wieder im Garten am Babywagen, es ist schwül und schwer, träumerische Sommerluft. Klein Ursel schläft. Sie ist viel zarter geworden, aber sehr reizend. Das ganze kleine Gesicht wird beherrscht von den großen, leuchtenden Augen. Die beiden letzten Nächte waren auch besser, wir haben doch beide zweimal hintereinander 3 Stunden geschlafen. Man sieht meinem braunen Gesicht den Mangel an Schlaf nicht an, ich fühl es aber an den Nerven. –
Mein boy hat etwas Schlimmes angerichtet: er hat ein großes Loch in das fast neue Billard des Hotels gestoßen. Du weißt ja, was solche Dinger kosten, und kannst Dir die Aufregung vorstellen. Es ist erst mal von einem tüchtigen Schneider gestopft. Was weiter danach kommt, weiß ich nicht, jedenfalls hafte ich für nichts. Es ist mir aber doch mächtig unangenehm.
Heute ist der neue deutsche Konsul mit Frau angekommen. Alle sind mächtig neugierig auf die Frau. Sie soll sehr jung, hübsch und gesellschaftsfreudig sein. Hier wird ja alles zum Ereignis. Sie wohnen erst mal im Hotel. Da hab ich also Chancen, sie noch heute zu sehen; ich glaube, sie sind schon hier. Mir liegt aber gar nicht so viel daran.
Gestern schickte mir Schmitz das Gästebuch von dem Kriegsschiff „Emden“, das vor kurzem hier war. Ich sollte mal schnell ein Gedicht hineinmachen im Sinne der Chefooleute. Da hab ich dann geschrieben (im Sinne der Chefooleute, die immer nach Abwechslung hungern):
Wir armen Chefooleute
Wir sind gar übel dran,
Das Gestern glich dem Heute,
Still kommt das Morgen an.
Wir haben Meer und Berge,
Revolution und Pest,
Chinesen und liebe Menschen –
Doch nur kein rechtes Fest. –
Da kam das frohe Leben
Von außen übers Meer,
Und eine Welt voll Märchen
Bracht uns die „Emden“ her.
Wir haben getanzt und gesungen,
Lachen und geistreicher Scherz,
Und Weisen sind erklungen –
Die Heimat sprach uns ans Herz. –
Die ganze Woche war voll Licht –
Chefoo vergisst die „Emden“ nicht!

Das passte allen und hat großen Beifall gefunden. Was sonst in dem Buch drinstand, war so minderwertig, dass ich die Reimerei schon schreiben konnte.
Wie geht es Dir eigentlich, mein Mutting! Hast Du den Influenzaanfall ganz gründlich überwunden? Es ist so süß von Dir, dass Du Ilse anhältst, Karten zu schreiben. Sie macht hier viel Freude damit. Ich werde oft nach den Kindern gefragt, man interessiert sich auch hier sehr für unser neues Leben.  Am wärmsten Busses, aber auch viele andere, wir haben hier wirkliche Freunde. – Und Helmut hat doch auch noch Röteln gehabt? Die Wurmkur hab ich auch mit Brüderchen gemacht, aber ohne Erfolg. Jetzt ist der aber auch wieder ganz in Ordnung und dunkelbraun. Nur geht schon mit beiden jetzt der Mangel an Esslust los. Das war bei Ilse ja auch immer so schrecklich. Ich bin ordentlich froh, dass sie jetzt so gut isst. Hier in China werden die Kinder aber auch wählerisch. Die Mahlzeiten wurden wirklich im Sommer immer eine Qual für uns alle. Es ist besonders für Ilse gut, dass sie mal wieder in deutsche Verhältnisse kam und in ein strammes, geregeltes Leben. Auch in eine gute Schule. Das war doch nichts Rechtes hier. Mir wird es immer schwerer, die Kinder zu entbehren, aber es dauert ja hoffentlich nicht mehr lange. Jetzt sind sie schon seit 4 Monaten weg – noch mal 4 Monate, dann kommen wir – möchte es doch so sein! – nach Bergedorf! –
Den 29.4.
Jetzt regnet es – sehr erwünscht für Gärten und Felder! – Gestern Abend auf einem größeren dinner hab ich nun schon den neuen Konsul kennen gelernt. Die Frau kommt erst morgen. Donnerwetter, ist das ein Mann! Der wird ganz Chefoo auf den Kopf stellen, jung, geistreich, kolossal interessanter Unterhalter, lebhaft, sarkastisch, arrogant, die verkörperte Lebenslust, schneidig, leidenschaftlicher Tänzer, Reiter, Tennisspieler u.s.w., aufgehend im gesellschaftlichen Leben, mittelgroß, sehnig von Figur, das Gesicht nicht hübsch, aber lebendig und interessant. – Wenn die Frau ebenso ist, wird es ein ordentliches Leben werden in Chefoo. Einen neuen englischen Zoll-Direktor, der ebenso sein soll, kriegen wir auch. Wenn nun noch wieder ein paar Kriegsschiffe kommen, kann es wieder ein vergnügter Sommer werden. Wenn Ilse doch für 3 Monate herkommen könnte. Mir liegt an dem allen jetzt eigentlich gar nichts, Kopf und Herz sind zu voll. Ich möchte mit all meinen Kindern bei Walter sein, weiter nichts. Walter schrieb mir vom Schiff solch eine schöne Stelle über das „Leid“ aus dem Buch „Die Entgleisten“ von W. Holzamer. „Sie haben das richtige Leid noch nicht gespürt, Doctor,“ sagte ihm Weitz eines Tages. „Das Leid ist der Schlüssel des Lebens. Die Freude und das Glück führen Sie durch Türen und Tore, durch Säle und Hallen hin, ja, das geb ich zu, aber Schmerz und Leid, die reißen Türen auf und entdecken verborgene Kammern.“ – „Was nennen Sie Leid?“ fragte Philipp. „Ich will Ihnen sagen, was Leid ist, Doctor, ganz genau: Es ist erleben können. Wer diese Möglichkeiten nicht hat, dem bleibt das Leben verschlossen, der versteht vom Menschen nichts. Und ist er Arzt, so ist er nur ein Barbier, und ist er Schulmeister, so ist er ein Rohling, und ist er Pfaffe, so ist er ein Verdammer, Punktum, Basta. Habt ihr nur alle eure Leisten für die Welt und Menschen, habt nur eure festen Begriffe von Schuld und Schicksal und Reue und all dem Zeug. Es gibt kein Schicksal und gibt keine Schuld, und Reue ist das Syrupgesäuf der Unmündigen. Verstehen, begreifen, das ist alles. Verzeihen ist alles, und Gut und Böse nebeneinander gelten lassen im Menschen als seine Notwendigkeiten. Es sind alles hereingetragene Begriffe. Ein Gewitter verheert und ist drum böse. Dummes Menschenvolk, wenn ihm die Nützlichkeit nicht gleich auf dem Präsentierteller dargereicht wird, dann meint es gleich verurteilen zu müssen.“ Ist das nicht fein? – Du musst das Buch mal lesen. Kennst Du übrigens: Die Frauen von Tanno von E. Zahn und dann von Andrew Carnegie: Meine Reise um die Welt – ganz famos geschrieben. Danach muss es ein prachtvoller Mensch sein, so einfach. – Nun aber Schluss und viele, viele Grüße euch allen! Deine Otti

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Die SMS Emden, ein „Kleiner Kreutzer“ der kaiserlichen deutschen Marine

Andalgalá (Catamarca), 6. Juni 1912
Mein Liebling.
Auf meinen gestrigen trübsinnigen Brief und einliegendes noch trauerklotzigeres Poem, das ich gestern Abend verfasst, muss ich Dir doch noch einen kurzen Gruß schicken, damit Du nicht denkst, ich hätte nun die Flinte in das mit Recht so beliebte Korn geschmissen. Nicht, dass ich die Sache heute in einem wesentlich anderen, günstigeren Licht ansähe. Dazu liegt kein Grund vor. Es heißt eben, sich durchzufressen und ich meine, es müsste mit dem Deibel zugehen, wenn mir das bei meiner Arbeitslust und Kraft nicht gelänge.  Nur, so wie die Sachen jetzt liegen, funktioniert es nicht. Schon aus finanziellen Gründen nicht. Darin bestärkte mich grade gestern Nachm., als ich zu einem zweiten Abendbummel ausging, Frau Major, die ich auf der Plaza traf. Die sang ein großes Kummerlied über ihr Leben. Zwei Jahre hat sie bei einem Einkommen Ihres Mannes von 400 Pesos mit ihm allein ohne jedes Dienstmädchen gewirtschaftet; selbst gekocht und Stuben gekehrt etc. Jetzt als Major bekommt er 650 Pesos und sie habe sich in den Kopf gesetzt, davon hier in Andalgalá monatlich mindestens 200 Pesos zu sparen. Aber bis jetzt sei ihr das noch nicht gelungen, trotzdem sie nur zu zweien sind. Wie ich mit 500 Pesos eine 7köpfige (resp. 8köpfige, wenn wir eine deutsche Hilfe haben) Familie durchbringen wolle, sei ihr schleierhaft. Ich wies auf die Aussagen des Doctors hin. Der sei ein Optimist und rechne überhaupt nicht, weil er’s nicht nötig habe. Arme Leute behandelt er freilich umsonst und kauft ihnen sogar Medizin, aber von den wohlhabenden Leuten, bes. den reichen Sommergästen kassiere er gewaltige Honorare ein. Wieviel er im Haushalt brauche, wisse er gar nicht, er gäbe einfach seiner Frau, was sie brauche. Die versteht das Wirtschaften aus dem Grunde und verdiente aus dem Erlös ihres riesigen Gartens, aus Verkauf von Orangen etc. noch manche Summe dazu. Also das sei kein Maßstab. Von ihm selbst weiß ich, dass er monatlich ca. 400 Pesos allein für die Erziehung seiner beiden ältesten brauche. Na, das zählt ja für uns noch nicht so mit. Aber jedenfalls wurde meine Stimmung durch diese Unterhaltung nicht besser. Resultat das einliegende Trauer-Gedicht.
Heute ist’s auch noch grau und wolkenschwer. Aber es ist heute mehr Trotz als Trübsal-Stimmung in mir. Wir wollen doch sehen, ob wir die Leute in B.A. nicht zwingen können, einen besser zu stellen und anständiger zu behandeln. Hoffentlich kommt das Geld dieser Tage, dass ich weiter arbeiten kann.
Neulich sprach ich mit dem Doctor über Bolivien, speziell über die Gegend von Oruro, wohin ich ja durch Vaters Bekannten gute Empfehlungen habe. Davon wollte der Doctor aber nichts wissen; wer dort in dieser ungeheuren Meereshöhe länger arbeite, würde unfehlbar herzkrank. Und für mich mit meinem „leicht affizierbaren Herz“ (Er hatte mich neulich, nachdem ich nachts diese Beklemmungen gehabt – die sich übrigens seitdem noch ein paarmal, aber viel schwächer, wiederholt haben – untersucht) sei das von vornherein ausgeschlossen. Also damit ist’s nichts. Nun brauchst Du aber keinen Schreck zu kriegen, ich bin nicht herzkrank, nur ist mein Herzschlag nicht auf so dünne Luft eingerichtet und würde deshalb dort krank werden.
Also das Beste wird immer bleiben, dass ich mir durch Perthes einen Rückhalt schaffe, den ich als Trumpf ausspielen kann. Und zwar vor Ablauf dieses Jahres. Sollten Perthes selbst absolut nicht in der Lage sein, eine neue Arbeitskraft zu engagieren, so würde ich sie bitten, meine Arbeiten mit entsprechender Empfehlung nach Berlin weiterzugeben, an die dortigen großen kartographischen Anstalten.
Im Notfall möchte dann sogar eine Empfehlung des Baumeisters von Nutzen sein können. Na, das wird sich aus der Korrespondenz mit Perthes entwickeln. Sollte dann der Druck auf die hiesigen Behörden seine Wirkung verfehlen, und ich dadurch gezwungen sein, schon bald bei Perthes oder in Berlin eine Anstellung anzunehmen, so wäre das auch kein Unglück. Finanziell können wir uns da nicht gut schlechter stehn, als es unter den jetzigen Umständen hier der Fall wäre, und meine geliebte Karten-Arbeit hätte ich dann ja so gut wie hier. Zudem weiß ich von Dr. Hassenstein, dass er jährlich mehrere Wochen Sommerferien hatte, die dann zum Malen verwendet werden könnten. Also ein Unglück wäre das auch nicht.
Ich werde sehen, dass ich im Laufe des nächsten Monats nach Córdoba komme, und von dort aus die Karten mit entsprechendem Brief expediere.
Nun sei nicht traurig, mein Nucki; es wird ja auch hier schon alles in Ordnung kommen. Nur eine Hintertür muss ich mir zu schaffen wissen für alle Eventualitäten – Findet das meine Otti nicht auch? Halt man immerlos tüchtig den Daumen und lieb und versteh Dein vielgeplagtes und schlecht behandeltes
Walterli.

Andalgalá, 8.6.12
Mein Liebling.
Ich glaube, mein armes Nuckibipf sagt auch bald: „Walterle sollte besser gar nichts schreiben, anstatt den einen Tag so und den anderen so.“ Ich weiß es, ich mach‘ es Dir grässlich schwer, Dich zu entscheiden. Aber es ist doch nun mal so, auf der einen Seite wünscht‘ ich nichts sehnlicher, als dass Ihr möglichst bald her kommt, und sofort kommen von der anderen Seite die dicken Bedenken, ob ich’s denn auch verantworten kann. Und da sperr ich natürlich Augen und Ohren weit auf, und erzähl‘ Dir alles mögliche wortgetreu wieder, was ich aufschnappe, damit Nucki sich ein möglichst unbeeinflusstes Urteil bilden kann. Und es ist merkwürdig, wie entgegengesetzt die Urteile lauten. Kommt heute Major Echeverría zu mir, und sagt: „Ich hab‘ gehört, dass Sie vorgestern mit meiner Frau gesprochen haben, und dass sie Ihnen allerhand erzählt hat über die Schwierigkeiten des Lebens hier. Glauben Sie ihr nicht! Meine Frau ist eine gute Frau, aber sie ist von Haus aus ein vergnügtes Leben gewöhnt. Und in der ersten Zeit in Buenos Aires hat sie es sehr schwer gehabt, solange ich Hauptmann war, und grade wie ich Major wurde, musste ich meiner Gesundheit wegen hierher. Deshalb schimpft sie auf alles, was mit Argentinien zu tun hat, und das ist nicht recht. Ein Vergnügen ist es sicher nicht für eine europäische Frau, in einem Nest wie Andalgalá zu wohnen, aber so schlimm, wie meine Frau es macht, ist es auch nicht. Und mit $ 500,- (pesos) Gehalt und $ 150,- Tagegeldern können Sie hier leben wie ein kleiner König. Ich will Ihnen nicht zureden, denn es kommt ganz auf Ihre Frau an, ob sie glaubt, es wagen zu können.“ Also das war Echeverría.
Gestern Abend war ich beim Doctor und machte mir mal Luft durch herzhaftes Schimpfen. Er hörte mich ruhig an, und sagte dann: „Ja, beneiden tue ich Sie auch nicht um Ihre jetzige Stellung. Aber ich sage ausdrücklich: um Ihre „jetzige“ Stellung. Denn nachdem, was ich in diesen paar Tagen von Ihrer Arbeit gesehen habe, bin ich fest überzeugt, dass Sie’s hier im Lande weit bringen können, wenn Sie nur die jetzige Stellung als „Aufsprung“ betrachten. Seien Sie erst mal soweit, dass Sie den Leuten mit einer fertigen Zeichnung imponieren können, dann können Sie die ganze Bande um den Finger wickeln. Ich werde Sie im nächsten Monat mit einem Mitglied des Senats bekannt machen, der mit mir in Berlin studiert hat. Wenn der Ihre Arbeiten sieht und sich für Sie interessiert, kann der Sie prachtvoll lancieren. Und dann brauchen Sie sich auch nichts zu gefallen lassen. Augenblicklich können Sie gar nichts machen. Stecken Sie allen Ärger und alle berechtigte Wut über die gehabten Enttäuschungen in ne große Tasche mit nem großen Loch drin, und schaffen sich ein Fell an so dick wie n burro (Esel). Dann bringen Sie’s zu was hier. Leute wie Sie sind ne Notwendigkeit für das Land, und es wäre ein Jammer, wenn die Kaffern in Buenos Aires Ihnen durch ihren Unverstand die Lust an der Arbeit hier verekeln. Dazu haben die Kerle Talent, das ist aber auch das einzige, was sie können.“ Dass ich mir in vorsichtiger Weise einen Rückhalt bei Perthes verschaffe, hält auch er für sehr vernünftig; nur möchte ich da sehr behutsam zu Werke gehen, denn er sei, wie gesagt, fest überzeugt, dass ich hier bessere Chancen hätte. Er habe noch keinen Fremden in Staatstellung kennengelernt, der nicht in er ersten Zeit geschworen hätte, es sei unmöglich, mit solch böswilligen Idioten zusammenzuarbeiten, aber die, die wirklich was leisteten, wären meist ganz zufrieden jetzt. – So der Doctor.
Nun ist Nucki natürlich so klug wie zuvor. Ich auch. Es kommt immer auf dasselbe heraus: Hat Nucki Mut und Lust, es hier in halber Einöde ne Zeit lang zu riskiern, dann komm so bald als möglich. Für mich wär’s das schönste. Sieht Dir die Sache zu ungewiss aus, und glaubst Du, dass Ilse u. Harald hier in Punkto Erziehung nicht auf ihr Recht kommen, ja, dann müssen wir erst mal die weitere Entwicklung abwarten und sehen, ob es mir gelingt, bald bessere Bedingungen zu erzwingen oder nach einiger Zeit erst mal zur Ausarbeitung meiner Arbeiten nach drüben zu gehen.
Sei lieb und versteh mich. Ich bin nicht wetterwendisch, mein Ziel ist immer dasselbe: Unter möglichst annehmbaren Bedingungen wieder mit Euch vereinigt zu sein. Aber in diesem wildfremden Papageien-Land bin ich ja nun mal drauf angewiesen, auf das zu hören, was die Hiesigen sagen. Und wenn der eine „schwarz“ sagt, wo der andre „weiß“ sagt, dann kann das Deinem armen Walterli wirklich nicht helfen. Hauptsache bleibt immer, dass ich erst mal was leiste.  Sobald ich erst mal weiß, wie Nucki sich zu der Sache stellt, werde ich auch den rechten Weg finden, und den dann auch unter allen Umständen weitergehen.
Das garantiert Dir Dein Dich heftig liebender Wanzenmann

Allen Sieben dort einen herzlichen Gruß.  Bes. nat. den Kindern.
Hast du mich auch lieb, mein Nucki? Trotzdem es mit der berühmten „Siegessicherheit“ jetzt belämmert aussieht? Ich kann’s man aber doch nicht helfen.

Andalgalá 9.6.12
An der Seite des Briefes steckt auch heute noch – 101 Jahre später – ein mehr als 10 cm langer Dorn und darunter:
Dieses ist ein Kaktus-Stachel, der mich neulich durch den Stiefel heftig in den Fuß gepickt hat.

Mein Nuckibipf.
Heut ist Sonntag und dazu Fronleichnam, eine große Sache in dieser stark katholischen Gegend. An alle 4 Ecken der Plaza hatte man festliche Altäre mit Blumen, Engeln, Fahnen, Gardinen und Teppichen aufgebaut. Wohl absichtlich hatte man letzten Sonntag die Orangenbäume in den Gärten nicht abgeerntet, die gaben nun einen wirkungsvollen Hintergrund ab für die bunten Altäre. Um halb 12 war dann die große Prozession. Natürlich der übliche Humbug, das Heiligtum – der Leib Christi – wurde von einem Altar zum anderen getragen und unter Musikbegleitung und Gesang und Jubel jedesmal dem Volk gezeigt. Aber das Bild war prächtig. Ein seltsam schwüler, heißer Tag heute. Trotzdem es Juni (also Dezember bei uns) ist, über 22° im Schatten und eine stechende bleiche Sonne hinter weißlichem Dunstschleier.
Ich hatte schlecht geschlafen letzte Nacht – von den albernen Herzbeklemmungen gequält – und hatte mich nach dem Essen angezogen auf’s Bett gelegt, wo ich auch sofort einschlief. Da hatte ich einen seltsamen Traum. … …
Siehst du, solch Zeug träumt sich Dein Walterle zusammen hier in der Einsamkeit. Es wird höchste Zeit, dass mein Geld kommt und ich mich wieder in die Arbeit stürzen kann. Jetzt ist’s nichts rechtes, und ich werd melancholisch vor nutzlosem Grübeln und Träumen. Heut Abend soll Post kommen. Hoffentlich bringt die das Ersehnte – und einen Gruß von Nucki. Ich lasse den Brief noch offen bis Morgen, und melde, ob was gekommen ist.
Bis Morgen, mein Liebling. Ich mach noch nen kurzen Bummel, bis die Post herauskommt. Das wird gewöhnlich so 9 – 9 ½ Uhr.
Hab mich lieb. Dein altes Walterle

10.6.
Gestern Abend bekam ich Deinen lieben, süßen Brief vom 23. April. Meinen ersten Gruß aus BA wirst Du wohl gleich darauf bekommen haben, der ist wohl mit einem langsameren Dampfer herübergekommen. Mein Nucki schreibt so glücklich und vertrauensvoll in der Hoffnung, dass alles in bester Ordnung ist, und ich hab nichts tun können, als Dir mit meinen folgenden Briefen immer ein Stück nach dem andren von diesem schönen Vertrauen zu zerstören.  Es war mir so weh ums Herz, als ich gestern Deine lieben Worte las, dass es mir fast körperlich übel wurde. Ich glaube, von diesem stets resultatlosen Grübeln kommen auch die schlaflosen Nächte und damit das quälende Herzklopfen, das mich auch diese Nacht wieder bös belästigt hat. Das wird schon alles wieder in Ordnung kommen, wenn erst die Hauptfrage geregelt ist. Das wäre ja noch schöner, wenn ich jetzt auch nervös würde. Schlimm genug, dass das arme Nucki von Ursel so gequält wird und um ihren Schlaf kommt. Und meine Briefe jetzt werden auch nicht dazu beitragen, Dich frischer und fröhlicher zu machen. Ich weiß es und kann’s doch nicht ändern. Manchmal denke ich, es wäre am richtigsten gewesen, Dir all das Enttäuschende einfach verschwiegen zu haben, Dich ruhig – wie Du gehofft – im Dezember habe kommen lassen, und Dir dann gesagt zu haben: Mein Nucki, es war nicht so, wie ich Dir geschrieben, die Leute haben mich schmählich behandelt, aber ich wollte, dass wir nur erst mal zusammen wären, weil so alles soviel leichter zu tragen ist. Aber das wäre doch auch nicht richtig gewesen. Ich glaube, ich werde allmählich noch ein bisschen verrückt. Die schlaflose Nacht heute hatte auch noch ihren besonderen Grund. Die Regierungsbehörde scheint nun ganz verrückt geworden zu sein. Von dem gehofften Geld ist noch nichts zu hören und zu sehen, überhaupt kein Wort von meiner Behörde. Dafür ein Schreiben der Bank des Inhalts, dass das Ministerium, dem sie meine Quittung über $ 475,- (500 minus 5%) präsentiert haben, die Zahlung verweigert habe mit dem Hinweis, dass mir nicht 475,- sonder nur 250 Pesos (!) zukämen. Die Bank bittet um weitere Instruktionen. Von meiner edlen Behörde wie gesagt kein Wort. – Das Ganze ist natürlich nur ein „Versehen“ der Regierungsbehörde, aber ich frage mich vergeblich, wie sowas vorkommen kann.  Ehe der Beamte, der den Zahlungsauftrag der Bank erstellt, die Zahlung ablehnte, müsste er doch in den Gehaltslisten nachsehen! Ist da irrtümlich mit 250,- statt 500 eingetragen, so gibt’s womöglich wieder endlose Schreibereien. Da weiß man ja wirklich nicht, wessen man sich in Zukunft von einer Behörde zu versehen hat, die unkulant, schikanös und bummelig ist. Ich habe natürlich gleich geschrieben und um Aufklärung gebeten. Aber die Rimesse an Mama verzögert sich dadurch um allermindestens einen halben Monat. Sowas geht doch nicht.
Mein Nucki, eins ist sicher. Zusammen müssen wir bald wieder sein. Dieses in das leere Weltall hineinschreiben, wo die Antworten erst nach 3 Monaten kommen, zerreißt die Nerven. Entweder Du kommst gleich, trotz aller Schwierigkeiten, oder ich schmeiß den Leuten den Krempel vor die Füße. Lieber in Deutschland noch so bescheiden leben, als länger dies Ungewisse hin und her zerren.
Mein Liebling, ich schreib ganz bald wieder. Hoffentlich hat sich dann alles aufgeklärt.
Ich hab Dich lieb, mein Nucki, so lieb, dass ich oft alles stehen und liegen lassen möchte und einfach zu Dir kommen. Aber das geht ja nicht. „Ach ja, Kinder hab ich auch!“ Da muss mein Nucki doch lachen, nicht? Ich auch. Es wird schon alles werden. Wenn ich nur erst weiß, wie Nucki über all die 1000 Pläne und Hindernisse denkt.
Hab mich immer lieb.
Dein Walterle

Im August 1912 schreibt Otti noch einmal in die „Kinder-Kladden“ (nur über Ilse existiert kein Büchlein):

Harald:
Was für einen famosen Jungen ich jetzt habe! Braun wie ein Chinese, forsch, frisch, froh, stark und kräftig – so läuft er jetzt hier herum. Baden ist seine ganze Wonne. Er läuft mir fast zu tollkühn ins Wasser und spaddelt darin herum wie ein Frosch. Bei allem ist er dabei, jeder Rickschakuli kennt ihn, er besorgt Wege für mich und kennt keine Angst. – Einmal sag ich im Scherz, als ein Ruderboot mit einem einzelnen Herrn herankommt: „Brüderchen, guck mal, da kommt Vater!“ „Wo?“ ruft er hastig und dann ernst entrüstet: „Das ist doch nicht Vater, der hatte immer einen schwarzen Badanzug an.“ Er wurde dann ganz still und sagte auf einmal traurig: „Warum sagtest du das, Mutter? Ich hab mich so gefreut, und nun bin ich ganz traurig. Sowas musst du nie wieder sagen!“ – Ich hab es tief empfunden, wie recht er hatte und mir gemerkt. –
Er kann mich aber auch arg in Verlegenheit bringen. „Warum hast du denn so schwarze Zähne? Du putzt sie wohl nicht ordentlich?“ sagt er einmal zu einer Dame. – Es ist seltsam, wie fein er beobachtet. „Manchmal haben Ursel und du ganz dieselben Augen“, sagt er. Er zeichnet und knetet auch gern in dieser Zeit, grotesk, aber die charakteristischen Merkmale kommen fein heraus.
Reizend ist er gegen kleine Kinder, besonders Mädchen. Seine beste Spielkameradin ist Gertrud Busse. Einmal, als die 4jährige einen Herrn nicht begrüßen will, hilft er ihr, indem er entschuldigend zu dem sagt: „Weißt du, das kommt davon, dass du ihr noch nicht vorgestellt bist.“ – Einmal ermahne ich ihn: „Du wolltest doch verschwinden!“ – „Nun ist es wieder weggegangen, “ sagt er, „es muss sich erst mit dem Blut bereden.“
Er fragt mich immer sehr eingehend über den Bau unseres Körpers und die Funktionen der Organe und macht sich seltsame Vorstellungen davon. „Wenn ich so schnell laufe,“ sagt er, „dann wackelt mein Herz und fällt in den Leib, dann krieg ich Leibweh.“ –
Warum sind nur unsere Beine durchgeteilt, nicht unser ganzer Körper?“ fragt er einmal.
Er hat große Sehnsucht nach Ilse, spricht immer von ihr, träumt von ihr und erinnert alle Einzelheiten ihrer gemeinsamen Spielzeit.

Helmut
Wir stehen dicht vor der Abreise nach Bergedorf. Die Großmutter hat fleißig berichtet über meinen kleinen Mann. Er scheint sich alle Herzen gewonnen zu haben und sehr verzogen zu sein. Sammetpfötchen nennen sie ihn. Jetzt werde ich dich bald wieder haben. Gebe ein freundliches Schicksal, daß auch ein Wiedersehen mit dem Vater nicht mehr weit ist!

Oscar
Fast 2 Jahre! Wie lange ist die Sportkarre außer Dienst gestellt! Wie fest und sicher läufst du auf deinen strammen Beinen schon weite Wege und sprichst chinesisch, englisch und deutsch wild durcheinander. Dein Vater wird dich kaum wiedererkennen, mein schöner, starker Bub! Ich wollte, wir wären bei ihm!

Ursel
Wie süß du bist, lachender Sonnenschein, mit dem einen Grübchen in der rechten Backe und den beiden starken Zähnen! Jetzt bist du bald 9 Monate alt! Erst seit 14 Tagen sind die Zähne da, die schon anfingen, dich zu quälen, als du 6 Monate alt warst. Du bist kein Riesenkind mehr wie im Anfang deines Lebens, aber ein gesundes, rassiges, schlankgliedriges Ding, eine kleine Akrobatin. Mit dem Liegen kannst du dich nicht mehr befreunden. Die Hände nach hinten gestemmt, und dann mit einem Ruck in Sitzstellung und mit den raschen lebhaften Augen alles erfasst, was in der merkwürdigen Welt um dich her vorgeht! Du bist Oscar sehr ähnlich, äußerlich jedenfalls. Die Augen beherrschen noch immer das intelligente, gar nicht mehr babyhafte Gesichtchen. – Süßes Kind, du hast viel dazu beigetragen, dass mir die lange Trennung vom Vater nicht gar zu schrecklich wird.

Was Otti wohl auf Walters Bedenken geantwortet hat? Weiter in China zu bleiben, schien jedenfalls nicht ratsam. So beschloss sie, erst einmal zu ihrer Mutter und zu Ilse und Helmut nach Bergedorf zu fahren, um dort abzuwarten, ob es wohl ein gemeinsames Familienleben in Argentinien geben könnte. –

Abschied von Chefoo

Chefoo from the South East

Kisten wurden gepackt und allerlei lieb gewonnene Kostbarkeiten per Schiff nach Deutschland geschickt. Neben dem großen bestickten Wandbehang waren das zum Beispiel: „Der sitzende Buddha“

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und der fröhliche, tanzende Buddha mit seinem runden Bäuchlein:

DSC01513 tanzender Buddha in Atos Pampa Ausschnitt - Kopie

aber auch kleine Figürchen…

Figürchen living Atos Pampa - Kopie

(alle fotografiert in Argentinien im Oktober 2011)

und ihre eigene Stickerei, für die Sohn Harald viele Jahre später einen Rahmen schnitzen wird:

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(fotografiert in Uruguay, Oktober 2011)

Um die Koreanische Halbinsel herum führt die Schiffsroute nach Wladiwostok. Im September 1912 begleitet Oscar Anz seine Schwägerin und die Kinder bis zur russischen Hafenstadt. Dann besteigt Otti, die 10 Monate alte Ursel auf dem Arm, den zweijährigen Oscar an der Hand und den 6jährigen Harald vor sich her schiebend, die Transsibirische Eisenbahn.

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Dampflokomotive der Transsib: Das „Schäfchen“ – Baureihe „Owetschka“http://www.trans-sib.de/his-bran.htm

9289 Kilometer sind es von Wladiwostok bis Moskau. Es ist die längste Eisenbahnstrecke der Welt. Vor der Oktoberrevolution 1917 geht es von Wladiwostok aus über Grodekowo, Harbin, Mandschuria, Tarskaja, Tschita, Omsk, Petropawlowsk, Kurgan, Tscheljabinsk, Ufa, Samara, Rjasan bis nach Moskau. Von da aus sind es noch mehr als 2000 Kilometer über Warschau bis nach Hamburg…

Es ist nach 1909 Ottis zweite Reise mit der Transsibirischen Eisenbahn. Vier Mal war sie mit dem Schiff gereist (1903, zweimal 1906 und 1909).

Reisen Otti China

Ottis Reisen nach und von China: schwarz per Schiff, rot mit der Transsibirischen Eisenbahn

China liegt hinter ihr, die Zukunft ist ungewiss. Ein ganz neues Lebenskapitel wartet auf Familie Anz.

Otti und Walter in China zwischen 1904 und 1907 – Viel Rätselhaftes

Juni 1904 – Die Idylle des ersten Chinajahres ist vorbei.

 Warum schreibt Otti nicht weiter? In der dicken Kladde war noch Platz.
Sie trägt stattdessen Gedichte ein, meist zwischen 1897 und 1900 von ihr in Bergedorf verfasst. „Zweifel“, „Sehnsucht“, „Frühlingserwachen“, „Meiner Freundin“, „Gewitter“ sind die Überschriften.
Sie hat Heimweh – und das Leben um sie herum läuft (noch) weiter in den alten Bahnen – Kuli und Boy sorgen für ihr Wohlergehen, das Land ringsum wird beackert, die Esel rufen „hässlich“ wie schon im Jahr zuvor, Klatsch und Tratsch im deutschen Städtchen Tsingtau ändern sich auch nicht. Die Berge und das Gelbe Meer haben ihre Schönheit nicht verloren, ausführlich beschrieben hat sie sie schon. Die kleine Tochter lernt laufen, sprechen…

Ob sie von der brutalen Niederschlagung des Herero-Aufstandes in Dt.-Südwest-Afrika Kenntnis nimmt, ist fraglich. Eher schon davon, dass im East River von New York ein Raddampfer sinkt. Unter den 1021 Toten sind die meisten deutsche Einwanderer. Walter wird sich vielleicht dafür interessiert haben, dass in Deutschland keine Kinder unter 12 Jahren mehr in den Betrieben arbeiten dürfen.

Chinesisches Meer,  O. in Atos Pampa

Walter Anz: Das Gelbe Meer

 Nur 2 Zettel finde ich von 1905:

Walter ist Mitglied im „Verein zur Gründung und Erhaltung eines allgemeinen Krankenhauses zu Tsingtau“

Mitgliedskarte Krankenhaus

und ein Gedicht zu Walters 31. Geburtstag:

Tsangkou, China – Meinem Walter zum 8. September 1905

Als ich noch fern, da träumte mir von diesem Tag – ich war bei dir,
Ich schmückte glücklich dir ein freundlich Zimmer
Und einen kleinen Tisch. Und all mein Denken immer
Ein Danken war es und ein herzlich Flehn:
Laß, Schicksal, ferne Zeit in gleichem Glück uns sehn. –
Jetzt bin ich hier, und was ich träumte, ward erfüllt.
Nun bitt ich, Zukunft, die uns heute noch verhüllt:
Gib uns an stillem Glück, an Freuden und an Leid
Das gleiche Maß wie die vergangne Zeit.
Otti-Schnuckel
Rückseite:
„Fröhliche Grüsse aus der „Turteltauben-Zeit“

Vater Otto zieht 1905 mit seiner Frau Marie nach Schopfheim bei Baden. Marie Anz, geborene Jüngst, fand es an der Zeit, dass ihr nun 65jähriger Ehegatte, seine Chinaabenteuer endgültig ad acta legte. (Er war insgesamt 11 Mal hin und hergereist – und nie erster Klasse) Aus einem späteren Brief Ottis erfahren wir jedoch, dass er am 15. Februar 1910 zum letzten Mal Abschied nahm von seinem geliebten „Seidenland“.

In der Fabrik in Tsangkou wird noch fleißig der zarte Faden aufgespult, und Walter kümmert sich vielleicht weiter um den Unterricht der „Fabrikkinder“, vertieft seine Chinesisch-Kenntnisse, zeichnet und malt, wenn er Zeit findet. –

  1905 China, O. in Atos Pampa - Kopie

Walter Anz: China, 1905

Wovon Walter und Otti in dieser Zeit lebten, steht nirgends geschrieben. Walter wird wohl weiter Gehalt von der Dt.-Chin.-Seidenindustrie-Gesellschaft für seine Lehrertätigkeit bekommen haben.

In meiner dicken „Chronik des 20. Jahrhunderts“ wird für das Jahr 1905 notiert:

In Deutschland wird der Berliner Dom eingeweiht, der Künstlerbund „Die Brücke“ gegründet und Albert Einstein veröffentlicht seine ‚spezielle Relativitätstheorie‘.
In Russland ziehen tausende von Demonstranten zum St. Petersburger Winterpalais des Zaren, um friedlich für menschenwürdigere Betriebsbedingungen, Agrarreformen, Abschaffung der Zensur und religiöse Toleranz zu demonstrieren. Die Armee feuert auf die Menge – der 22. Januar 1905 geht als Petersburger Blutsonntag in die Geschichte ein. – In Indien fordert ein Erdbeben 20000 Tote.
USA: Wegen seiner artesischen Brunnen war das kleine Örtchen Las Vegas in der Wüste Nevadas zu einem wichtigen Zwischenstopp für Wagentrecks und Eisenbahnen auf ihrem Weg nach Kalifornien geworden. 1903 hatte eine Rancherwitwe für 55.000 Dollar einen Großteil ihres dort gelegenen Farmgrundstückes an eine Eisenbahngesellschaft verkauft. Nun teilt diese das Gelände in Parzellen auf und verkauft sie an Spekulanten und Investoren. Im Mai 1905 wird die Stadt Las Vegas offiziell gegründet.
Nach verlustreichen Schlachten endet im Herbst 1905 der russisch-japanische Krieg, von dessen Beginn Otti im Februar 1904 berichtet hatte, mit der Niederlage der russischen Seite.

Ganz hinten in Ottis Chinatagebuch findet sich ein sehr rätselhaftes Gedicht von ihr:

1.1. 06

Sylvesterwunsch! Die Uhr schlägt zwölf,
Zwei Augen suchen bang die meinen.
Um Liebe fleht ihr heißer Blick.
Ich gäb’ so gern sie ihm zurück.
Und kann nichts denken als den Einen, Einen.

Das neue Jahr! Still sieht’s mich an
Was sollen seine ernsten Augen?
Birgt es viel Leid, ein schweres Glück?
Will es entscheiden über mein Geschick?
Ach, mir das Leid und alles Glück dem Einen, Einen.

Wen meint sie?

Das Jahr 1906 wird ein katastrophenreiches.

Der Vesuv bricht aus, in Hongkong tobt ein Taifun (10000 Tote), in Chile, Kolumbien, Ecuador bebt die Erde und sie tut es auch besonders heftig am 18. April um 5 Uhr morgens in der Bucht von San Francisco. Große Teile der Stadt werden durch das Beben und anschließende Brände zerstört. 3000 Menschen sollen umgekommen sein.

Otti hört die Nachricht auf dem Schiff. Sie ist im dritten Monat schwanger und mit der zweijährigen Ilse auf dem Weg nach Deutschland.

Viel später, 1910, schreibt sie:

Harald, Walter, Otto
Geboren wurde er am 11. Okt. 1906 in Bergedorf b/Hamburg im Hause meiner Mutter Auguste Fock, zu der ich im April desselben Jahres von Tsangkou b/Tsingstau (China) aus gereist war, ein körperlich und seelisch gebrochenes, ganz und gar aus dem Gleichgewicht geworfenes Menschenkind. In den Monaten vor seiner Geburt hab ich mehr geweint als gelacht und mich elend gefühlt, so elend. Das hat sich an dem Kinde gerächt, und oft, wenn seine Tränenseligkeit Ärger erweckte, hab ich mir schmerzliche Selbstvorwürfe gemacht und ihn mit doppelter Liebe zu mir herangezogen. Er war ein prächtiges baby, wog bei der Geburt 8 ½  Pfund und entwickelte sich prächtig. Als er 10 Wochen alt war
(Ende Dezember 1906) hielt der Arzt es für unbedenklich, dass ich mit ihm und meiner kleinen Ilse die weite Seereise nach China antrat. Es war teilweise eine böse Fahrt. In den schlimmen Tagen der Seekrankheit verschlechterte und verminderte sich meine Milch, die Tropenhitze tat das Übrige, mir nur wenig Nahrung für meinen kleinen Kerl zu lassen. Und der sehr tüchtige und liebenswürdige Arzt des Dampfers riet mir dringend, in dem gefährlichen Klima nicht mit anderer Milch anzufangen. So hungerte ich das Kind durch bis nach Tsingtau. Da kam zu dem wieder veränderten Klima die Flasche. Das war zu viel für das kleine Menschenwesen. Er fing an zu fiebern, in der heißen Zeit wurde es schlimmer, aber auch, als es dann wieder kühler wurde, besserte sich das Fieber nicht. Wir haben kaum zu hoffen gewagt, dass unser Junge uns erhalten bliebe. Alles, was ärztliche und mütterliche Kunst vermag, wurde an ihm versucht, langsam ging es aufwärts….

Otti mit Ilse und Harald 1.12.1906, Bergedorf - Kopie

Otti mit Harald und Ilse in Bergedorf 1906

Wie mag es wohl der erst zweijährigen Ilse gegangen sein? Die Mutter verzweifelt, das Brüderchen weint…

Anfang 1907 ist Otti wieder in Tsangkou.
Über Haralds erstes Jahr schreibt sie in ihrem Rückblick von 1910 weiter:

Als er 11 Monate alt war, kam der erste Zahn, dann schnell hintereinander noch drei, sodass er mit einem Jahr doch vier Beißerchen aufzuweisen hatte. Um dieselbe Zeit fing er an sich zum Sitzen aufzurichten. Bis dahin hatte er ganz apathisch in seinem Wagen gelegen, diesen nur ab und zu selbst durch Bewegungen seines Unterkörpers in schaukelndes Wiegen versetzend. …

Noch nicht weiter gekommen bin ich mit meinen Recherchen zu dem Foto, das in diesem Jahr entstanden ist. Es zeigt Otti und Walter, der die noble Tracht eines chinesischen Beamten trägt.

Die Großeltern China 1907 (2)

Walter hatte sich seit vielen Jahren immer auch mit der Schrift und Literatur Chinas befasst (besonders liebte er den „Traum der Roten Kammer“) Seine Kartenaufnahmen der Provinz Shandong hatte er auch mit erläuternden Beschreibungen und Anmerkungen auf Chinesisch versehen. Vielleicht war er dafür geehrt worden. Vielleicht wurde er auch ausgezeichnet für seine Bemühungen, dass die chinesischen Kinder der Seidenfabrik nicht nur Deutsch lernten, sondern auch Unterricht in chinesischer Schrift, Literatur und Geografie erhielten. – Ich bin weiter auf der Suche nach Antworten …

Aquarell Walter - Kopie

Fotografie eines Aquarells von Walter Anz

Durch Otti haben wir ein wenig über die Landbevölkerung in der Umgebung von Tsingtau erfahren. Währenddessen lebte die chinesische Schicht der Gebildeten und der reichen Kaufleute in den Städten nach wie vor ihr traditionelles meist an Konfuzianischen Regeln ausgerichtetes Leben.

Wer Pearl S. Buck liest, sieht die verschachtelten Häuser vor sich mit den vielen Höfen, in denen Gitterfenster nur dämmriges Licht in die Gemächer lassen, das die stark geschminkten Frauen verführerisch erscheinen lässt, in denen die Konkubinen miteinander wetteifern, die Männer ihr eigenes Leben führen, und in die mit Staunen und zum Teil Entsetzen aufgenommene westliche Einflüsse eindringen. (Zum Teil von den eigenen Söhnen verursacht, denn ab 1872 und dann in steigendem Maße schickten reiche Familien ihre Söhne zum Studium in die USA).

Und welch andere Welt zeigt sich hinter den Mauern der Verbotenen Stadt in Beijing. Hier regierte Cixi (Tz’e Hsi), die Kaiserwitwe (1835 geboren, 16jährig als Konkubine in die Verbotene Stadt gekommen). Mehrfach übernahm sie die Regentschaft für unmündig auf den Thron gefolgte Kaiser – die wiederum jung starben – in einer Zeit des großen Umbruches, der sich ausbreitenden Unruhen im riesigen Reich.

Verschiedene Gruppierungen lehnten sich zum einen gegen die marode Herrschaft des Mandschu-Kaiserhauses auf, zum anderen auch immer mehr gegen die Unterdrückung der Ausländer, der fremden Teufel. Zweimal schon –  1840-42 und 1859-1864  – war China in den Opiumkriegen den Engländern unterlegen und war gezwungen worden, den Opiumhandel, der den Engländern prächtige Gewinne brachte, zu legalisieren. Immer mehr Häfen wurden für den Außenhandel geöffnet.

Vor Jahren schrieb ich schon einmal folgende Darstellung ab (aus „Das Alte China“, GEO Epoche, 2002 – ein lohnenswertes Heft, das es noch zu kaufen gibt):

1889 n. Chr. wurde Kuang Xu (Cixi’s Neffe) volljährig und übernahm die Geschäfte des Landes. Er hatte erkannt, dass das Land fast hoffnungslos rückständig war, wollte deshalb Anschluss finden an den Wissensstand Europas und leitete sehr weitgehende Reformen in die Wege.
Doch Cixi sieht ihre Macht gefährdet. Am 22. September 1898, nach exakt 100 Tagen der Reform, lässt sie ihren 27-jährigen Neffen durch die Palastwache festnehmen. Er bleibt ihr Gefangener.
Cixis Vertrauter und Protegé ist Ronglu, gegenwärtig ihr Militärchef. Sein Enkel
Puyi wird einmal auf dem Drachenthron sitzen.
Im Land ist große Aufruhr, es gab wieder Revolten im Volk, unter anderem den Aufstand der „Faustkämpfer für Recht und Einigkeit“, von den Engländern kurz Boxeraufstand genannt. Cixi gelang es, den Aufstand gegen die Ausländer zur richten und erklärte allen Ländern gleichzeitig den Krieg.
Der Tag der Kriegserklärung:
Cixi trägt seidene Pyjamas. Ihre Kopfkissen sind mit Rosenblüten gefüllt, und alles – die Betttücher aus Seidenbrokat, die Satinsteppdecke – ist in kaiserlichem Gelb gehalten. Nachdem Cixi die Notdurft des Morgens verrichtet hat, entfernen die Zofen den Nachttopf aus Sandelholz. Er hat die Form einer Eidechse, mit Rubinen als Augen, und trägt den Namen „Haus des Mandarins“. Eunuchen bringen eine Wanne mit hautwarmem Wasser.
Nach der Wäsche von Gesicht und Händen schälen die Dienerinnen Cixi aus dem Pyjama. Allein wäre ihre Herrin dazu kaum in der Lage – nicht zuletzt wegen ihrer mehr als sieben Zentimeter langen Nägel an den kleinen und den Ringfingern, die zudem in Futteralen aus Gold und Jade stecken.
Anschließend hüllen die Zofen Cixi in mehrere Schichten von Kleidern. Zuunterst trägt sie einen Schurz aus Baumwolle  und Seidenpantalons, dann folgt ein Hemd aus Flanell, und darüber liegt eines ihrer Satinkleider. Fast ist es, als wäre in der Verbotenen Stadt die Zeit stehengeblieben, als wäre China noch immer das Reich der Mitte, das dem Rest der Welt den Rücken kehren kann.
Doch neben dem Bett der Kaiserinwitwe hängt ein Portrait von Englands Königin Victoria, die Cixi bewundert. Auf Holztischen und Lacktruhen ticken ein Dutzend Uhren.
Die Herrscherin, die von ihren Untertanen respektvoll der „Alte Buddha“ oder der „Alte Drache“ genannt wird, ist eine kleine, 64 Jahre alte Frau mit Strähnen von Grau im Haar, mit faltigem Hals und lockeren Zähnen.
Im „Palast des Ruhevollen Alters“ neigt sich die Morgentoilette der Kaiserinwitwe dem Ende zu und die Stunde des Drachen ihrer Mitte. Cixi richtet sich auf. Die Zofen legen ihr ein Cape um, besetzt mit 3500 Perlen. Und dann steht der „Alte Drache“ da, geziert mit Juwelen und Geschmeide wie ein Kirschbaum des Frühlings mit seinen Blüten.
Cixi ist bereit für den täglichen Weg durch das Labyrinth der Hofpolitik, der Etikette, der inneren sowie der auswärtigen Dinge. Acht
Eunuchen tragen sie in einer Sänfte, links und rechts flankiert von je einem Obereunuchen. Vorneweg schreiten vier Eunuchen des 5. Ranges, hinten folgen zwölf des 6. Ranges.
Die Prozession endet in der Dongnuandian, der „Ostkammer der Wärme“. Cixi nimmt Platz auf dem Thron, und die Mitglieder des Großen Staatsrates verrichten den Kotau. …

cixi3

Jonathan Spence, The Search for Modern China, (W.W. Norton, New York, 1990), S. 228-229

Die vereinten ausländischen Mächte schlagen den Boxer-Aufstand blutig nieder.
Doch im Jahre 1907, als Walter und Otti feierlich auf den Kasten des Fotografen schauen, steht der Drachenthron noch.

Der Dolmetscher, undatiert, O. in Atos Pampa 2

Walter Anz: Dolmetscher in Amtstracht

In China – Tagebuch 15. Januar 1904 – 25. Mai 1904

Rückblick auf Weihnachten, chinesisches Neujahrsfest und endlich…

Den 15. Jan 1904

Weihnachten ist vorüber; ich kann kaum erinnern je ein so reizendes Fest erlebt zu haben, wie dieses erste hier im fremden Lande, zugleich das erste als Frau. Am 22. Dez. morgens, als ich gedankenversunken am Strand spazierenging und wenig Auge für das schöne Schauspiel hatte, das der weit hinausgefrorene Schaum und Schlick bot, hörte ich hinter mir ein bekanntes Flöten und sah, mich umwendend meinen Walter, ein Blatt Papier in der erhobenen Hand, eiligen Schrittes auf mich zukommen. Es war ein Telegramm, ich riss es auf:

Peter meldete seine Ankunft für den nächsten Tag in Tsingtau. Mit unartikulierten Freudelauten flog ich meinem Gatten an den Hals, der nicht wusste, ob er sich mehr über mein Glück oder das Kommen des fast unbekannten Schwagers freuen sollte.

Am nächsten Morgen fuhr ich nach Tsingtau. Der erste Zug kommt erst um 10 Uhr an, der Dampfer war schon um 7 Uhr dagewesen. Ich suchte meinen Bruder durch die ganze Stadt, setzte alle möglichen Menschen in Bewegung, bis ich ihn schließlich vom Hotel aus auf der Straße erspähte. Der Augenblick als wir uns beide lachend auf der Straße entgegenstürzten und nach ¾ Jahren “ein Wiedersehen in Australien“ feierten, werden wir beide nicht vergessen.

Wir haben dann im Hotel so gelacht und gescherzt, dass wir es schließlich für besser hielten, einen kleinen Spaziergang zu machen, um den verwunderten Blicken zu entgehen. In Tsangkou am Bahnhof erwartete uns W. Die beiden großen übermütigen Jungens waren gleich die besten Freunde. Ein Kuli trug Peter seinen Koffer nach, den er beinah am Bahnhof in Tsingtau vergessen hätte, wie er auch sämtliche Schirme und Handschuhe im Hotel zurücklassen wollte, nachdem er noch eben mit Genugtuung festgestellt hatte, dass auch jetzt noch bei mir ein kleines Löchlein in der Handbekleidung nicht zu den Unmöglichkeiten gehörte.

Während der folgenden 10 Tage ist eigentlich unaufhörlich gelacht und geredet worden.

Am Abend vor Weihnachten putzten Bruder und Schwester die hübsche Kiefer auf, die uns der Gastwirt geschickt hatte, während W. noch allerhand zeichnete. Am nächsten Morgen richtete ich die Weihnachtsstube her, die mit dem vollbeladenen Geschenktisch reizend aussah, jetzt aber sorgfältig vor Unbefugten geschlossen gehalten wurde. Die Stimmung war echt weihnachtlich, auch Vater, der seine Reise hatte aufschieben können, strahlte. Nachmittags 5 ¼ Uhr, als es ganz dunkel war, wurden die Lichter angezündet, und die ungeduldigen Herrn hereingerufen. Wenn wir alle 4 Kinder gewesen wären, der Jubel hätte nicht größer sein können.

Peter saß gleich mit seiner Wasserpfeife vor seinem Teller, probierte die chinesischen Manschettenknöpfe, Zigarren, Zigaretten u.s.w. Vater lachte herzlich über Scherzsachen und freute sich sehr über Nützliches, W. und ich waren glücklich.

Wir hatten auch den Leuten einen kleinen Tisch gemacht mit bunten Lichtern und sie mit Geld und Zigaretten beschenkt. Das war unerhörte Güte in ihren Augen und sie sehr dankbar und glücklich! Sie hatten sich aber auch mit solchem Eifer und solcher Freude an den Vorbereitungen beteiligt (der Koch überraschte mich mit reizend verziertem Kuchen), dass es grausam gewesen wäre, sie ganz auszuschließen.

Am ersten Weihnachtstag kamen abends die beiden chinesischen Lehrer von unten, die sich wie Kinder über den Baum und die Geschenke freuten, und mit Wein, Kuchen und Zigaretten bewirtet wurden.

Altjahrsabend machten wir uns einen Punsch, verspielten die Tannenbaumsachen, trieben allerlei Scherze und wachten die Mitternacht heran.

Am Neujahrstag machten die chinesischen Lehrer, die beide Christen sind, offiziellen Besuch.

Am 2. Jan. reiste Peter wieder ab und während der nächsten 8 Tage fühlte ich mich bitterlich einsam.

 Peter Fock, *1881, † Ende 1944 an Herzschwäche mit 63 Jahren (Angaben von Otti im Tagebuch 1944)
Hier das, was ich über ihn im internet (www.tsingtau.info- 09.09.2013) herausfinden konnte:

Kaufmann bei Sander Wieler & Co., Shanghai/China;
08.1914 Seesoldat (Kriegsfreiwilliger) in der 6. Kompanie des III. Seebataillons (Tsingtau);
11.1914 gefangen im Lager Matsuyama (Gef.-Nr. 2854, Heimatort: Hamburg),
09.04.1917 im Langer Bando (Heimatanschrift: Bergedorf bei Hamburg, Reinbeker Weg 8),
später im Lager Nagoya;
12.1919 entlassen, zunächst in Japan geblieben,
1925 bei Sander Wieler & Co., Kiangse Road 65, Shanghai

Nun sind wieder alle die Gedanken im Vordergrund, die so viel vom April erhoffen. –

Das Wetter ist abwechselnd warm und kalt, meistens aber klar und sonnig und sehr stürmisch.

Apothekenrechnung Tsingtau

Rezept Tsingtau, Schachtel Otti

Die Eisenbahnwagen sind noch immer ungeheizt, der Direktor hat erklärt, für die paar Europäer wäre es zu kostspielig, und die Chinesen könnten sich warm anziehen. Die Züge haben bald Verspätung, bald fahren sie zu früh, je nachdem die chinesischen Bahnbeamten beim Kartenspiel sind oder daran wollen. Die Fahrpreise steigern sich beständig und die Coupés werden immer schmutziger und primitiver. –

 Fahrplan Shantung Eisenbahn 1904 - Kopie

aus Walters Dokumenten-Mappe

In Japan droht Krieg mit Russland, alle deutschen Schiffe sind nach Tsingtau beordert.

In Tsingtau munkelt man davon, dass irgendeine Gesellschaft in Deutschland beschlossen habe, 25 junge Mädchen herauszuschicken zur raschen Bevölkerung der Kolonie. Heiratslustige Männer gibt es hier genug, aber keine passenden Vertreter des weiblichen Geschlechts. Ich fürchte nur, die Nachricht beruht auf einer Zeitungsente. –

Heute verlässt uns unser Koch für einen Monat, den er sich als Neujahrsurlaub erbeten hat. Hoffentlich kommt er wieder, denn er leistet auf seinem Gebiet Vortreffliches.  Das sind in buntem Gemisch die Neuigkeiten der letzten 4 Wochen. –

 Den 25. Januar 04

Seit 2 Tagen ist alles weiß. Die Sonne glitzert auf dem reinen Schnee und gibt der herrlichen Berg- und Meerlandschaft etwas Märchenhaftes.

Vater ist seit zwei Tagen in Chefoo, und Walter, der seine Arbeit übernehmen muss, ist länger als sonst in der Fabrik, und ich bin noch mehr allein. Anfang März kommt Frl. Thiessen zu uns, mir über die beiden schwersten Monate hinwegzuhelfen; ich freue mich darauf, es gibt Augenblicke, wo ich bitter leide unter der Einsamkeit und dem Mangel an ernster Arbeit. Die schriftstellerischen Versuche sind der Hamburger Zeitung eingeschickt, und ich hab weder Stoff noch Lust, etwas Neues zu beginnen. –

In dieser Woche erwarte ich mit Ungeduld die Schwester, die mir sagen soll, was noch fehlt an meiner kleinen Aussteuer. Dann will ich das Nötige in Tsingtau besorgen und ergänzen mit meinen Händen, was ich kann. Ich wollte, wir wären ½ Jahr weiter.

Den 19. Februar 04.

Der große Tag, der solange vorgespukt und noch nicht ausgespukt hat, ist vorüber. Am 16. Februar feierten die Chinesen ihr einziges großes Jahresfest: Neujahr.

Wochenlang vorher wurden fieberhaft eifrig Vorbereitungen getroffen, ihr kleines Haus gründlich gereinigt, durch Wegschaffung der Mittelwand aus zwei engen, unbehaglichen Räumen ein großes, schönes gemütliches Zimmer geschaffen, das den kleinen Ofen, den sie zu umhocken lieben, in der Mitte hat, Wände und Decke aufs schönste geschmückt mit bunten Bildern, Segenssprüchen, Spiegeln u.s.w., in der sogenannten Küche eine Art Altar errichtet. Abends krachte und blitzte es in unserm Garten und in den umliegenden  Dörfern von abgebrannten Feuerwerkskörpern, kindliches Jubeln von Kleinen und Großen als Begleitung.

Am Vorabend des großen Tages starke Erregung: nach dem Abendessen kam der boy und bat meinen Mann und mich, ihr Haus anzusehen. Es war wie ein Bild aus Tausend und eine Nacht: ein prachtvoller, sternklarer Abend, Lichterglanz und Feuerwerk und Jubel in allen Dörfern, der Hafen von Tsangkou besäet mit Dschunken und Sampans, die im Schmuck zahlreicher Lampions mit Leuchtkäfern überstreut erschienen, vor dem kleinen Chinesenhaus, im leisen Luftzug baumelnd, kleine bunte Laternen, drinnen eine märchenhaft bunte Pracht, bei aller Mannigfaltigkeit der Farben nichts Unharmonisches, in der Mitte eine riesige Papierlaterne, in deren Innern sich kleine ausgeschnittene Figuren von der Wärme wie im Karussell bewegten (Machwerk des Kochs).

Und dann krachten die Feuerwerkskörper, und die Leute strahlten und jauchzten. Wir freuten uns eine Weile mit ihnen, gingen dann hinein und errichteten wie Weihnachtsabend einen kleinen Tisch mit bunten Lichtern, Zuckersachen, Zigaretten und nicht unbedeutenden Geldgeschenken. Es wurde noch lange nicht still in dem kleinen Häuschen im Garten. Bei Reisbranntwein, Kuchen, Zigaretten und Feuerwerk feierte man Silvesternacht.

Am nächsten Morgen, als wir beim Kaffee saßen, erschienen alle drei, boy, Kuli und Koch, in ganz neuen, feierlich schwarzen Gewändern und gratulierten.

Später machten wir einen Gang durch Tsangkou: alle Wege tadellos sauber, von den Häusern leuchteten die langen roten Streifen der neuen Segenssprüche, nur ab und zu ein einzelner Chinese in neuen Gewändern, alle Türen verrammelt, alles saß in den Häusern, aß, trank, scherzte, rauchte, schlief oder machte ohrenzerreißende Musik.

Duilian - chun lian - Neujahrsprüche am Haus

Neujahrs-Segenssprüche an den Häusern

Mindestens 3 Tage wird nicht gearbeitet. Auch in Tsingtau sind alle Läden solange geschlossen, einzelne Chinesen laufen mit einem Haufen Visitenkarten herum: sie machen Besuche. Die Fabrik unten schweigt, die Kinder sind für 8 Tage in ihre Dörfer.

Am Abend bringt uns der boy drei kleine, chinesische Hausgötter von grotesk bunter Hässlichkeit als Geschenk. Wir stellen sie ins Esszimmer. Walter hat an die äußere Hauswand mit roter Farbe ein neues „fu“ gemalt.

BAD6Glück chin Einzelzeichen

Glückszeichen „fú“

In den Marktdörfern ist in den Tagen vorher lebhaftes Treiben gewesen. Um möglichst viel Geld einzuheimsen, sind auch verschiedentlich chinesische Mädchen gehandelt worden. Unser Koch lief mit kleinen, roten Pflastern an den Schläfen herum, die Chinesen lieben es, sich ab und zu schröpfen zu lassen oder zu massieren, bis sie rote Stellen davon haben. Die kleinen Wunden vom Aderlass werden mit roten Pflastern verklebt. Ob diese Erscheinung beim Koch grade in diesen Tagen in irgendeiner Verbindung mit dem Feste steht, weiß ich nicht.

Heute wird zum ersten Male wieder etwas gearbeitet, aber müde und verdrossen, d.h. unsere Leute haben nicht einen Augenblick ihre Pflicht versäumt. –

Der Krieg zwischen Russland und Japan ist ausgebrochen. Infolge schneidigen Vorgehens der Japaner und leichtsinnigen Unvorbereitetseins der Russen, sind die Japaner bis jetzt im Vorteil, die Sympathien sind hier auf keiner Seite, die Stimmung ist abwartend, natürlich werden allerlei wage und haarsträubende Vermutungen aufgestellt. Die Chinesen könnten sich mit den Japanern verbinden, oder durch ihr Beispiel angesteckt, plötzlich auf den Gedanken kommen, die Deutschen hinauszuwerfen. Mit Spannung werden die Kriegsdepeschen erwartet; flüchtende Russen kommen nach Tsingtau. Das deutsche Lazarett dort ist den Verwundeten beider Nationen zur Verfügung gestellt worden. Die Deutschen sehen sich vor. Große Abteilungen Soldaten ziehen hier vorbei zu Übungen auf den umliegenden Höfen und in den Dörfern. Der Dollarkurs steigt, für uns recht unangenehm, ebenso die Preise vieler Warenarten. Was aus Russland kam, ist überhaupt nicht mehr zu haben. Die Post geht wieder den langen Seeweg, Briefe, die unterwegs waren, wurden zurückgeschickt, wir können monatelang auf Nachricht warten.-

Im Russisch-Japanischen Krieg von 1904/05 trafen erstmals zwei hoch gerüstete, mit modernster Militärtechnik zu Land und zur See ausgerüstete Streitkräfte aufeinander… Japan wollte den Krieg gegen Russland, weil das Zarenreich seine militärische Präsenz im Gefolge des so genannten Boxeraufstandes massiv verstärkt und seine Einflusssphäre erweitert hatte, Moskau kam der Waffengang nicht ungelegen, weil man damit von inneren Problemen abzulenken hoffte. … Dank ihrer Seeherrschaft konnten die japanischen Streitkräfte ihre Truppen bei Inchon und Pjöngjang in Korea landen und von dort nach Norden vorstoßen, wo es ihnen gelang, die Eisenbahnlinie von Mukden nach Port Arthur zu unterbrechen. In der für beide Seiten verlustreichen Schlacht von Mukden erlitten die russischen Truppen eine Niederlage, deren Folgen durch die katastrophale Seeschlacht von Tsushima noch verstärkt wurden. Beide Seiten waren aber durch die Verluste so geschwächt, dass sie die amerikanische Friedensvermittlung akzeptierten. Russland musste Japans Vorherrschaft über Korea anerkennen, die Mandschurei räumen, die Pachtrechte in Port Arthur an Japan abgeben und die Südhälfte Sachalins abtreten.
Europäische Militärs waren beeindruckt, dass Japan einen potenziell überlegenen Gegner mit Offensive schlagen konnte, und verinnerlichten diese Doktrin, was sich im Ersten Weltkrieg zu einem regelrechten Kult der Offensive auswachsen sollte. – http://www.bmlv.gv.at/omz/ausgaben/artikel.php?id=250 – 09.09.2013

Das Wetter ist oft frühlingsmäßig. Die Kälte–Wärme Uhr, wie die Chinesen das Thermometer nennen, sinkt nur noch nachts unter 0. Der Sturm heult noch recht häufig ums kleine Holzhaus, aber er schneidet nicht mehr ins Gesicht. Nur auf den äußersten Spitzen der Berge lässt das Tausend-Meilen-Auge leichten Schneesturm erkennen. – Uns blüht vielleicht das Glück, schon im März in das große Wohnhaus hinunterziehen zu müssen.

 Den 23. Februar

In einer Zeitung aus Shanghai fand ich noch einige interessante Bemerkungen über das chinesische Neujahrsfest.

Es fällt durchschnittlich einen Monat später als unseres, bald aber 11 Tage früher, bald 18 – 19 Tage später als im vergangenen Jahre. Auch das chinesische Jahr hat 12 Monate, ist aber kein Sonnen-, sondern ein Mondjahr. Der chinesische Monat beginnt jedes Mal mit dem Neumond, das neue Jahr, wenn der Mond 12mal um die Erde gelaufen ist. Er braucht dazu etwas mehr als 27 Tage, muss aber noch etwas länger laufen, um wieder in dieselbe Stellung zu Sonne und Erde zu kommen, da die Erde inzwischen einen Teil ihres Weges um die Sonne zurückgelegt hat, braucht also etwas über 29 Tage, um wieder als Neumond zu erscheinen. So hat der chinesische Monat bald 29, bald 30 Tage, das Jahr 354 – 355 Tage. Damit Neujahr nun aber nicht einmal in die Sommerzeit falle, schalten sie in 5 Jahren 2mal einen Monat ein. Neujahr ist der große Zahltag in China, alte Schulden werden eingefordert, mit einem Sack über der Schulter ziehen die Gläubiger aus, da sie bei der Cashrechnung mit einem Portemonnaie nicht weit kommen würden. Dabei kommt es häufig zu Raufereien. Diebstähle und Raubüberfälle sind in den letzten Wochen vor Neujahr häufig, die Leute versuchen auf jede Weise Geld zu bekommen. Neujahr ist auch ein großreligiöser Festtag für alle. Das Bild des häuslichen Schutzgeistes, des Gottes des häuslichen Herdes, der jedem Hause nach chinesischem Glauben alljährlich am Neujahrsfeste von dem großen Geiste, dem Himmelsgroßvater zugeteilt wird, wird über dem offenen Küchenfeuer an die Wand geklebt, damit er als erster die Düfte genießt und weiß, was die Leute essen und wie sie leben. Im Laufe des Jahres wird das Bild von Rauch und Ruß unkenntlich. 8 Tage vor Neujahr wird feierlich Abbitte geleistet, damit der Schutzgeist, wenn er in den Himmel zurückkehrt, die Leute nicht verklagt und der Himmelsgroßvater ihnen einen bösen Schutzgeist schickt. Die ganze Familie kniet vor dem Bilde nieder, der Hausvater spricht die abbittenden Worte, Weihrauchstäbchen werden verbrannt, dann das Bild durch Feuer vernichtet. Dann beginnt die große Reinigung. Durch das Krachen und Schießen sollen die bösen Geister bange gemacht werden, die in der Neujahrsnacht umgehen. Vor dem Bilde des erwarteten Schutzgottes brennt ein Licht, damit er den Platz nicht verfehlt. Am Morgen wird feierlich geopfert, eine Schüssel mehlumbackener Fleischklöße, die jeder Chinese Neujahr essen muss. Daran schließt sich eine religiöse Feier vor den Ahnentäfelchen, Holztäfelchen mit den Namen der Verstorbenen, die im Hauptzimmer aufgestellt sind und die als Sitz der Seelen gelten. Dann wird gefeiert. Auch in den Tempeln geht es hoch her, da ist ein unablässiges Bimmeln, Beten und Singen (betrunkener Priester), Verbrennen von Weihrauchstäben, Wallfahrten zu den Gräbern der Eltern und den berühmten Heiligtümern. Neujahr als Freudenfest: Leben auf den Märkten vorher (Schweine, Gemüse) u.s.w. Ein chinesisches Sprichwort sagt: In der ersten Hälfte der ersten Monats hat niemand einen leeren Mund.

 Den 1. März, nach chinesischem Kalender 15. des 1. Monats

Heute ist Schluss der Neujahrsfeierlichkeiten. Noch einmal kracht es überall von Feuerwerkskörpern, in den fernen Dörfern tanzt es wie von tausend Irrlichtern, wahrscheinlich Fackeln, die in ungeordneten Mengen getragen werden, in größeren Städten sollen brillante Lampenfeste den Abschluss bilden, dafür ist unsere Landbevölkerung wohl zu arm. In den letzten Tagen kamen noch häufig Gauklerzüge hier vorbei mit phantastischen Tiergestalten, eine Gesellschaft führte mit einem ungeheuren, bunten Drachen vor dem großen Wohnhaus unten einen wilden Tanz auf. Unheimlich fuhr der fürchterliche Kopf aus dem wiegenden Kreise immer wieder plötzlich in die Höhe, während der gewaltige Körper sich unter den dirigierenden Händen schlangenartig wand. –

Gestern ist auch unser Hochzeitskuli wieder eingerückt, unchinesisch getreu seinem Versprechen. Sein stilles, gutes, dummes Gesicht, der geräuschlose, nimmermüde Fleiß wirken physisch wohltuend auf mich nach all dem Kuliwechsel.

Die Frühlingstage sind wieder Sturm, Nebel, Regen und Bergschnee gewichen. –

Nachrichten über den Krieg sind schwankend und unsicher.

 Den 9. März 04.

Am 6. März ist in Tsingtau die erste Mole im großen Hafen für den Verkehr freigegeben. Vater hat der Feier beigewohnt. Die Direktion der Shantung-Eisenbahn-Gesellschaft hatte den Festteilnehmern kostenlos einen Extrazug zur Fahrt von Tsingtau zum Hafen zur Verfügung gestellt. Für die Damen und Schulen war eine Tribüne errichtet. Die Feier begann gegen 11 Uhr. S.M.S. „Iltis“ und der Reichspostdampfer „Gouverneur Jaeschke“ liefen  in den Hafen ein.  …

Das Interesse für den Krieg hat wesentlich nachgelassen; er schleppt sich so hin, weder Russen noch Japaner vermögen eine Entscheidung herbeizuführen. Opferwilligkeit und Tapferkeit bei den Japanern ist sehr groß. Der Dollarkurs steigt noch immer, Schwarzbrot gibt es nicht, Kartoffeln sind unmenschlich teuer.

Sonnabend hatten wir sehr interessanten Besuch, Mr. Jones, englischer Missionar in Ching choufu. (Tsing-tschou-fu) Walter war während seiner Winterreise einige Tage sein Gast gewesen und begeistert von ihm.

Eine Winterreise durch Schantung und das nördliche Kiang-su 1902 – 1903, Walter Anz in Dr. A. Petermanns Geogr. Mitteilungen –   Mitteilungen 1904, Heft VI –

Er hielt sich 8 Tage in Tsingtau im Hotel auf, W. machte ihm einen Besuch, den er am nächsten Tage erwiderte. Ein Mann von ungefähr 60 Jahren, prächtige, ehrfurchtsgebietende Erscheinung, gleich einem Patriarchen des alten Testamentes, hoch und schlank, mit geistvollem, stolzen Kopf, ruhigen, anmutigen Bewegungen und zarter Liebenswürdigkeit. Er sprach geistreich und lebendig mit jugendlichem Feuer, zeigte tiefes Interesse und Nachdenken und wirkte stark anregend ohne anzustrengen. An eine Teestunde hier oben schloss sich Besichtigung der  Fabrik. Mit Kindern und Lehrern, die er offenbar sehr interessierte, sprach er längere Zeit chinesisch. Mein Lieb hatte rote Backen und strahlende Augen und entwickelte eine feine, englische Beredsamkeit. –

220px-Alfred_g_jones Missionars Freund von Walter

Alfred George Jones (chinesischer Name in pinyin: Zhóng Junan) wurde am 23.07.1846 in New Ross in Irland geboren, wo er zunächst als Kaufmann tätig war. Nach seiner Ankunft  in Tschifu (Yantai) 1876 kümmerte er sich bald hauptsächlich als Missionar der Baptisten um die Opfer der schrecklichen nordchinesischen Hungerkatastrophe, die von 1876 bis 1879 dauerte. Dr. Jones starb am 17. Juli 1905 unter tragischen Umständen: Er hatte die Nacht im Taishan Tempel in Tai’an verbracht. Während er schlief, stürzte das Gebäude des Tempels während eines Sturmes ein und begrub ihn. 

Am Sonntag ist hier große Impfung vorgenommen worden, um den bei Chinesen häufigen Blattern (Pocken) vorzubeugen. –

Noch wenige Wochen, dann halt ich, will’s Gott, meinen lang erwarteten kleinen Schatz in den Armen. Mir ist zu Mute wie einem Kinde vor Weihnachten.

 Den 23. März 04

Der Sturm tobt und brüllt ums Haus und zerrt an dem klappernden, in allen Fugen zitternden Holzgestell, als wollte er es durchaus mit fortreißen. Die Berge sind unsichtbar, ganz eingehüllt in schwere Nebel- und Staubwolken. Wir hatten schon schöne Tage, recht frühlingsmäßig mit Sonnenschein und wohliger Wärme. Die Monatsrosen im Garten haben zarte, kleine Schösslinge, die Chinesen pflügen und eggen das Land, Lehmziegel werden geformt und getrocknet, Sampans und Dschunken repariert, es ist wieder Leben und Bewegung.

Unten in der Fabrik sind sie ganz froh, dass die Wärme noch nicht anhält, eine Menge Cocons sind noch nicht getötet, und einige vorlaute Schmetterlinge sind schon ausgekrochen, das Seidengewebe zerstörend.

Ich habe mir den Frühling ins Zimmer geholt, einige Erlenzweige, die noch keinen Hauch von Leben zeigten, als ich sie abpflückte, jetzt aber kräftige, saftige junge Blätter in üppiger Menge treiben, als Dank für Wärme und flüssige Nahrung.

Mein kleiner Vogel zwitschert, als sollte ihm die Kehle zerspringen und schwatzt auf der Veranda unaufhörlich mit seinen Freunden, den drei Spatzen.

Vor etwa 8 Tagen hat nun auch die Abschiedsgesellschaft von Herrn G. stattgefunden. Die Spitzen von Tsingtau waren eingeladen zu einem Frühstück hier mit anschließendem Besuch der Fabrik. Ich machte morgens meinen gewöhnlichen kleinen Spaziergang  in die Nähe des Festplatzes. Der prächtige, breite Weg vom großen Wohnhaus bis zur Fabrik, der eigens für diesen Besuch hergestellt wurde, war fertig, der Garten in Ordnung, Rickschas kamen vom Hotel in Tsingtau mit boys zum Aufwarten und Weinkisten. Gegen 12 Uhr kam in 2 Gruppen die erwartete Gesellschaft zu Pferde. Ich stand mit dem Tausendmeilenauge auf der Veranda, zog mich aber schleunigst zurück als einige Herren, die sich verritten hatten, in vollem Galopp auf das Drahtgitter unsres Gartens lospreschten. Das Essen soll gut und die Stimmung vortrefflich gewesen sein. Walter hatte abgelehnt, daran teilzunehmen, weil er seine Frau nicht allein lassen wollte. Nachher wurden alle photographiert, dann folgte Besichtigung der Fabrik und um 4 Uhr nach einer Tasse Kaffee der Heimritt.

Bei Tisch hatte es noch ein sehr komisches Intermezzo gegeben. Zufällig kam grade an dem Tage die von uns bestellte Babywanne an, die der Chinese irrtümlich zu Vater bringen wollte. Einer der Herren nahm ihm den Bestellzettel ab und las laut vor: „Herr Anz, eine Babywanne“, daraufhin allgemeine, große Heiterkeit. Nächste Woche wird Herr G. uns nun wohl hoffentlich endgültig verlassen, Herr v. E. geht bald nach ihm.

scan0010 - Kopie Kotau

Walter Anz: Kotau vor dem Herrn Direktor

Texte auf der Karikatur:

auf dem Wagen:
Für Chinesen u. Beamte.
(Letztere haben sich bei Annäherung des
Direktors von ihren Sitzen zu erheben)

Schild links vom Bahnübergang:
      Warnung!
Den Beamten ist
das Abpflücken von
Blumen streng
untersagt.
Der Direktor

Schild rechts vom Übergang:
    Für Beamte Halt!
wenn die Barriere geschlos-
sen ist oder das Glocken-
zeichen die Annäherung
des Direktors verkün-
det.
D.C.S.I.G  KG

Gestern hatten wir hohen Besuch: Herrn und Frau Ohlmer; sie waren lebhaft und liebenswürdig, blieben 1 ½ Std., tranken Tee und aßen Kuchen und Frau O. sah sich alles ganz genau an. Ende April reisen sie auch nach Deutschland. Frau O. ist schon 18 Jahre in China (d.h. in der Zeit 3 x in Deutschland gewesen).

Der beurlaubte Koch ist am 15. wieder eingezogen, sodass jetzt die alte Garde wieder beisammen ist.

Am 20. kam die erste Post aus Deutschland nach 6 wöchentlicher Pause, Briefe vom 10. Februar, viel Liebes für mich, das mir Freude machte, wenn auch noch kein Brief von meinem Mutting und nichts von Peter, mit dem ich sonst jetzt in lebhaftem, innigen und sehr fidelen Briefwechsel stehe. –

Alles ist für meinen kleinen Engel bereit in zarter, duftiger Pracht; ich wollte, er ließe mich nun nicht mehr gar zu lange warten, ich bin so unlustig zu jeder Art von Tätigkeit, alle geistigen Arbeiten, chinesisch, engl., franz., Schreibereien, alles liegt sein Wochen ganz nieder. Ich hoffe von meinem süßen Wunder einen Strom neuer Lebenskraft.

 Den 27. April

Unser kleines Prinzesschen (Ilse Marie Auguste Rosa Anz, geb. 27. März 1904 in Tsangkou bei Tsingtau) ist nun bald 5 Wochen alt. In dieser Zeit hat sich natürlich alles um sie und um die Mutter gedreht. Ein süßes Geschöpfchen ist unser kleines Glück, das es so eilig hatte, auf die Welt zu kommen, dass es nicht einmal die Ankunft von Dr. und Schwester abwarten konnte, und eine heillose Verwirrung im Anzschen Hause anrichtete, die unser liebes Frl. Thiessen, unsere gute, lustige Tante Agnes, dann wieder lösen musste.

Und in diesen Wochen ist der Frühling eingezogen. In leuchtendem Grün ziehen sich breite Streifen Kornland durch die gepflügte Ackererde, die Dörfer sind begraben in der Blütenfülle der Obstbäume, blaue Veilchen ohne Duft, zarte weiße Blüten, gelber Ginster und Hahnenfuß schmücken die Wegränder.

Es wimmelt von arbeitenden Menschen und Tieren. Zwei Esel vor den primitiven, meist selbstverfertigten Pflug gespannt, oder einen Ochsen und einen Esel, bisweilen auch einen Angehörigen, ziehen die Chinesen vom Morgen bis zum Abend unter den monotonen Rufen an die Tiere ihre gleichmäßigen Furchen. Ein anderer folgt ihren Spuren und schüttet schwarze Düngererde in die Rillen, dem folgt ein Dritter, oft ein ganz kleiner Junge mit wichtig-ernstem Gewicht, der eifrig hinterher trippelt und einem hohlen Bambusstock durch Dranklopfen die kleinen Hirsekörner entlockt, die aus schmalen Öffnungen in gleichmäßiger Anzahl herauspurzeln. Mit seinen nackten Füßen schiebt ein anderer die Furchen zu, mit seiner drolligen Gangart ein komisches Bild bietend.

Wir machten gestern mit Frl. Thiessen einen Gang durch Hsianwung jatan. Die Dorfbewohner liefen zusammen und folgten uns neugierig in respektvoller Entfernung. Wir gingen durch das Dorf den Obstplantagen zu. Auf einem freien Platz an einem Graben saß eine Schar von Frauen. Zwei nährten ihre Kinder, die großen, etwa drei- oder 4jährigen kräftigen Leben drängten sich an sie heran und tranken im Stehen. Die Luft war weich und ruhig, die ersten Fliegen summten, an einem Abhang ließen wir uns nieder. Ein paar frische Dorfjungen waren uns gefolgt, sie warteten offenbar auf die geleerte Flasche Bier, deren Inhalt wir eben eifrig in Angriff genommen hatten. Walter veranstaltete ein Wettrennen darum, dann ein zweites um 10 Cents. Die breite Dorfstraße herunter kam ein Mann, an einem langen Stocke einen Strohkranz, in dem eine Menge kleiner Stäbe voll eingezuckerter, roter Äpfel steckten. Walter kaufte einige, wir probierten und verteilten dann den Rest der süßen Gabe in die kleinen, schmutzigen Händchen. –

Klar und sonnig, fast schwül sind die Tage oft am Morgen – dann gegen Mittag ganz plötzlich ein Pfeifen und Heulen – da ist wieder der Sturm, unser treuer Geselle und Klein-Ilschens Wagen muss den Platz auf der Veranda verlassen.

Den 1. Mai

Ein weicher, müder Frühlingstag: ich bin zum ersten Mal wieder in hell, und meine Stimmung ist wie mein Kleid. Im Wagen auf der Veranda schläft unser Prinzesschen, die Vögel zwitschern, die Fliegen summen.

Walter und Otti mit Ilse 1904

Otti und Walter mit Ilse, Tsangkou, Mai 1904

Der boy kommt mit einem ganzen Korb voll Obstblüten. Walter fragt ihn lächelnd: „Mögen denn die Leute es haben, wenn du von ihren Bäumen pflückst?“ Er antwortete halb verlegen, halb selbstbewusst: „Wenn sie es nicht mögen, sag ich masqui!“ (Maskee / masqui = pinyin English: whatever, nevermind)

 Walter malt, die weißen Blüten leuchten, Syringen (Flieder) duften schwer und süß. Die hab ich selbst gepflückt; sie wachsen auf den Hügeln im steinigen, sandigen Boden, nicht als Strauch oder Baum wie bei uns; krautartig schießen die schweren Blütenbüschel direkt aus dem Erdreich hervor. Auf dem schlechtesten Boden mühen sich kümmerliche Pflänzchen. Die Natur hier hat etwas Rührendes, so geringe Mittel sie hat, sie nutzt sie nach Kräften aus, um auch dem Frühling Ehre zu machen.

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Den 5. Mai

In einer Zeitung aus Shanghai finde ich eben folgende amüsante Notiz:
„Aus dem Tagebuch des Boys Li-chu-ling“:

„1.1. Also mal wieder ein neuer Master, und zwar wieder einer, der ganz frisch aus Germany kommt, also noch nicht von Kultur beleckt ist. Darum hat er sich auch eine seiner Missis mitgebracht. Er scheint gutartig zu sein, sie dagegen schwieriger zu behandeln. Ich werd sie mir aber wohl auch noch erziehen.
2.1. Außer mir sind hier noch ein Boy, zwei Köche und eine Amah; wir werden uns sehr einigen müssen, dass jeder zu seinem rechtmäßigen Squeeze kommt. Vorläufig habe ich nur ein 20 Centstück in der Westentasche meines Masters gefunden.
3.1. Meine Missis beobachtet mich fortwährend und macht sich dann Notizen. Ich glaube, sie dichtet mich an.
4.1. Heute großer Krach! Ich hatte für eine Flasche Odol 3,50 $ berechnet, während mein Master im selben Laden 1 $ dafür gegeben hatte. Als ob ich das hätte wissen können! Mir kostete sie selbst 90 Cents.
5.1. Meine Missis trägt viel längere Strümpfe als der Master, die ich bis jetzt kannte. Sie reichen mir bis übers Knie. Ich trage sie jetzt im Winter sehr gern. Im Sommer werd ich aber lieber die kurzen von Master tragen.
6.1. Meine Missis war heute sehr lieblos zu mir, als ich eine Gabel mit Spucke putzte. Missis ist die erste Frau aus Germany, die ich näher kennen lerne.
7.1. Heute probierte ich die Zahnbürste meiner Missis. Mir wäre sie zu hart; auch ist daran keine Vorrichtung zum Abkratzen der Zunge.
8.1. Schon wieder ein Krach. Mein Master kam unerwartet aus dem Office zurück, als ich grade beim Anziehen war. Er regte sich furchtbar auf, weil ich eins seiner Wollhemden trug. Warum kommt er auch so plötzlich in mein Zimmer. Was schadet ’s außerdem, wenn das Hemd eine Woche später zum Waschmann kommt? Er hat ja sechs.
9.1. Heute sollte ich meinem Master seinen Schirm zum Office bringen. Weil es regnete, nahm ich einen Rosa-Schirm von Missis für den Rückweg mit. Das gab wieder Krach. Die Fremden sind doch recht kleinlich!
10.1. Missis hat jetzt auch mit dem Koch Krach gekriegt, und da geht nun das ganze Hauspersonal.
Schade, ich wäre gern noch geblieben.“ –

Das ist ganz amüsant erfunden, aber nach meinen Erfahrungen muss ich doch Protest dagegen einlegen, dass man daraus den Typus eines chinesischen boys erkennen könnte. Nein, mein boy, du bist doch besser, und mein Liebling bleibst du. Übrigens weiß ich doch jetzt kaum, wer der beste ist, boy oder Kuli. Kuli hat so gute, treue Augen, ist so unermüdlich fleißig und so ruhig dabei, und geht für seine Missis durchs Feuer, besonders, seit Walter ihm mitgeteilt hat, ich hätte gesagt, er wäre ein guter Kerl. Und dann, was wohl jede Mutter besticht, er ist ganz verliebt in mein Himmelsschlüsselchen, sieht es mit verzückten Augen an, wenn ich’s auf dem Arm hab, guckt wohl auch mal verstohlen in den Wagen u. scheut keine Arbeit für das Kind. Als ich nach Frl.- Thiessens Abreise die Babywäsche übernehmen wollte, nahm er mir mit sanfter Gewalt die Wäschestücke aus der Hand und sagte: „Ich machen wasch.“ Rührend ist sein Bestreben, deutsch zu lernen. Alle Augenblicke fragt er mich nach dem Namen eines Dinges, spricht ihn ungeschickt und unverständlich nach, geht weg, ihn selig lächelnd vor sich hinmurmelnd. Heute frage ich ihn: „Schreit Baby?“ Er schüttelt den Kopf: „Will nix aussteigen.“ Das hatte er schon heraus, dass ich sie aus dem Wagen nehme bei anhaltendem Schreien. Wenn ich Baby bade, und er muss ins Zimmer, drückt sich seine schlanke Gestalt mit größter Schnelligkeit durch eine kaum sichtbare Türritze, um Zug zu verhüten. Bei jedem freundlichen Wort oder Lächeln leuchtet sein Gesicht auf, das oft so traurig und blass ist, besonders, wenn W. und ich fröhlich und zärtlich beieinander sind; wir haben ihn in Verdacht, dass er sich nach seiner Frau sehnt. –

Gleich in den ersten Tagen nach der Geburt der kleinen Ilse meldete sich eine kleinfüßige Amah, ich hab sie aber abgewiesen, mein Kind soll in keine andern Hände, es ist ja mein Stolz und mein Glück, dass mein süßes Wunder alles von der Mutter empfängt.

Ideal schön ist sie, sagt Vater. Und er hat recht, ein Meisterwerk ist dieser kleine, kräftig und doch so zart und fein geformte Körper mit dem süßen, runden Gesichtchen, aus dem die großen, blauen Augen so klar und nachdenklich in die neue Welt schauen. Und lebendig ist das kleine Geschöpf, alles an ihr bewegt sich anmutig und kraftvoll zugleich.

Von allen Seiten sind schon Glückwünsche eingetroffen, der Comprador von untern schickte mir herrlichen Seidenstoff, später häufiger Blumen. Als Walter ihm in seiner Wohnung im Dorf, einem Lehmhause, wie die andern Chinesenhütten, einen Dankbesuch machte, wurde er mit Champagner bewirtet, und die hübsch und geschmackvoll gekleidete Frau hatte Birnenblüten im Haar. Champagner, Bier und Zigaretten, eine hübsche Frau und ein feingebildeter, tadellos englisch sprechender Mann, ein kleines Bübchen, das sich dem Besuch zutraulich auf den Schoß setzte, in einer Chinesenhütte! Es tat mir leid, dass ich nicht hatte mitgehen können. – Walter singt: „Ein’ Herzensfreund, ein süßes Weib hat mir der Herr gegeben. Lass’ Weib bei mir, dann dank ich dir, dann kann ich ruhig leben“; will mich immer totdrücken und erzählt mir Wunderdinge von meiner Schönheit.

Den 17. Mai

Wir sind umgezogen, ins Tal und doch in die Höhe. Unser mu tu fung drue steht schmutzig und verlassen. 12 Kulis haben die Sachen nach unten geschleppt, die Leitung hatte der boy, ich zog mit meinem Kinde von einem Zimmer ins andere, immer dahin, wo am wenigsten Zug und Lärm war. In einer ausgeräumten Stube haben wir gesessen, Walter rauchend und trinkend, ich mein Kind fütternd. Dann hat der Vater das schlafende, kleine Wesen im Wagen herunter befördert.

Die Wohnung hier ist groß und hübsch, hat rund herum eine offene Veranda und sieht auf die Berge und das Meer. Es hat viel Arbeit gekostet, bis wir fertig waren, aber jetzt ist auch alles elegant und doch gemütlich. –

Walter ist für 3 Wochen verreist, mit einem Herrn Dr. Delius aus Shanghai, einem recht sympathischen Herrn. Jeder hat seinen boy mitgenommen, außerdem den Comprador und einen vollständigen Haushalt, Bett mit Zubehör, Kochgeschirr, Esswaren u.s.w., man reist hier nicht wie in Deutschland. Für mein Lieb freut mich diese Reise. Es ist auch gutes Wetter zum Wandern, noch nicht zu warm. Merkwürdig, wie lange es kühl bleibt in diesem Jahr.

Walter und Dr. Delius sind unterwegs „im zentralen Gebirgsland der Provinz Schantung“. Walter veröffentlicht darüber einen Bericht in „Perthes geopgraphische Mitteilungen 1904, Heft XI“

Es ist aber fruchtbares Wetter. Das Korn steht gut, Erbsen blühen, die Sommersaat sprießt, Kartoffeln werden gepflanzt, die Obstbäume stehen jetzt, nachdem sie abgeblüht haben, im prächtigen, saftig grünen Blätterschmuck. Nackte Kinder laufen in den Dörfern, nackte Männer sitzen rauchend an Wegrändern, braun wie Indianer, die rothosigen Frauen pflanzen Kartoffeln.

In meinen Zimmern prangen gelbe und rote Rosen und tieflila Glycinus.

Mein Zauberkind hat gelernt, zu lächeln, so ein rechtes, holdes Frühlingslächeln.

Den 25. Mai 04

Der Sturm heult, es ist kalt und trübe, als wären wir noch im März. Pfingsten ist still für uns vergangen, gefeiert durch Kuchen und hübsche Spaziergänge. Mein Himmelsschlüsselchen ist meine Wonne und füllt meine Tage aus mit der Sehnsucht nach meinem Lieb.

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Walter Anz: Tsangkou

In China – Tagebuch 28. Juli 1903 – 20. Dezember 1903

Otti ist schwanger…

Den 28. Juli 1903

Die Luft ist schwer und schwül. Wenn die Sonne scheint, sind ihre Strahlen schmerzhafte Stiche in Augen und Nacken. Es regnet viel. Hart fallen die Tropfen auf die Veranda und auf den steinigen Boden des Gartens. Eine große Sehnsucht ist in mir nach deutschen Wäldern, nach tropfendem Laub und frischem Baumgrün.

Ich hab keine Frau, mit der ich sprechen könnte von Frau zu Frau, ich bin so allein, was soll nur aus mir werden, wenn kritische Zeiten kommen, wo mein Mann mit all seiner Liebe mir nicht helfen kann? – Und wenn er dann da ist, mein  Gatte und mir mit seiner tiefen Stimme vorliest, dann schläft das plötzlich erwachte Heimweh leise wieder ein und alles ist wieder gut. –

Vor einigen Tagen biss ich mir einen halben Backenzahn ab. Le fuhr gleich den nächsten Morgen mit mir nach Tsingtau, erst zum allgemeinen Arzt, den er gleichzeitig noch über Art der Nahrung in dieser Zeit befragen wollte, wobei er heimlich auf ein Verbot des von mir so sehr geliebten Gurkensalates hoffte. Das geschah nun allerdings nicht, aber eine Menge Vorsichtsmaßregeln bekam ich doch, besonders wurde mir sehr angeraten, Milch zu trinken. (Durch Bezahlung von 10 Cents für jedes kleine Glas, hat W. es wirklich erreicht, mir das verhasste Getränk hineinzubringen).

Ehe ich mich unter die quälenden Hände des Zahnarztes begab, nahmen wir im Hotel eine kleine Erfrischung und ließen, in der Halle sitzend, die Zahl der überblassen Shanghaier Gesellschaftsmenschen, die hier ihre Badezeit absitzen, an uns vorbeidefilieren, uns mit Hilfe von Herrn Linke, der sich uns jedes Mal zugesellt, wenn wir im „Prinzen Heinrich“ Rast machen, über manche lustig machend. –

Tsingtau Strandhotel

Die letzte Post brachte mir einen lieben, langen Brief von Mama, der die glorreiche Nachricht enthielt, dass mein Bruder Peter nach Shanghai kommt.

 Den 30. Juli 03

Ich leide furchtbar unter der Hitze und der Einsamkeit. Die Sonne sticht in Augen und Gehirn, dass ich meine, verrückt zu werden, und aus allen Ecken und Winkeln guckt mich die Einsamkeit mit grässlichen leeren Augen an. Ich sitze unlustig und energielos und träume vor mich hin. Das ist so plötzlich und elementar gekommen, dass ich nicht Zeit hatte, Kraft zum Widerstand zu sammeln. Es mag ja auch – ich hoffe es – nur eine Folge körperlichen Unbehagens sein und der erschlaffenden Hitze. Gestern hat mein Mann mich ins Bett gesteckt. Da hab ich den halben Tag verschlafen und abends war ich frisch und vergnügt. Da sind wir durch die märchenhafte Nachtschönheit nach Tsangkou gegangen und haben in Wolff’s Garten ein Glas Vermouth getrunken.

Das Chinesendorf bei Nacht mit seinem spärlichen, ungewissen Licht, das den braunen, nackten Gestalten etwas Gespenstisches gab, mit dem Abendleben in den Läden und Häusern, den Verkäufern von kochendem Teewasser, deren primitive kleine Öfen gewaltigen Qualm in die stille Nachtluft strömten, dazu die unbeholfenen, schwachen Töne einer Flöte, passte so gut in den eigenartigen Reiz, den die Naturstimmung dem Ganzen gab. Wir schlenderten langsam zurück.

 Den 27. September

Es ist ein einsamer Sonntag heute für mich. Walter ist in Tsingtau. Der Sturm heult und lässt die Strohjalousien gegen die Veranda klatschen, dass es klingt wie menschliche Schritte. Trotz der Hitze fängt es an, recht herbstlich zu werden. – Ich bin lange krank gewesen, nicht gefährlich, eine Krankheit, die einer jungen Frau eine traumhafte Aussicht auf ein märchenhaftes Glück gibt. Aber es war eine hässliche Krankheit und langwierig und sehr schwächend dazu. In den 4 Wochen, die ich still liegen musste, haben mein erbärmlicher Zustand, verschlimmert durch die Hitze, mich oft alles vergessen lassen und mir den Wunsch ausgepresst, zu sterben, ich litt sehr. Aber meinem Mann muss ich hier ein Denkmal setzen. Keine Mutter hätte ein geliebtes Kind rührender und aufopfernder pflegen können, als mein geliebter Gatte seine apathische oder ungeduldige Frau. Er ist nicht von meinem Bett gewichen, hat mir alle die kleinen Handreichungen geleistet, die bei einer Kranken nötig sind, war so geduldig, so erfinderisch, mir Erleichterung zu verschaffen, hat mir stundenlang vorgelesen und mit schrecklicher Gewissenhaftigkeit alle 5 Min einen Teelöffel voll von der vorgeschriebenen flüssigen Nahrung gegeben.

Die schlechte Zeit ist ja nun vorüber, und die kleinen Leiden, die mich nun noch quälen, nehme ich als berechtigte Naturverstimmung hin.

Vater ist sein 5 Wochen fort nach der Mandschurei zur Cocon-Ernte. Er hat keine gute Fahrt gehabt. Die Regenzeit mit den ungewöhnlich starken Stürmen und Wassermassen hat viel Unheil angerichtet und das Reisen sehr erschwert. –

In der Fabrik ist es sehr still, kaum einer von den Herren täglich da. Walter beaufsichtigt die Schule und ist während der übrigen Zeit bei mir. Wir leben in harmonischer Zweieinigkeit ein Idyll. Fast der ganze Tageslauf spielt sich auf der Veranda ab. Früh um 6 Uhr grüßen wir die Berge und das Meer. Nach dem Tee und Käsebutterbrot eingenommen sind und ich meine kleinen Haushaltspflichten erledigt habe, geht es hinunter in die Schule, ein ganz kleiner Spaziergang (ich kann nicht lange gehen jetzt), eine kleine chinesische Übung, dann geht jeder an seine Arbeit. Hat Walter nichts für die Fabrik zu tun, so lernt er chinesisch, oder malt (das hab ich am liebsten). Ich hab in dieser Zeit tüchtig mit Näh-, Flickarbeiten und Briefschulden aufgeräumt, es hatte sich viel angesammelt während meiner Krankheit. Und dann gab es zuerst tüchtige Arbeit im Hausstand. Als ich zum ersten Male wieder die Kraft hatte, mich als Hausfrau zu fühlen und einen Blick in mein Reich tat, wusste ich nicht, ob ich lachen oder weinen sollte. Wie sah es da aus! Überall lagen Karten und Bücher verstreut umher, die Wäscheschränke in Unordnung, die Haushaltsbücher von den verschiedensten Händen auf die verschiedenste Weise geführt, die Pflanzen vertrocknet, verfaulte Blumen in den Vasen, keine reinen Decken hingelegt – ich lachte schließlich – es füllte mich doch mit geheimem Stolz, dass sich die fehlende Hand der Hausfrau so bemerkbar machte.

Den 29. September

Walter hat seinen Geburtstag (am 8. September) gefeiert in dieser Zeit. Ich war eben wieder aus dem Bett und konnte ihm keine Überraschung machen, nur seinen Frühstückstisch mit Blumen schmücken, die er sich selbst am Abend vorher gepflückt hatte auf meine Bitte. Mir war das sehr traurig gewesen, und dann war doch der Tag so selten schön, so harmonisch. –

Wir haben endlich auch unsern Willen durchgesetzt und sind einmal zum Markt nach Litzun gewesen.

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Walter hatte für mich die Rickscha kommen lassen, die dem Comprador (chinesischer Zwischenhändler) unten in der Fabrik gehört; unsern boy nahmen wir mit. Das war eine Fahrt! Der Kuli, ein schwächlicher, magerer Mensch, der nicht mehr ganz jung war und das Fahren nicht recht gewohnt schien, brachte mich abwechselnd in Gefahr nach hinten überzukippen oder an einer Seite in den Graben zu fallen. Zum Glück hatte ich den boy als Schutz im Rücken und meinen Mann zur Seite. Bei jeder schwierigen Stelle stieg ich überdies aus und ging zu Fuß solang ich nur konnte, bis die Mattigkeit stärker wurde als die Angst um mein Leben. Es muss ein sehr komischer Anblick gewesen sein: die alte Rickscha, in der ich zusammengekrochen saß, mich krampfhaft festhaltend, die Wächter hinter und neben mir, und der eigenartig fahrende Kuli; ich kann es den Chinesen nicht verdenken, dass sie lachten, lachten wir doch oft selbst herzhaft. Wir kamen doch ohne Unfall ans Ziel.

Im Dorf war reges Leben. Der riesige Marktplatz bot ein bewegtes, malerisches Bild. Tausende von Zelten oder besser Sonnensegeln reihten sich aneinander. Darunter hockten die Chinesen mit ihren großen Hüten, die Waren vor sich ausgebreitet und erwarteten in stoischer Ruhe den Käufer. Sie rauchten aus ihren langen, kleinköpfigen Pfeifen, kauten Birnen, spielten mit Cash um Cash, tranken, aßen und sahen still zu, wie man ihre Sachen beguckte, betastete und wegging, ohne etwas zu kaufen.

Wunderbar war die herrschende Ordnung. Hier waren in langen Reihen Baumwollgewänder, da Früchte, da andere Esswaren, Korbflechtereien, Zelte mit allerlei Kleinkram, Schmiede bei der Arbeit u.s.w., alles  in Abteilungen.

 Korbhändlerin um 1900 

Korbhändlerin – Postkarte von Yi und Ralf Thomann (ChinaZeug.de)

 Wie bei uns steckte nicht viel Wert in den Sachen, vieles war sogar europäischer Herkunft. Wir kauften einige Kleinigkeiten, d.h. wir suchten sie aus und zeigten sie dem boy, der dann handelte und bezahlte. Er hatte lange Seile von Cashstücken mitnehmen müssen; das ist die gangbare Münze dort, wie überhaupt beim Einkauf von sehr billigen Sachen; aber diese Geldstücke führt kein Europäer. Sie würden die Taschen noch mehr beschweren als diese entsetzlichen Dollarstücke.

Mitten durch den Platz fließt ein breiter, nicht sehr tiefer Fluss, der nur während und eben nach der Regenzeit mit Wasser gefüllt ist. Wir ließen uns mit einer Rickscha hindurchfahren, es war ein schweres Stück Arbeit durch den tiefen, nassen Sand, und ich seufzte wirklich erleichtert auf, als das hinter uns lag. Der boy ließ sich hinübertragen. Die Chinesen sind sehr sorgsam mit ihrem Zeug, besonders mit den Schuhen. Bei jeder schmutzigen Stelle ziehen sie sie sorgsam aus und tragen sie in der Hand, bis sie ohne Gefahr wieder an die Füße können. Und unser boy, der so wie so in der äußerst kleidsamen Tracht immer aussieht wie ein Prinz, hatte sehr schöne hellblaue Schuhe an. –

 Zu unsern Lieblingsspaziergängen in dieser Zeit gehört jetzt ein Gang durch Tsangkou. Interessant ist dieses echt chinesische Dorf immer, jetzt aber besonders durch den lebhaften Handel. Auf dem Marktplatz liegen in großen Haufen die geernteten Birnen, die mit großer Geschicklichkeit und sehr sorgfältig in Körbe gepackt und in die großen Dschunken gebracht werden, die dicht am Ufer liegen und in ihrer eigenartigen Bauart mit den Drachenaugen und den bunten Segeln in ihrer Masse einen wirklich malerischen Anblick gewähren. Von hier aus werden auch große Mengen von Fischen verschickt und Schweinefleisch (die Schweine sind schwarz und noch bedeutend hässlicher als bei uns). – Jeden Morgen ist Markt, auch unser Koch holt sich täglich hier seinen Bedarf an Fischen, Gemüse und Obst. Abends sitzen die Fischer und flicken ihre Netze, andere flechten Körbe, in der Nacht ziehen sie auf Fang aus. Dann strahlt das Meer von vielen, vielen kleinen Lichtern, als wäre ein Teil der Sterne in Meer gefallen. –

Die Hirse ist Mitte des Monats geerntet, nun stehen noch die süßen Kartoffeln und Buchweizen auf den Feldern. Das abgeerntete Land wird fleißig gepflügt. Schon um 4 Uhr morgens hört man den eigentümlichen Laut, mit dem die Chinesen ihre Esel antreiben. – Die Birnenernte ist noch nicht beendet. Einzelne Plantagen strotzen noch von schwer beladenen Bäumen. Mitten im Grün der niedrigen, kräftigen Bäume sind hochstehende Lagerstätten errichtet, die Tag und Nacht Wächter beherbergen, den Garten gegen Diebe zu schützen. –

(Ein unartikuliertes Geheul störte mich auf. Wir liefen beide auf die Veranda. Nicht sehr weit von uns begleitete ein Schwarm weißgekleideter Chinesen einen Sarg, der in bunter Sänfte getragen wurde. Das Geschrei war das Werk der Klageweiber) –

Meine einzigen sogenannten „Vergnügungen“ sind unsre vereinzelten Fahrten nach Tsingtau, die immer noch einen ganz eigenen Reiz für mich haben. Es ist sehr still um uns. Zu uns hinaus kommt selten jemand, eigentlich nur Herr Linke, der uns ab und zu einen Sonntag schenkt. – Der Garten ist verödet – trotz der Hitze (es sind oft noch 21° R. [26,25°C]) macht sich das Nahen des Winters bemerkbar. Wir gehen früh zu Bett, meist schon um 8 Uhr, das ist so eingerissen nach meiner Krankheit, als auch die Moskitos uns zwangen, unter die schützenden Netze zu flüchten. Nachmittags wird wieder eifrig chinesisch getrieben. Als der Lehrer zum ersten Mal nach 7 Wochen wieder heraufkam, begrüßte er mich mit den sehr langsamen und pathetisch hervorgebrachten Worten: „Ich haben gehört, du warst krank, du bist besser nun?“ – Mich berührt immer noch das „du“ so komisch. Übrigens haben die hierher gehörigen Chinesen mit großer Teilnahme den Verlauf meiner Krankheit verfolgt.

 Den 6. Okt. 03

Wir waren 4 Tage in Tsingtau im Hotel. Als wir Freitag von unserm Morgenspaziergang zurückkamen, stand im Garten ein wartender Kuli mit Nachricht von Herrn v. G., Herr G. erwartete Walter für einige Tage in Tsingtau zur Erledigung wichtiger geschäftlicher Schreibereien. W. hatte keine Zeit, sich umzuziehen, wollte er zur rechten Zeit zum bestimmten Zuge kommen. Ich blieb den Tag allein und fuhr abends mit dem Nötigen an Sachen nach. Den boy nahm ich mit zur Bahn, mir meine kleine Tasche zu tragen. Ich segnete am Bahnhof seine Anwesenheit, denn in meiner Dummheit und Verträumtheit hätte ich mir 2 Billets genommen und noch dafür viel zu viel Geld bezahlt.

Unter den chinesischen Fahrgästen war eine junge Schöne mit prächtigem roten Samtkleid, das mit schwarz und weiß benäht war, mit ganz kleinen Füßen und sehr gemaltem Gesicht. Wie ein hübsches Mädchen in Europa, war sie von huldigenden Männern umstanden, mit denen sie ganz europäisch lachte und kokettierte. Mich amüsierte diese Erinnerung an die Heimat.  In Tsingtau erwartete mich W. an der Bahn; wir waren beide so freudig erregt, als hätten wir uns Wochen nicht gesehen. Unser Zimmer im Hotel war gewaltig groß mit riesiger Veranda und Ausblick auf den Hafen, der bei Abend schön und großartig wirkt. Wir ließen uns das Abendessen oben servieren, dann packte ich den Haufen Briefe aus, der im Laufe des Tages eingegangen war, und nachdem wir als schönen Schlussakkord die vielen lieben Worte von Mama gelesen, ging es noch einmal hinaus zu einem Gang auf die lange Landungsbrücke.

kiau7_jpg andungsbrücke und Eingang in der Stadt Tsingtau jaduland

Landungssbrücke in Tsingtau

Tsingtau ist, besonders am Abend, eine schöne Stadt und ganz modern europäisch mit großen, breiten sauberen Straßen, mit Telegraphenleitungen und elektrischen Bogenlampen und Wasserleitung, mit Radfahrern, schönen Villen, prächtigen Hotels und großen Läden, mit hundert Vereinen, als da sind: Turner, Schützenverein, akademischer Verein u.s.w., u.s.w.

Nur halten statt der Droschken Rickschas an dafür bestimmten Plätzen, und mitten unter den Europäern laufen die Vertreter der gelben Race in Mengen herum, ohne Aufsehen zu erregen. Und dann hat Tsingtau etwas, worin es vielen europäischen Städten überlegen ist: Berge und Meer in unmittelbarer Nähe. –

Als ich am nächsten Morgen erwachte und die Sonne auf Häuser leuchten sah, als ich Menschenstimmen und Wagengerassel hörte, da überkam mich ein städtisch heimatliches Gefühl. Auf die Dauer aber wird Tsingtau sehr langweilig, und für viele Jahre wohnen möchte ich da nun schon gar nicht. Ich habe auch noch keinen Europäer gesprochen, der gerne dort wäre. Sie leben ihre Jahre ab und zehren von der Hoffnung auf die Zukunft in Deutschland. Nur das höhere Gehalt lockt und hält sie dort. Auch das Gesellschaftsleben bietet wenig Annehmlichkeit, der Klassengeist ist scharf ausgebildet, Hochmut und Klatschsucht stark entwickelt. Es ist  lächerlich zu beobachten, wie ängstlich sich jede Gesellschaftsstufe von der andern abschließt.

In unserm Hotel war es auch still geworden gegen frühere Zeiten, die meisten Sommergäste abgereist und nur noch einige ständige Gäste dort und ein paar Neuangekommene. Unter den schon bekannten Gesichtern war auch eine junge Engländerin, ein großes, schlankes Mädchen, prächtig gewachsen mit einem hübschen, interessanten Gesicht. Sie hatte sich vor einigen Tagen verlobt, mit einem jungen Beamten, der täglich ins Hotel kam, und mir dem Aussehen nach sehr sympathisch war. Es machte mir viel Vergnügen, das Brautpaar zu beobachten, das sich tadellos benahm. –

Wir aßen am zweiten Tage bei Herrn Linke zu Mittag in seinem Junggesellenheim. Es war noch ein Freund von ihm da, wir bildeten ein sehr gemütliches, fideles Vierblatt. Abends war Streichkonzert im Hotel. Ich hatte Hunger nach Musik und freute mich darauf. Die Musik fing an, als wir uns zum Abendessen setzten. Diesmal aßen wir mit Herrn Linke im großen Saal. Neben uns saß an einem längeren Tisch die erste Aristokratin von Tsingtau: der Gouverneur mit Frau (prächtige Erscheinung, hoch, schlank mit schönem, fein geschnittenen Gesicht, das aber viel Härte und Hochmut zeigte), zwei Admiräle, der eine auch mit Frau (unangenehmes, hochmütiges Gesicht) und einige andere hohe Persönlichkeiten. Am Tisch uns gegenüber saßen die höheren Offiziere, an den übrigen Tischen saß die sonstige feine Welt. Wein, Musik, die vielen interessanten Menschen und dabei die Nähe meines geliebten Mannes brachten mich in eine sehr gehobene Stimmung. –

Am nächsten Tag war Schützenfest. In der Stadt selbst merkte man nichts davon. Der Schützenplatz lag in den Bergen. Ich kam auf meinem einsamen (W. hatte zu tun) Morgenspaziergang in die Nähe. Die durch die Entfernung gedämpfte Musik, der Schall der Schiffe, ein kleines europäisches Mädchen, das an mir vorbeiging und mich knicksend begrüßte, ließen mich auf einmal träumen, ich wäre in Bergedorf, bis aufdringliche Rickscha-Anbietungen mich unsanft in die Wirklichkeit zurückriefen. Abends hatten die Schützen ein Festessen mit Tanz im Hotel. Der Einzug war hübsch. –

Wir ließen uns im Zimmer servieren und kümmerten uns nicht um die Gesellschaft, die bis 5 Uhr morgens in dem mit Girlanden, Fahnen und Lampions geschmückten Hotel herumtobte.

Heute Morgen fuhren wir nach Haus, bewaffnet mit einem Blumenstrauß, den mir der Zimmerboy zum Abschied überreicht hatte. Ich ängstigte mich etwas um das Schicksal unsres Heims, da wir statt Sonnabend, wie gesagt, nun erst Dienstag zurückkamen. Am Bahnhof empfing uns der boy mit seligem Gesicht. Im Hause war alles in tadelloser Ordnung und offenbar immer für unser Kommen bereit gewesen. Ich freute mich so. –

Da kam der Rückschlag. Als wir uns eben etwas zurechtgemacht hatten, kam der Koch mit gegen früher gänzlich verändertem Gesicht und sagte, dass er am 15. nach Hause gehen wollte. Wir können nicht aus ihm herausbekommen, weshalb er gehen will. Ich würde etwas darum geben, wüsste ich, was in diesen 4 Tagen geschehen ist, ihn so zu verändern. Nie hätte ich gedacht, dass einer von diesen Leuten uns freiwillig verlassen würde, und dass ich die Ursache nicht weiß, das liegt wie ein Druck auf mir. Boy und Kuli waren ebenso überrascht von diesem Entschluss wie wir.

Den 12. Oktober 03.

Das war ein feiner Tag gestern. Wir hatten uns mit Herrn Linke verabredet, nach Kiautschou (Jiaozhou) zu fahren.

Karte-Kiautschou

Das alte Städtchen Kiautschou (Jiaozhuo) lag außerhalb und nordwestlich vom  ebenfalls „Kiautschou“ genannten deutschen Kolonialgebiet

Es war herrliches Wetter, so warm, dass ich noch einmal ein ganz leichtes, weißes Sommerkleid anziehen konnte. Der Zug, der Herrn L. aus Tsingtau bringen und uns hier aufnehmen sollte, kam schon ½ 8 Uhr, wir mussten um 7 unser Haus verlassen. Den boy nahmen wir mit zum Schleppen eines gewaltigen Fresskorbes. Die Fahrt dauerte nicht ganz 2 Stunden und war sehr vergnüglich. Auf den einzelnen Stationen liefen Chinesenjungen und Männer mit Früchten, Eiern, chinesischen Kuchen, Zigaretten und kleinen Sträußen herum. Je mehr wir uns Kiautschou näherten, desto fruchtbarer wurde die Gegend. Sogar ganz kleine Wälder kamen ab und zu vor, aber wären nicht immer die Berge im Hintergrunde, es wäre trostlos öde. Feld reiht sich an Feld, jetzt fast alle abgeerntet und schon gepflügt. Vereinzelt erheben sich kleine Dämme als Schutz gegen das Wasser. Jeder Chinese sorgt nur für sein Eigentum. Sich zusammenzutun und einen gemeinsamen starken Damm zu bauen, fällt ihnen nicht ein.

9 ¼ Uhr waren wir in Kiautschou. Auf dem Bahnhof traf Herr Linke einen Freund, einen jungen Ingenieur, der für einige Zeit in dieser Chinesenstadt zu tun hat. Er machte uns mit dem prächtigen jungen Menschen bekannt, der sich ein Vergnügen daraus machen wollte, uns mit den Sehenswürdigkeiten bekannt zu machen. Wir begleiteten ihn auf seine Einladung zurück in seine Wohnung, die vor der eigentlichen Stadt liegt, ein zurechtgemachtes Chinesenhaus, auf dem die deutsche Flagge wehte. Es war nur aus Lehm gebaut, mit Stroh gedeckt und von einer Lehmmauer eingeschlossen, drinnen ein etwas kahles, aber doch recht gemütliches Junggesellenheim. Wir tranken Bier und Limonade und ließen uns dabei von Herrn Petersen den Vorschlag machen, den chinesischen Mandarinen zu besuchen. Walter malte auf eine der langen roten Visitenkarten von Herrn P., auf denen mit chinesischen Schriftzeichen dessen chinesischer Name stand, mit Pinsel und Tusche auch seinen, auf eine andere meinen und auf eine dritte einen erfundenen chinesischen Namen für J. L. das war ein Spaß! Nun ging es aber auch gleich in die Stadt.

Kioutschou ist von einer mäßig hohen, mit Schießscharten versehenen Mauer eingeschlossen, die aber schon an vielen Stellen gewaltige Lücken zeigt.

stadtmauer kiautschou verkl - Kopie - Kopie

Stadtmauer Kiautschou

Wir gingen durch das große Tor. Die Stadt ist echt chinesisch, statt der Straßen Wege, die bei schlechtem Wetter undurchdringlich sein müssen, die üblichen Lehmhäuser, dazwischen einige reicher ausgestattete Kaufmannshäuser, viel Blinde, bettelnde und kranke Gestalten, einige entsetzlich anzusehen. Die Kasernen für das deutsche Militär liegen außerhalb der eigentlichen Stadt. Durch eine Menge Kreuz- und Querwege kamen wir endlich zum Yamen.

Ein Yámen ist eine Lokalbehörde im kaiserlichen China, von der aus der jeweilige Kreisamtmann bzw. Präfekt die Amtsgeschäfte des jeweiligen Verwaltungsgebiets wahrnahm.
Zu den typischen Aufgaben der Kreis- und Präfektur-Yamen gehörte etwa das lokale Finanzwesen, öffentliche Arbeiten, Zivil- und Strafjustiz sowie die Kundgabe kaiserlicher Dekrete.
Baulich bestand der Yamen in der Regel aus einem Fronttor, einem Hof sowie einer Halle. Angeschlossen waren Büros, Arrestzellen sowie Lagerräume. Gewöhnlich lebte der Leitungsbeamte mit seiner Familie auf dem Gelände des Yamen. In besonderem Maße galt das während der Qing-Dynastie, als den Beamten zur Vermeidung von Interessenkollisionen die Amtsübung in ihrem Heimatgebiet untersagt war. wikipedia 09.09.2013

Ein gewaltiger Häuserkomplex, wieder mit einer Mauer für sich umgeben. Wir durchschritten eine Menge Tore und Höfe, voll von chinesischem Volk, an den Seiten fliegende Händler, Läden, die Gefängnisse. Endlich hielten wir vor einem bemalten, mit bunten Tüchern behängten Raum. Hier gab Herr Petersen einem Chinesen unsere Karten.

Wir brauchten nicht lange zu warten. Die Hinterwand öffnete sich, ein anderer Chinese winkte uns mit unsern roten Karten, ihm zu folgen. Wir kamen wieder durch mehrere Torbögen, an den letzten standen Diener, die ehrfurchtsvoll den Vorhang zurückhielten, noch ein ganz rundes Thor – da waren wir plötzlich in einem allerliebsten kleinen Garten, in dem Astern blühten, dann in eine Vorhalle und von da ins Empfangszimmer, ein einfacher länglicher Raum, dessen Wände chinesisch bemalt waren, der aber sonst ein recht europäisches Gepräge trug. In der Mitte stand ein weißgedeckter Tisch, auf dem sich einige kleine Teller und Brettchen befanden.

Mandarin in Nordchina 1910 - Kopie

Nordchinesischer Mandarin

Ein Augenblick, dann kam der hohe Herr, von einem Diener begleitet, in einfacher, blauer Haustracht, die übliche Mütze auf dem Kopf, eine sehr sympathische Erscheinung, mittelgroß, kräftig, mit feinem, klugen Gesicht und langen Nägeln an den Händen. Er gab uns allen der Reihe nach sehr liebenswürdig die Hand und forderte uns auf, uns zu setzen.

Walter, als der, welcher am besten chinesisch und englisch sprechen kann, musste das Wort führen. Übrigens sprach der Mandarin ganz vorzüglich englisch (er war längere Zeit in New York gewesen) und zeigte sich als ebenso feingebildeter wie liebenswürdiger Mann. Nachdem wir alle nach Namen, Stand und Wohnort befragt waren, gab er einen, der im Vorraum wartenden Diener einen Wink, worauf dieser auf das hölzerne Brettchen vor uns je eine Tasse mit Tee stellte. Wir tranken alle, dann wurde das Gespräch allgemein. Wieder ein Wink nach hinten – diesmal kam der Diener mit Champagner. Als auch der ausgetrunken war, empfahlen wir uns. Der Mandarin begleitete uns höflich durch mehrere Torbögen, gab uns wieder allen die Hand, versprach jedem einzeln, ihn zu besuchen – wir waren entlassen, sehr befriedigt von unserm kühnen Unternehmen.

Da Herr Linke halb ohnmächtig vor Hunger war, sollte es nun zum Essen gehen. Wir hatten den boy vorausgeschickt, nach einem Haus, das Herr Petersen uns bezeichnet hatte als passendsten Ort „to make a schou“. Unterwegs wurden noch einige reizende Töpferwaren eingehandelt und einem stark verfallenen Tempel ein flüchtiger Besuch abgestattet.

Endlich waren wir, zu Herrn Linkes großer Erleichterung, am Ziel. Wir fanden ein großes, leeres Kaufmannshaus mit sehr geräumigen Zimmern und einem Vorhof, in dem ein riesiger Götze stand, eine Göttin darstellend, 2mal so hoch wie ein Mann, mit 8 Armen und 11 Köpfen. Man sagt, dass der Besitzer sie nicht für 18000 M. hergeben wollte. Walter zeichnete das mächtige Geschöpf, während ich mit dem boy den Tisch herrichtete: Fleisch, Eier, Brot, Butter, Käse, Kuchen, Cakes, Weintrauben, Nüsse, Champagner und Bier. Das war ein vergnügtes Mittagsmahl zu vieren in dem großen, verlassenen chinesischen Haus, wo uns niemand störte.

Das Aufräumen überließen wir dem boy, vertrauten uns der Führung eines Kuli an und gelangten unter seiner Leitung in einen prächtigen Garten, wild-romantisch mit allen Arten von Bäumen und Blumen. Hier und da, im Grün versteckt, ein chinesischer Pavillon, Tempel, kleine Brücken, in der Mitte ein Lotusteich, leider ohne Blumen, aber ganz bedeckt von den gewaltigen Blättern. Es war, um Märchen zu träumen. Der Kuli pflückte mir einen großen Strauß Astern und Chrysanthemen. – Später ging es noch in einen Tempel, der reizend war von außen mit seinen Schnörkeleien und Verzierungen, innen aber dieselben grässlichen Fratzengestalten zeigte wie alle die andern. Wir ließen einige von den Räucherstangen abbrennen, nahmen auch ein paar mit, was bereitwilligst gestattet wurde. Schön war wieder der Glockenstuhl mit der mächtigen Glocke.

Chinesischer Tempel mit Goetzen Tsingtau 1908 wikimedia

In dem Tempel befand sich auch ein Schulraum. Unter einem großen Götzen, der mit zwei kleineren in einer Nische stand, saßen die kleinen Schüler (5 in dem Augenblick), ihr Konfuziusheft vor sich, woraus sie auf eine Aufforderung von W. mit Blitzesschnelle eine Seite herunterlasen.

Der Kuli wollte uns noch eine Menge zeigen, aber ich konnte nicht mehr, so ging es dann zurück zu Herrn Petersens Wohnung. Da war grade ein großer Teller voll prächtiger Aale, die am Morgen bei unsrer Ankunft zurechtgemacht wurden, fertig geräuchert. Die wurden unter großem Hallo auf den Tisch gesetzt, dazu Brot, Butter, Bier, Bommerlunder, Limonade für mich und später Kaffee, und die Herren, die nach dreistündiger Pause schon wieder ganz anständigen Appetit verspürten, fielen über das leckere Gericht her. Der Tisch mit der großen Schüssel Aale, mit all den Tellern, Tassen, Flaschen u.s.w. bot ein so famoses Bild, das Herr Petersen einen chinesischen Photographen kommen und von ihm eine Aufnahme machen ließ. Um 4 Uhr verließen wir das gastliche Haus, beladen mit einem großen Packet Aalen und einer chinesischen Landkarte, die Walters Bewunderung erregt hatte und ihm zum Geschenk gemacht worden war. Die Gastfreundschaft der Europäer hier im fremden Lande untereinander ist wirklich großartig. –

Der Zug hatte wieder einmal 1 Std. Verspätung. Nach 7 Uhr kamen wir müde, aber sehr vergnügt und befriedigt wieder zu Hause an, wo uns ein behaglich erleuchtetes Zimmer und ein gedeckter Tisch erwarteten.

Den 20. Oktober 03

Wir waren wieder 2 Tage in Tsingtau mitsamt der Schreibmaschine. Herr G. war hier und beorderte W. hinaus zur Besprechung mit ihm und einem Chinesen und dann zur Abfassung von Schriftstücken, die den Tag mit der Post fort mussten. Natürlich konnte ich wieder nicht Nächte allein zu Hause bleiben und kam mit.

Am Sonnabend war wieder Konzert im Hotel. Wir beiden, W. und ich hatten einen Tisch ganz allein für uns, aßen gut, tranken Sherry, und waren übermütig wie Kinder, mehr noch, als wir später ohne Zuschauer in unserm Zimmer waren.

Die beiden Tage hatten viel des Komischen gebracht. Das fing schon in Tsangkou am Bahnhof an. Der Zug hatte wieder einmal 1 ½ Std. Verspätung. Wir gingen hinunter ins Dorf und tranken in Wolff’s Garten Sherry. Als wir zurückkamen, wurde uns noch ½ Std. Wartezeit angekündigt. W. schickte einen Chinesenjungen hinunter und ließ noch 2 Glas Sherry holen! Als dann endlich der Zug kam, ließen wir alle wichtigen Dokumente selig im Wartesaal liegen. Zum Glück sah es ein chinesischer Bahnbeamter  und machte uns noch rechtzeitig darauf aufmerksam. „Schad nix“, hätte mein Wäschejunge sicher gesagt, die Antwort, die er mir grinsend gab, als ich 45 Cents von meinem Gelde zurückverlangte. Viel weiter reichen seine deutschen Kenntnisse nicht.

Im Hotel hatten wir eine sehr komische Konferenz mit einem chinesischen Schneider, der weder Englisch, noch deutsch noch das hiesige chinesisch verstand und sich überdies sehr schwer von Begriff zeigte dem Gegenstand gegenüber, den er einfach sklavisch nachahmen sollte. Unser Zimmerboy brachte endlich die Sache einigermaßen ins Geleise.

Visitenkarte Schneider

Zettel in Walters Dokumentenmappe

Mitten bei Essen und Konzert erlosch plötzlich das elektrische Licht. Jubelndes Hallo, Messer, Gabeln, Geigenbogen sanken, die boys liefen nach Petroleumlampen. Der Konzertmeister, schnell gefasst, ließ das begonnene Stück abbrechen und in der Dunkelheit eine frische, bekannte Melodie auswendig spielen. Unbeleuchtetes Händeklatschen und Bravorufe lohnten ihn.

Am Sonntagmorgen fuhren wir zurück.

Augenblicklich klappert W. auf der Schreibmaschine und schnupft und niest dazwischen wie toll. Wir sind beide arg erkältet. Die Unterschiede in der Temperatur sind zu plötzlich und zu groß. Morgens und abends um 6 Uhr + 9° R. (7,5°C), mittags 16 – 20° R. (20 – 25°C) Unsere Chinesen haben schon ihre Winterkleider hervorgeholt. Der boy sieht prächtig aus in dem langen, schwarzen Gewand, das ganz mit weißem Flanell gefüttert ist und mit der kleinen, schwarzen Kappe, die oben in der Mitte eine rote Troddel hat. –

Die Felder sind fast ganz verödet. Kartoffeln und Erdnüsse werden geerntet, die letzten Birnen, und eine Art Äpfel, ganz klein, rund und rot, mehlig und von etwas säuerlichem Geschmack. Die Kartoffeln sind riesig groß, lang, sehr mehlig und süß. Über der Erde haben sie gewaltig lange Ranken, die von Kindern und Erwachsenen täglich, oft abends und morgens früh bei Mondschein mit einer Holzstange umgeworfen wurden, Vater sagte, damit die Blätter besser gediehen, denn von der Kraft der Ranken hinge die Güte der Kartoffeln ab. Die Erdnüsse werden mitsamt der Erde in riesige Wipp-Siebe geschaufelt, die von 4 Chinesen gehalten werden. Aus einem großen Teil wird Öl gepresst, die übrigen werden geöffnet und gelangen so zum Essen in den Handel. Die roten Äpfel zuckern sie ein, stecken sie auf Holzstäbe und verkaufen sie.

Mich freut’s, dass in den leeren Feldern die Jungen nicht mehr dem Vogelfang nachgehen können. Die armen Tiere verfingen sich in dem wirren Pflanzenwerk, wurden eingefangen und verkauft.

Jeden Morgen und jeden Abend machen wir einen kurzen Spaziergang. Die Abende sind wunderbar schön, herb, klar und voll friedlicher Stille, d.h. wenn es nicht grade stürmt, und das tut es sehr viel.

Den 29. Okt 03

Unser boy ist krank, Brustfellentzündung auf der rechten Lunge. Er liegt im Hause des Comprador; im Lazarett, wo ihn der Arzt behalten wollte, wollte der dumme Junge nicht bleiben. Ich mache mir Angst um ihn, aber pflegen und helfen bei einem Chinesen ist schwer, sie haben so andere Lebensgewohnheiten. Nun arbeite ich mit Koch und Kuli allein. Der Kuli bewährt sich, der Koch ist tapsig und wurde in die Küche zurückgeschickt bei ungeschickten  Versuchen, zu helfen. Dort ist er König, in der Kochkunst übertrifft ihn so leicht keiner. Zu unsrer großen Freude hat er selbst gebeten, bleiben zu dürfen, er wollte weg und etwas anfangen mit einem Freunde zusammen und hatte noch nicht genug Geld. Das will er sich bei uns verdienen. –

Es ist plötzlich grimmig kalt geworden, noch vor 5 Tagen hatten wir 19° R. (23,75°C), schwere, schwüle Luft, dann kam Sturm und Regen und die Temperatur sank auf 6° (7,25°C). Am 27. Okt., haben wir zuerst eingeheizt. In der letzten Nacht hat es gar schon gereift, heute Mittag stand das Thermometer wieder auf 10° (12,5°C). Die Kartoffeln sind jetzt auch geerntet, aus den Ranken haben die Arbeitenden sich auf dem Felde Schutzhütten gegen Wind und Kälte gemacht. Jetzt sieht man in der Umgegend der Dörfer Tennen mit Kartoffelscheiben und langen dünnen Schnitten, die trocknen sollen, um dann so aufbewahrt und verwendet zu werden. In Tsangkou stehen die wheel-barrows hochbeladen mit Kohl, der auf Dschunken fortgeschifft wird, die Chinesen prangen in dicker, unförmiger Winterkleidung, bei schlechtem Wetter auch im Strohmantel. Die Jagd fängt an, hauptsächlich auf die zahlreich vertretenen Hasen; es ist Herbst. Die Fabrik schweigt, W. zeichnet, malt und schriftstellert und liest mir vor. Wir haben Ibsen gelesen, Grillparzer, Geschichte und jetzt angefangen ‚Albin Indergand‘ von Ernst Zahn.

Den 16. Nov. 03

Wir hatten Vater in der vorigen Woche zurückerwartet. Unser Kuli hatte sein Zimmer unten reinemachen und heizen müssen, ich hab nachgewischt, Blumen hingestellt, Decken aufgelegt, wir fuhren nach Tsingtau. Er kam aber nicht, statt seiner ein Telegramm, dass wir ihn erst Ende dieser Woche erwarten sollten. Das werden entscheidende Wochen werden.

Hintergrund zur Problematik von Ottos Seidenfabrik:
„Shandong war bis zum Einmarsch der deutschen Truppen ein reines Agrargebiet, welches die anwachsende Bevölkerung schon lange nicht mehr hatte ernähren können. Bekanntestes Handelsprodukt war die hochwertige Shandong-Seide. Auch die deutschen Kolonisten versuchten sich in ihrer Produktion, blieben jedoch letztlich erfolglos. Die 1904 entstandene „Deutsch-Chinesische Seiden-Industrie-Gesellschaft“ löste sich Anfang 1914 wieder auf. Zwar gab es vorbildliche Wohnheime für Arbeiter in der Nähe der Fabrikanlagen und Fortbildungen für die chinesischen Mitarbeiter, doch die Einnahmen konnten die Ausgaben nicht abdecken.“
Aus: „Deutschlands Adler im Reich des Drachen…“ –
http://www.bundesarchiv.de/oeffentlichkeitsarbeit/bilder_dokumente/01657/index-1.html.de – zuletzt abgerufen am 09.09.2013

Weihnachten wissen wir wohl, woran wir sind. Trotz des Hangens und Bangens und der unsicheren Zukunft freue ich mich auf dieses alte Kinderfest wie ein Kind. Ich hoffe auch sehr, wir haben meinen Bruder Peter dann hier. Am 1. Dez. soll er in Shanghai sein.  Wir haben Sturm und Kälte und schwere Schwüle in bunter Abwechslung.

Die wilden Gänse ziehen in Scharen über unser Haus hin dem Süden zu, die Jagdgewehre dröhnen, ab und zu jagen wir einen Hasen in unserm eigenen Garten auf.  Kohl wird noch in Massen ausgeführt, der Birnenversand hat ziemlich aufgehört, nachdem in der regsten Handelszeit einmal an einem Tage 17 Dschunken mit je 200 Zentnern abgegangen sind, die getrockneten Kartoffelscheiben und Schnitzel sind zusammengeharkt, durch Schüttelsiebe vom Sand befreit und unter Dach gebracht. Jetzt sieht man in den Dörfern Esel mit verbundenen Augen die schweren Steine im Kreise drehen, die Hirse, Kartoffelsamen u.s.w. malen. –

Unser boy ist wieder da und hat alle seine alten Arbeiten übernommen, sodass ich einmal wieder ohne nennenswerte Hausarbeit bin. Ein schwacher Versuch, mir wenigstens das Recht zu behalten, in Ess- und Wohnzimmer abzuwischen, misslang; am zweiten Tage kam der boy mit so süßem Gesicht und bat so bescheiden, alles wieder wie früher machen zu dürfen, dass ich die Zeichen meiner neuen Würde seufzend in seine Hände zurücklegte. Bei seinem Wiedereinzug in unser Haus brachte ein ihn begleitender Kuli ein prachtvolles Riesenexemplar einer Chrysanthemenpflanze ganz bedeckt mit Blüten, „for Mistress“, wie der Geber, der boy, mir mit strahlendem Gesichte versicherte. –

Unten in der Fabrik sind Schüler und Lehrer nach sechswöchentlicher Pause wieder eingezogen. Einer der Lehrer brachte uns als Geschenk chinesische Wandbehänge, die wir in unserm Esszimmer angebracht haben, das nun mit dem mit chinesischem Gerät aller Art bestellten Sims einen ganz chinesischen Eindruck macht. –

chin Bild La Cumbrecita 3 - Kopie

aus Ottis und Walters Nachlass: chinesischer Wandbehang (von mir fotografiert in Argentinien im Oktober 2011)

Herr Linke war wieder einen Sonntag hier, hat gegessen, getrunken, geraucht für drei und mit uns einen kameradschaftlich gemütlichen Tag erlebt. Wir suchen ihn bei unsern Fahrten nach Tsingtau auch häufig in seiner Junggesellenwohnung auf und erleben mit ihm und seinem Tischgenossen einige amüsante halbe Stunden.

In Tsingtau außerdem offiziellen Besuch gemacht bei von Binzers und einige schöne Stunden bei Ohlmers verlebt. – Herr Linke und W. haben hier in Tsangkou den deutschen Zollbeamten besucht, der mit einer Chinesin zusammenlebt (wie die meisten alleinlebenden Europäer hier, besonders die in untergeordneten Stellungen) und seit drei Monaten glücklicher Vater eines Kindes ist, das mehr von seiner als ihrer Race haben soll. –

Auf Veranlassung von Herrn G. haben wir ins Wohnzimmer noch eine Chaiselongue und ins Esszimmer einen großen Teppich bekommen, sodass beide Zimmer sehr an Gemütlichkeit gewonnen haben. Außerdem sind Öfen gesetzt; und wir haben vom 27. Okt. an geheizt. Allerdings ist es heute wieder so warm, dass wir den ganzen Tag ohne Feuerung bei offenen Türen sitzen.

Den 7. Dez. 03

Vater ist seit 14 Tagen wieder hier, frisch, elastisch, arbeitskräftig und lustig wie ein junger Mann und so lieb wie vorher (Otto Anz war immerhin schon 63 Jahre alt). Die Fabrik raucht und tutet, und ich bin wieder einen großen Teil des Tages allein und lechze nach ernster Arbeit.  

1904, Vater unter dem Moskitonetz

Walter Anz: Vater Otto unterm Moskitonetz, 1904

Das Wetter ist durchgängig herrlich, oft noch ganz warm, 8° R. (10°C) im Schatten und 20° (25°C) in der Sonne. Wir haben aber auch schon Tage gehabt mit eisiger Kälte und wütenden Schneestürmen. Die Spitzen der Berge waren verschneit, im Garten und auf den Wegen große zusammengewehte Haufen Schnee, der Schaum des Meeres und des Wassers zwischen den Klippen gefroren. Nicht einmal mit der prächtigen chinesischen Wintermütze, die mein Walter mir geschenkt hat und die nur Augen, Nase und Mund freilässt, konnte ich es wagen, die Nase zur Tür hinauszustecken, ich wäre unfehlbar ins Meer geblasen worden. Nicht nur unser Waschwasser war gefroren, sogar das Wasser in den Blumenvasen in Wohn- und Esszimmer war zu Eis geworden, und hat teilweise die Gläser gesprengt.

An jedem schönen Tag zur Ebbe-Zeit ziehen Scharen von Chinesenfrauen und Kindern an den Strand, Austern von den Klippen loszuhacken. Es sind nur winzig kleine Dinger, aber äußerst wohlschmeckend. In Tsangkou ist der Handel noch in vollem Gange. In Binsenkrügen, die innen und zum Teil auch außen mit Ölpapier verklebt sind, wird das aus den Erdnüssen gewonnene Öl befördert, Kohl, vereinzelte Birnenkörbe, auch noch kleine, rote Äpfel, süße Kartoffeln, Schweinefleisch, Walnüsse u.s.w. werden noch immer ausgeführt, es ist bei Sonnenschein immer noch das alte, bunt bewegte Leben.

Tsingtau ist in Aufregung der nahe bevorstehenden Ankunft des Prinzen Adalbert (Prinz von Preußen, 1884 – 1948, 3. Sohn von Kaiser Wilhelm II.) wegen, und die Offiziere sind alberner als je.

Ich bin in der letzten Zeit wegen Weihnachtseinkäufen 2 x allein dort gewesen. Endlich hab ich auch die große Freude gehabt, eine weibliche Persönlichkeit  kennenzulernen, die eine Frau ist, wie ich sie mir wünschte: Fräulein Agnes Thiessen und ich haben einen reizenden Tag in meinem kleinen Heim mit ihr verlebt. Leider geht sie schon im Februar aus Tsingtau fort, aber ich möchte in diesem hochnäsigen Klatschnest auch nicht Gesellschafterin spielen. Wie ein Kind freue ich mich auf Weihnachten, und ein heiliges Glücksgefühl ist in mir, wenn ich daran denke, was mir das neue Jahr verheißt.

Den 20. Dez. 03

Unser Kuli hat um 2 Monate Urlaub gebeten, sich zu verheiraten. Unser Beispiel wirkt ansteckend, Herr Linke hat schon lange nicht übel Lust, und ich glaube, es sind deren noch mehr. Ich würde selbst Lust bekommen, wenn ich das Bild unsrer Ehe vor Augen hätte. Natürlich haben wir gleich unsere Erlaubnis gegeben und noch 3 $ obendrein als Hochzeits- und Neujahrsgeschenk. Er zog sehr selig ab morgens um 7 Uhr, in der Absicht, die ganze Reise in seinen Heimatort zu Fuß zu machen, das bedeutet eine Wanderung von 5 Tagen, vorausgesetzt, dass er jeden Tag 8 Stunden geht. Es war klares, ruhiges Frühlingswetter in den Tagen, so wird er sein Ziel wohl ohne Unfall erreicht haben. Noch ehe er uns verlassen hatte, meldete sich schon Ersatz für ihn. –

In 4 Tagen ist Weihnachtsabend. Walter und ich haben vor 8 Tagen die letzten Einkäufe in Tsingtau gemacht, aufgeregt und ausgelassen wie Kinder. Einen Weihnachtsbaum, eine kleine Kiefer, besorgt uns der Gastwirt von Tsangkou.

Zwei bittere Wermutstropfen sind mir in meinen Freudenbecher gefallen: die Hoffnung, dass Peter kommt, hab ich nahezu aufgegeben, und aller Wahrscheinlichkeit nach muss Vater grade am Weihnachtsabend aus Geschäftsgründen nach Chefoo abdampfen. Dann sind W. und ich allein. Eine kindische Sehnsucht ist in mir nach den geschmückten Läden, dem Leben und Lichtmeer, dem Dom von Hamburg und den alten abgeleierten Drehorgeln mit den Kinderweihnachtsliedern, nach all der Festesstimmung, die hier naturgemäß ganz fehlt. Eisiger Nordsturm tobt ums Haus und füllt die Luft mit gelbem Sand.

Das Jahr neigt sich dem Ende zu.

Hier ein kleiner unvollständiger Blick auf das, was 1903 in der Welt geschah:

– USA pachten von Kuba für 99 Jahre Guantánamo
– Russland: Massenprogrom gegen  Juden
– Beginn Britischer Tibetfeldzug
– 2 starke Erdbeben in der Türkei
– Vulkanausbruch in Kolumbien
– Brand in einer Pariser Metro-Station (die erste Berliner U-Bahn-Linie war im Jahr zuvor eingeweiht worden)
– Pius X wird Papst
– Nobelpreis für Physik an Pierre und Marie Curie
– Thomas Mann schreibt Tonio Kröger
– Uraufführung in Wien der 9. Sinfonie von Bruckner
– Gründung der Ford Company in Detroit und Vertrieb des  Model A  Autos
– Die
Brüder Wright heben mit dem Wright Flyer zum ersten gesteuerten Motorflug ab
– Eistüten aus Waffelteig und die Thermoskanne erhalten ein Patent und gehen in Produktion
– Erste Tour de France
– Gründung der Fußballclubs Atlético Madrid, FC Saarbrücken und FC Carl Zeiss Jena …

In China – Tagebuch 12. Juni bis 27. Juli 1903

Am 31. Mai 1903 betritt Otti endlich chinesischen Boden. Walter und ihre Gastgeberin Frau Rosenbaum holen sie am Hafen ab.

Otti in Tsingtau um 1903 - Kopie - Kopie

Otti Anz in China, 1903

Tsangkou b/Tsingtau
(Kiautschou)
Den 12. Juni 03 – Rückblick nach 10 Ehetagen
Shanghai – Wir fuhren durch hübsche, breite Straßen, die Bäume standen im vollsaftigem, kräftigem Laubschmuck, dann durch die weniger schöne, sehr belebte und ziemlich schmutzige Chinesenstadt, und dann wurde es ländlich. Da hielten wir vor einem großen schönen Gebäude, Frau Rosenbaum führte mich in mein Zimmer hinauf, groß und hell war es und sehr wohnlich und behaglich, das Bett verhängt mit einem Brautschleier gegen die Moskitos. Frau Rosenbaum sah sehr schön aus, von jener weichen elegischen Schönheit, die sich so anmutig lässig gibt und doch ab und zu durchblicken lässt, dass das Kätzchen auch kratzen kann, die jene Art von prickelnder Konversation führen kann, wie sie eine gewisse Art von Männern verrückt macht, die immerfort lockt und immerfort zurückstößt. Sie war Strohwitwe, ihr Mann noch auf Reisen, aber sie hatte sich zu dem Frühstück mit dem langweiligen Brautpaar zwei junge Herrn eingeladen, die ihr in der frivol-blasierten Weise den Hof machten, die ich nicht ertragen kann. Ich bin 4 Tage in dem Haus gewesen, aber Walter und ich waren mehr außerhalb desselben als drin. Am Dienstag kam Herr Rosenbaum zurück, Mittwoch sollte die Trauung sein. Er ist ein großer, schlanker, hübscher Mann, fein und liebenswürdig, etwas weich für einen Mann. Diese beiden weichen schönen Menschen haben auch ihren Räumen das lässig-geniale, weiche Gepräge aufgedrückt, das haarscharf die Grenze innehält zwischen legerer Anmut und Unordnung.

Hochzeitsankündigung

Von Walter aufgegebene Hochzeits-Bekanntmachung im „Shanghai Mercury“ samt Rechnung

Frau Rosenbaum schmückte mich zur Trauung, mir war sehr ernst ums Herz; um 11 Uhr fuhren wir ins Konsulat. Die Formalitäten hätten mir fast ein Lächeln abgenötigt. Mit dem üblichen Herzklopfen wurde zum ersten Mal der neue Name unterschrieben, dann ein paar höfliche Redensarten: „Haben Sie eine gute Reise gehabt, gnädige Frau?“ fragte der Konsul. Das „gnädige Frau“ klang sehr schön. Vom Konsulat ging es gleich in die hübsche, deutsche Kirche, die gegenüberliegt. Wir hatten uns alle Menschen verbeten. So waren nur die beiden Zeugen und Herr Rosenbaum anwesend.

Ich wurde nachher gefragt, wie mir die Kirche gefallen hätte, ich muss gestehen, dass ich nicht viel gesehen habe, nur instinktiv gefühlt, dass sie wohltuend wirkte. Der Pastor sprach kurz und warm, einfach, herzlich über den von mir gewählten Spruch: Wo du hingehst, will ich auch hingehen -, gerade so, wie es für unsere beiderseitigen Gefühle in dem Augenblick passte.

 Shanghai German Ambassy 1910

Das deutsche Konsulat in Shanghai damals (AK von http://www.ChinaZeug.de)

Zu Hause, d.h. bei Rosenbaums, huschte ich gleich auf mein Zimmer und legte Kranz und Schleier ab, es kam mir plötzlich so komödiantenhaft vor, aber auf Frau Rosenbaums Entrüstung musste ich doch den Kranz wenigstens wieder aufsetzen.

Zum Hochzeitsmahl war auf unseren ausdrücklichen, wiederholten Wunsch nur der Pastor geladen. Die blumengeschmückte Tafel sah reizend aus, viele Gänge, viel Sekt, kurze, herzliche Reden, hübsche, fröhlich und doch geistig angeregte Stimmung, so recht ein Hochzeitsmahl nach unserm Geschmack, denn auch darin, wie in allem andern stimmen mein Mann und ich überein. Menschenansammlungen und große Abfütterungen sind uns ein Gräuel.

Auf das Essen folgten einige gemütliche Plauderstunden, dann allgemeines Umziehen. Der Rest des Tages verging so harmonisch wie er begonnen. Abends folgte ich meinem Manne in sein Hotel.

Ein Trauschein von Walter und Otti ist nicht erhalten geblieben, wohl aber zwei Quittungen darüber, dass die Gebühren für standesamtliche und kirchliche Hochzeit ordnungsgemäß bezahlt worden sind:

Hochzeit Rechnung Konsulat             Hochzeit Rechnung Kirche

Ich muss es einmal aussprechen, dass ich erst, seit ich verheiratet bin, weiß, was es heißt „glücklich“ zu sein, dass ich nie geahnt habe, dass ein solches Gefühl von wunschlosem Frieden, von überwallender Seligkeit überhaupt möglich sei. Mein geliebter Mann, Gott segne dich. –

Wir blieben noch drei Tage in Shanghai, weil wir keine Verbindung nach Tsingtau hatten. Unsere ersten Mahlzeiten im Hotel zu zweien (wir ließen uns auf dem Zimmer servieren, und ich bediente meinen Herrn Gemahl), unsere Streifzüge durch die Stadt Arm in Arm, nachgeahmt von den Chinesen, die diese merkwürdige Stellung nicht kennen und sich totlachen wollten, die uns aber auch für sehr arm hielten, weil wir fast immer zu Fuß gingen, gelegentliche Rickschafahrten, bei denen wir schmerzlich die Trennung empfanden, der Einkauf der weißen Schuhe, du in Damensachen so unerfahrener Mann – ich glaube, es gibt vieles auch aus dieser ersten Zeit unsrer Ehe, das wir nicht vergessen werden, Walter. Wenn wir nur weiter so Hand in Hand gehen, körperlich wie geistig und seelisch, meinst du, Liebster, es könnte etwas geben im Leben, über das wir beiden nicht wegkommen? –

Rikschah

Shanghai ist eine schöne Stadt, sehr europäisch, bis auf die chinesischen Stadtteile, die chinesischen Straßennamen und die langzöpfigen Schlitzaugen selbst. Mir ist aufgefallen, was für große, kräftige und braune, statt gelbe Menschen die Chinesen sind. Und zum Teil ist auch die berüchtigte Hässlichkeit gar nicht weit her. Nur dumm sehen sie aus und indolent durch die kleinen schrägstehenden Augen und das Platte im Gesicht. Sie sind im ganzen fröhlich und liebenswürdig, ganz gewandt und diensteifrig, solange sie gut behandelt werden, nur ist mir noch der penetrante Geruch unverträglich, den alle ausströmen, und dann der Schmutz und die Unordnung, in dem sie sich wohlfühlen. Nur auf ihr Haar verwenden sie alle erdenkliche Sorgfalt.

 Barbier um 1900a (AK von http://www.ChinaZeug.de)

Die Haartracht allein macht es mir auch möglich, Männer von Frauen zu unterscheiden, die Kleidung, gewöhnlich ein langer Kittel, der an der Seite geschlossen wird, ist ganz gleich. Die Männer rasieren den Vorderkopf und flechten das Haar des Hinterkopfes in einen Zopf, der oft sehr schön dick und lang von Natur ist, den sie oft auch durch bunte Bänder verdicken und verlängern und gewöhnlich frei tragen, bei der Arbeit aber um den Kopf schlingen, die Frauen machen sich sehr künstliche Frisuren, die sie mit bunten Nadeln durchstechen. Die jungen Mädchen tragen das Haar in die Stirn, wenn sie verheiratet sind, kämmen sie es zurück. Man trifft hier noch sehr viel eingeschnürte Füße, die machen den Gang, der sonst auffallend anmutig ist, entsetzlich.

Wer es sich aber auch nur irgend leisten kann, geht nicht, sondern fährt und zwar in Rickschas. Mir gehörte zuerst eine große Überwindung dazu, auf den schweißtriefenden Rücken des ziehenden Menschen herabzusehen. Die Frauen malen sich meistens ihre Gesichter sehr schön, was ihnen ein puppenhaftes Aussehen gibt. Gelungen ist es, wenn Chinesen zusammensitzen, sie sitzen nie, sie hocken, oft stundenlang, eine für uns einfach unmögliche Stellung, rauchen sehr viel aus einer langen Pfeife mit kleinem Kopf, oder essen aus kleinen Näpfen, in denen sich entweder Reis befindet oder ein entsetzliches grünliches Gemisch, das in einer fetten schmutzigen Sauce herumschwimmt. Mit ihren beiden Stäben holen sie gewandt den Reis aus dem Napf, tauchen ihn in das grässliche, grüne Etwas und essen. Sie reden immer schreiend; wenn sie irgendetwas tragen auf langen Bambusstäben über einer Schulter, geben sie, ob die Last nun schwer oder leicht ist, einen eigentümlichen stöhnenden Ton von sich, der wohl eine Art von taktmäßigem Gesang vorstellen soll. Behandelt werden sie von den Europäern teilweise noch immer wie Tiere, sie sind aber schon sehr empfindlich dagegen und sehr empfänglich für Freundlichkeit. Merkwürdig sind für Shanghai die Unmengen von Katzen. In allen Häusern fällt man über die Tiere, die im Hause Ehrenstelle einnehmen. Bei Rosenbaums kamen erst die Katzen und dann die Menschen, als wir am Tage vor unsrer Trauung mit dem Pfarrer verhandelten, spazierte so ein großes, schwarzes Ungeheuer ganz gemütlich über sein Pult, ruhte auf seiner Schulter, und er strich ihr sanft über das Fell, während sie uns mit ihren glühenden Augen feindselig anstarrte. Ich war in Versuchung, zu fragen, ob ich vielleicht aus Versehen ihren Platz eingenommen hätte.

Freitagabend gingen, oder vielmehr fuhren wir mit der Rickscha auf Umwegen im Regen zur „Tsintau“, die uns nach Tsingtau bringen sollte. Natürlich kein Dampfer wie der „Roon“, aber für ein Küstenschiff ganz behaglich, verhältnismäßig große Kabinen und ein hübscher Speisesaal.

Und dann hatten wir sehr nette Mitpassagiere außer den Engländern, denen wir fremd blieben. Da war ein junges Ehepaar, das nach Tientsin wollte, sie noch sehr jung und tapsig wie ein junger Hund, er ein feiner, frischer Mann, dann ein Konsul, der mir gegenüber saß und nach Walters Behauptung ihn um seine Frau beneidete. Das Wasser war sehr bewegt, das Schiff, wenig geladen, schaukelte tüchtig, und bei meiner Neigung zur Seekrankheit war ich einen Tag und eine Nacht recht elend und quälte meinen armen Mann. Dabei hatten wir auch noch fortwährend Aufenthalt, weil ein Leichter, den wir mitschleppen sollten, und der schon von Anfang an recht hohnvoll hinterhertänzelte, sich immer wieder von der Leine losriss und dann wieder mühsam herangefischt werden musste.

Montagmorgen gegen 10 Uhr waren wir in Tsingtau. Ich war wirklich überrascht. So reizend hatte ich mir die Stadt nach den spärlichen Abbildungen in den Hamburger Journalen nicht vorgestellt. Die malerisch verstreuten, ganz europäischen Häuser heben sich hübsch von den dahinterliegenden Bergen ab, der Kriegshafen mit den Schiffen, die vielen, frischen, weißen, deutschen Matrosen, ich fühlte mich gleich zu Hause. Hier trafen wir auch mit Vater Otto zusammen.

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 Panoramapostkarte von Otti: Tsingtau

Tsangkou
Nachmittags um 3 Uhr ging es weiter nach Tsangkou mit dem kleinen Verbindungszug, der nur zweimal am Tage fährt und nur ein Coupé II. Klasse hat. Die Gegend ist öde, steinig, sandig und sehr unfruchtbar. Nur ganz spärliche Kornfelder und etwas angepflanztes Gemüse, das sich mühsam zu geringer Höhe aufreckt, aber gewaltige Steinbrüche von wunderbaren, durch den Regen ausgewaschenen Formationen und  versandeten Flussbetten, kein Wald, überhaupt fast keine Bäume, nur einige armselige Birnbäume mit geschmacklosen elenden Früchten, wenig Grün überhaupt, aber die Berge und das Meer mit den grotesk-pittoresken Felsmassen, das wirkt.

 Gruss aus Tsingtau Chinesisches Dorf (AK von http://www.ChinaZeug.de)

Tsangkou ist ein kleines, armes Chinesendorf. Wir gingen schnell hindurch, dann auf breiten, sandigen Wegen zwischen Kornfeldern, die Kulis mit unserm Gepäck voran. Nach 10 Minuten, oder war es vielleicht gar nicht solange, sahen wir die Fabrikgebäude vor uns und das große Beamtenwohnhaus und hoch auf einem Hügel darauf hinabsehend unser kleines Feenschloss.

Als ich in das Haus hineinkam, war mir, als sagte eine Stimme: Hier wohnt der Friede, und jetzt ist mir der Gedanke furchtbar, in absehbarer Zeit einmal wieder herauszumüssen aus unserm lieben, kleinen Heim. Vater hatte so gut für alles gesorgt, und ich glaube, es freute ihn, dass ich so glücklich und so entzückt war. Wir haben drei große hohe, helle Zimmer, alle mit einer Tür auf die große Veranda, die das Haus auf drei Seiten umgibt, alle in einer Flucht. Daran schließt sich noch ein kleineres Zimmer, das wir als Schrankzimmer benutzen, Küche und Speisekammer, die mein Fuß nur selten betritt, sie ist immer voll von dienstbaren Geistern, und ich glaube, man sieht mich auch nicht gern. Der Koch macht unter Vaters Oberleitung alles selbständig, und, was er auf den Tisch liefert, ist immer vorzüglich und schmeckt mir doppelt gut, weil ich nie vorher eine Ahnung habe, was es gibt.

In meinen boy bin ich ganz verliebt, er ist ein zu süßer Junge. Wir können uns auch schon ganz gut verständigen, obgleich er eigentlich nur chinesisch spricht, nicht einmal Pidgin English; englisch überhaupt macht mir keine Schwierigkeit mehr; ich will versuchen, dem boy später etwas deutsch beizubringen. Die Chinesen lernen kolossal rasch fremde Sprachen. Walter unterrichtet Jungens, die zur Arbeit in der Fabrik herangezogen werden sollen, im Deutschen. Ich bin erstaunt über die Resultate, die er da erzielt. Natürlich kommt dabei auch manches Komische zu Stande, wie nachstehende Sätze beweisen:

„Kannst du gib sein Tafel? Müssen nicht mit ihm schlagen. Der Birnbaum gehört von sein Mann und nicht von sein Frau. Das Kind hat ein schlecht Stuhl. Wo ist dein Ding, mein Ding legen dem Hof. Mein Mutter hat schwer krank, darum legen auf Bett, mein Vater ist nicht zu Hause, darum schlagen Sie. Mein Vater will gehen zu einem Mann besuchen. Kannst du diese zerrißen Kiste Weg nehmen. Der alt Mann hat Lang Bart, seine zahn ist schön weiße. Die Frau hat dick Back. Das Kind der Kehle schwarzen kann nicht eßen. Wie teuer diese Uhr? Sehr billig, kost 5,80 Cent. Wo hast du es gekauft? Ich bin in Deutschland hat es gekaufen.“

 Von den Kulis merke ich nicht viel, höchstens sehe ich einmal den Hauskuli mit Besen und Wischtuch herum hantieren und den andern im Garten begießen. Unser Garten, der ist eigentlich traurig. Gar nicht klein ist er und von einem großen Stacheldrahtgitter eingefasst, aber der trocken, steinige Boden, der Wind und die heiße Sonne lassen nichts gedeihen. Gesät und gepflanzt ist viel, aber fast nur die zahllosen Rizinuspflanzen machen krampfhafte Anstrengungen, wenigstens etwas  grünes Blattwerk über den Erdboden zu erheben. Ich mag nicht einmal das Unkraut aus den Gängen entfernen lassen, weil es doch wenigstens etwas grün ist. Bis jetzt hatten wir ringsherum noch die Kornfelder, jetzt wird das Korn geerntet, dann sehen wir auf schwarze Ackerkrume.

Und doch ist es unvergleichlich schön hier. Wenn wir abends auf unserer Veranda stehen und hinter dem Meer die Sonne versinkt und hinter den Bergen langsam und herrlich der Mond aufsteigt und die zerrissenen Felsenmassen in geheimnisvolles Licht hüllt, dann sind wir still vor der großen Schönheit der Natur. Es kann auch mal vorkommen, dass wir beiden „eigenartigen“ Menschenkinder in einer besonders schönen Sommernacht aufstehen, und in ein riesiges, weißes Laken gehüllt, als Nachtgespenster auf unsrer Veranda herumwandeln.

Vom Standpunkt einer europäischen wenigstens deutschen Hausfrau aus, habe ich eigentlich nichts zu tun.

Wir stehen morgens etwas vor 6 Uhr auf, um ½ 7 dröhnt Vaters frisches, fröhliches „Guten Morgen“ durchs Haus. Dann trinken wir Tee. Der boy hat schon alles sehr niedlich bereitet. Wenn ich erst meine Teemaschine habe, will ich Tee und Kaffee immer selbst machen, so hab ich doch etwas Hausfrauengefühl.  Um 7 Uhr begleite ich Vater und Walter zur Fabrik, schließe daran einen kleinen Spaziergang und bin meistens gegen 9 Uhr zurück. Dann mache ich einen Gang durch Garten und Haus, sehe ob alles ordentlich und ob irgendwo noch Verschönerungen oder Verbesserungen angebracht werden können, begieße meine Blumen, ordne gepflückte in Vasen, ziehe mich um, schreibe Briefe oder hier mein Tagebuch, lese, lerne  chinesisch, französisch oder sonst etwas bis 12 Uhr. Bald nach 12 kommen die Herren. Dann wird gleich gegessen, der boy hat wieder sehr niedlich gedeckt und serviert hübsch und geräuschlos, sehr häufig Teller und Silber wechselnd. Es vergeht keine Mahlzeit ohne eine süße Speise nachher und Brot, Toast, Marmelade. Wurst, Tee mit einer Art Cognac zum Schluss.

Nach dem Essen geht Vater zum Mittagsschlaf, Walter und ich dammeln bis ½ 2. Dann geleite ich meinen Gatten wieder zur Fabrik, oft auch kommt ein deutsch-chinesischer Lehrer zu uns, ein verlegen freundlich lächelnder, breitgesichtiger Chinese, der in dem Drange, die neue Mississi zu begrüßen, mich ruhig in meinem Schlafzimmer aufsuchte, weil er da Geräusch gehört und mir mit strahlendem Lächeln und unverständlichem Gemurmel die linke Hand bot. Dann gibt es chinesischen Unterricht, d.h. sie lehren und lernen wechselseitig und ich sitze dabei und übe, was Walter mir den Abend vorher beigebracht hat.

Die Sprache ist sehr schwer zu lernen. Sie hat keine Deklination und Konjugation, auch keine Steigerung, überhaupt keine Veränderung der Wörter. Es ist eigentlich nur ein loses Aneinanderreihen von Wörtern, also ein Vokabularium: schwer wird es durch die zungenbrecherische Aussprache, dadurch, dass oft ein Wort hunderterlei Bedeutung hat, und dass die Chinesen oftmals dasselbe Wort in einem Satz 3 – 4 Mal wiederholen, um den  eigenartigen Rhythmus herauszubekommen.

Und dann die Schriftzeichen! Jedes Wort hat ein besonderes Zeichen, jedes immer wieder ein kleines Gemälde, das mühsam zusammengestellt werden muss. Die Chinesen haben dazu einen sehr feinen Pinsel, den sie senkrecht halten und sehr geschickt führen. Gelesen wird von oben nach unten von rechts nach links.

Um ½ 4 wird Kaffee getrunken. Dann bleibe ich wieder allein, Langeweile kenne ich nicht, weil ich immer Arbeit finde. Um 6 ist der Arbeitstag für die Herren zu Ende. Walter und ich gehen an den Strand, baden (ich lerne schwimmen) suchen Muscheln, klettern auf den Felsen herum bis 7, zur Abendbrotszeit. Gegen 8 bringen wir Vater den großen Hauptweg hinunter bis zum kleinen Weg, der zum großen Wohnhaus führt, dann schlendern wir gemütlich zurück, bleiben noch etwas auf unsrer Veranda, arbeiten ernsthaft chinesisch und lesen abwechselnd einen Abend englisch, einen Abend deutsch vor. Um 10 Uhr ist auch das Großstadtmädchen so müde, dass es sich freut, mit Anstand zu Bett gehen zu können. So sind bis jetzt im Allgemeinen unsere Tage.

Abänderungen gibt es natürlich auch jetzt schon genug. Da stört mich eben ein Händler, der Tauben und Hühner verkaufen will und mit dem ich mich durchaus nicht verständigen kann, bis mein boy mir zu Hilfe kommt, dann kommt gleich darauf ein Junge, der auch etwas von mir will. Wieder muß der boy heran. Er will die Wäsche holen, die gewaschen werden soll. So, doch wieder eine Hausfrauenarbeit, ich bin ordentlich froh, wenn ich fühle, dass ich hier doch nicht nur Luxusgegenstand bin.

Es kommen aber auch Besuche in Tsingtau wegen Besorgungen und Besuchen, halsbrecherische Touren in die Berge, Besuch eines alten Tempels, hoffentlich baldige Ankunft unsrer Sachen, die das Schiff versehentlich noch weiter mit sich geführt hat, und daran anschließend große Packereien.

Als wir zum ersten Mal in Tsingtau waren, sind wir ganz zu Fuß den mehr als dreistündigen heißen, sandigen Weg zurückgewandert. Walter war sehr stolz auf seine Frau. Der Tempel, den ich gesehen, liegt hier ganz in der Nähe, ein schmuckloses, niedriges Steingebäude mit einigen phantastischen Verzierungen, ein Raum darinnen, im Halbkreis aufgestellt oder sitzend eine ganze Menge der scheußlichsten Gestalten, zum Teil von, zum Teil über Menschengröße, mit Gold und bunten Farben ganz überzogen, mit Schmucksachen behängt in den verwegensten Stellungen, alle irgendeinen Gegenstand in der Hand, oft auch ein Schwert, das zum Schlage ausholt, die Gesichter entsetzlich fratzenhaft, vor allem eine Urne mit den Überresten von Räucherstäbchen, an den Wänden scheußliche, phantastische Bilder, alles hässlich und abstoßend. Es waren gleich ein paar Chinesen bei der Hand, die führen und erklären wollten, sich selbst aber über ihre Untiere halbtot lachten. In einem kleinen Seitenraum hing tief eine ungeheure Glocke, die einen wundervollen Ton von sich gab, wenn man daran schlug.

 Den 16. Juni

Sonntagnachmittag machten Walter und ich einen 4stündigen Renn- und Dauermarsch ins Gebirge. Wir gingen erst auf sandigem Weg zwischen Kornfeldern. Die Leute waren bei der Ernte. Das Korn wird hier nicht gemäht wie bei uns, sondern mit den Wurzeln herausgezogen, die Erde abgeschlagen, in kleinen Bündeln zusammengebunden und auf Karren fortgefahren. Die Wurzeln werden später abgeschlagen und als Feuerung verwendet.

Solange der Chinese für seinen eigenen Vorteil arbeitet, ist er sehr fleißig und nutzt auch das kleinste Stück Land aus, im Dienste andrer ist er meistens nachlässig und träge. Wir kamen in ein Dorf, und da war wie mit einem Schlage der ganze Charakter der Gegend verändert, statt des dicken Sandes schwerer, fruchtbarer Boden, überall angepflanzt, Wiesen und Felder voll Saft und eine Menge der kräftigsten Obstbäume, ganz bedeckt mit halbreifen Birnen oder kleinen Äpfeln. Die Bäume wirkten so wohltuend, nachdem man sie so lange entbehrt. Das ganze Dorf wirkte wie eine Oase in der Wüste. Und dabei klettert es so malerisch den Berg hinan, wie eine alte, römische Stadt erschien es mir. Wir kamen erst durch 4 ganz eigenartig hübsche Torbögen hinein, die Häuser niedrig, roh aus großen Felssteinen und Lehmplatten aufgebaut mit Strohdächern, umgeben von roh zusammengefügten Mauern. Über der Tür jedes Hauses ein chinesischer Segensspruch und das chinesische Fu. Alles halb versteckt unter den dichtbelaubten Obstbäumen wirkte eigentümlich alt und malerisch. Die blauen Gestalten der Chinesen bildeten eine stimmungsvolle Staffage. Von allen Seiten kamen die Dorfbewohner herbeigelaufen und starrten mich mit offenem Mund und angstvollen Augen an wie eine übernatürliche Erscheinung. Walter meinte, ich wäre wohl die erste europäische Dame, die hergekommen, wie ich auch die erste bin, die in der Mittagshitze von Tsingtau hierher zu Fuß gelaufen ist. Ein kleines Kind lief schreiend davon. Die feigen chinesischen Hunde, die etwas Hyänenartiges haben, fielen uns von hinten und von der Seite mit wütendem Gebell an, entwichen aber bei der geringsten Bewegung. Überall, wohin ich komme, ruhen die fleißigen Hände, die Leute sehen mir verwundert, bewundernd nach, rufen mir auch wohl etwas zu, das ich aber nicht verstehe. Walter sagt, es gälte als ganz besonders höflich bei den Chinesen, zu fragen, wenn sie jemanden treffen: Hast du schon gegessen? Oder: Wo bist du gewesen, Exzellenz? Walter antwortet ihnen dann auch immer. Mir fiel auf, wie viel Blinde wir trafen. W. sagte, die wären hier sehr viel, die ägyptische Augenkrankheit grassierte so stark, und die Leute täten nichts, sich davor zu bewahren, oder die Augen während der Krankheit zu schonen. Aber es ist rührend, wie gut sie von den andern behandelt werden. Ich glaube auch, das helle Licht auf dem weißen Sand wirkt schädlich auf die Augen. Ich merke es jetzt schon, ich müsste eigentlich immer eine schwarze Brille tragen draußen, tue es auch meistens.

Das Klima ist denkbar gesund, die Hitze immer gemildert durch den Seewind, die Luft stark und rein, das Trinkwasser ausgezeichnet. Doch ich bin von unserm Spaziergang abgekommen. Wir verließen das Dorf und stiegen tapfer den mit Steingeröll übersäten Berg hinauf. Kurz, ehe wir oben waren, machten wir Rast, der Brunnen, auf den wir uns gefreut hatten, war gefüllt mit Schlamm, Fröschen und Schlangen, so mussten wir zufrieden sein mit den kleinen Kuchen, die wir eingesteckt hatten, und das mit einer Art Cognac gemischte wenige Wasser, das Walter in einer kleinen Flasche mitgenommen, sorgfältig einteilen.

Plaudernd stiegen wir weiter, da waren wir oben, ganz unerwartet nach einer plötzlichen Biegung und alles, was ich eben noch hatte sagen wollen, erstickte in einem Oh! äußerster Überraschung: da lag tief vor uns ein blühendes Tal, dahinter in schwerem, blauen Dunst die gewaltigen starren, zackigen Felsmassen der Berge, und auf der andern Seite, tief in Bergen eingebettet wieder ein lachendes Tal, dahinter das tiefblaue Meer, auf das die Abendsonne aus schwarzen Wolken niederblendete, in weiter Ferne wieder blau verschleierte Berge, ringsum uns Berge, dazwischen immer wieder Täler, im vollen Grün malerische Dörfer, in der Ferne immer wieder überall durchlaufend das Meer und wir standen da oben inmitten gewaltiger Felsblöcke engumschlungen, ganz allein, ganz stumm, all die Schönheit gehörte uns. „Ich wollte, Mama könnte das sehen“, sagte ich. „Ja“, sagte Walter innig, „aber ich glaube, sie würde sich auch freuen über ihre Tochter.“ „Weißt du, sie würde mich nicht wiedererkennen. Wenn sie da jetzt auf einmal vor mir stünde, dann würde sie sagen“: „Ist dieses frische braune Mädchen in dem hellen luftigen Kleid, dem das Glück aus jedem Winkel des Gesichtes strahlt, meine finstre, blasse Tochter?“

Otti und Walter bei Tsangkou 1903 Ausschnitt

Walter und Otti bei Tsangkou 1903/1904

Wir gingen denselben Weg zurück. Walter freute sich, wie gut ich Schritt halten konnte. Er ist so stolz auf seine Frau, und mir ist er der Inbegriff alles dessen, was ich mir von einem Manne nur wünschen kann, alles Guten, Großen, und Reinen.

Vor einigen Tagen hab ich auch meinen Besuch in der Fabrik gemacht, bin den Herren vorgestellt und hab mir unter Vaters Erklärung alles angesehen. Es hat mich riesig interessiert, aber ein Urteil über Menschen und Sachen schenk ich mir.

 Den 17. Juni

Gestern Abend vor dem Essen sind Walter und ich in den Klippen am Meere herumgeklettert, haben uns auf einen vorspringenden Felsen gesetzt, Schuhe und Strümpfe ausgezogen und wohl eine Stunde lang die Füße in dem warmen, wohligen Wasser spaddeln lassen. Abends haben wir wieder fleißig chinesisch gelernt und später aus dem schönen Reisebuch Walther Flenders vorgelesen. Walter bekam es vor einigen Tagen von der Mutter des jungen Mannes, eines trotz seiner Jugend berühmt gewordenen Bergsteigers und Alpenschriftstellers. Er ist mit 22 Jahren auf einer Bergtour abgestürzt. Walter hatte viele große Touren mit ihm gemacht (u.a. eine zweimonatige Bergtour durch Korsika 1901), wird auch viel in dem Buch erwähnt, der gedruckte Name macht mir immer wieder kindischen Spaß. Ein Freund Flenders hat das Werk herausgegeben, das sehr schön ausgestaltet mit prachtvollen Bildern aus der Alpenwelt. Das Buch interessiert uns beide sehr. Mich füllt es nebenbei auch immer wieder mit stolzer Freude, dass mein geliebter Mann so viel von der Welt gesehen hat und so stark und kühn in der Erforschung von Schönheit vorgegangen ist. Nur jetzt darf er nicht mehr tun, was ihn in Gefahr bringen könnte. Wenn ich ihn verlieren sollte, ich könnte einfach nicht weiter leben.

Heute Morgen ist Walter schon um 5 Uhr aufgestanden, um das Baden der Jungens zu überwachen, die für die Fabrik erzogen werden. Später machten wir einen Gang an den Strand, kletterten auf den Klippen herum, bis die Flut uns zurücktrieb und freuten uns wie Kinder, in Lebensgefahr gewesen und daraus gerettet zu sein.

Dann machte Walter mit mir einen Besuch im Schulgebäude, zuerst in den Schlafräumen, wo in jedem Raum 17 Betten immer 2 übereinander wie in den Schiffskabinen aus Holz in einfachem, aber nettem Bettzeug sich befinden. In dem alleinstehenden Bett schläft der Stubenälteste. Die Räume sind groß und luftig. Dann ein Raum mit 15 Badewannen und dann zwei große Räume, die eigentliche Schule, in der die wohl ungefähr 100 Köpfe zählende Anzahl der Schüler auf Holzbänken vor Holztischen sitzt, jeder eine Holztafel, ein kleines Heft, Griffel und Bleistift vor sich, eine riesige, schwarze Stehtafel, Anschauungsbilder an den Wänden. 3 chinesische Lehrer, die unter Walters Aufsicht stehen und abwechselnd jeden Tag zu ihm kommen, leiten den deutschen Unterricht genau nach seiner Anleitung. Walter prüfte hier und da, und ich war erstaunt über die Resultate. Ich wurde natürlich angestaunt wie eine vom Himmel gefallene Gottheit. Als wir hereinkamen, standen alle auf, das mutete mich recht heimatlich an. Ich habe Walter gefragt, ob ich den Unterricht nicht übernehmen könnte, er meinte aber, das wäre unmöglich. Erstmal müsste ich dazu unumgänglich chinesisch können, und dann würden die Junges so außer sich sein über einen weiblichen Lehrer, dass sie wenig lernen würden, vielleicht später bei Mädchen, wenn ich erst ordentlich chinesisch kann. Die Christen (Missionare) richten viel Unheil an.

Der Sturm tobt und trocknet das arme dürre Land noch immer mehr aus. Wir lechzen nach Regen.

Unser boy soll uns auch ein „Fu“ ans Haus malen, er vergisst es immer wieder, ich weiß nicht, ob absichtlich, mag aber nicht daran erinnern, es könnte ja irgendein religiöser Aberglauben dabei sein.

 Den 18. Juni

In Sturm und Regen bei Donner und Blitz haben Walter und ich gestern Abend in unserm Garten eine Reihe von Pflanzen eingesetzt, die Vater uns geschenkt hat. Hoch aufgeschürzt, einen Rock von Walter an, riesige Stiefel von ihm an den Füßen (auch die sogar verkehrt angezogen) ein Handtuch um den Kopf, aus dem ein paar wilde Haarsträhnen über das lachende Gesicht fielen, so stand ich übermütig dabei, ließ mich von meinem Mann bewundern, half und sah zu, wie er, der boy und die beiden Kulis, die sich königlich dabei amüsierten, die Arbeit taten. Vater kam auch hinzu und freute sich über das Zigeunermädchen. Das war mindestens ebenso seltsam, wie neulich unser nächtlicher Spaziergang auf der Veranda im Mondschein, eingehüllt in ein großes, weißes Laken. Heute ist die schwere schwüle Luft, die auf ein Gewitter folgt, das nicht ausgetobt und nach dem furchtbaren Sturm unheimliche Stille in der Luft. Die Berge sind verschleiert, und das Meer ist fast schwarz.

 Den 22. Juni

Nun endlich haben wir unsere Sachen. Von Tsingtau kam die Nachricht und zugleich die Aufforderung, uns persönlich darum zu kümmern, da ein Koffer nicht ordentlich verschlossen sei. Wir nahmen uns vor, am andern Morgen zur Stadt zu gehen und zurückzufahren und, um auch noch in anderer Weise das Angenehme mit dem Nützlichen zu verbinden, uns wieder einmal den Genuss von Pralinés zu gönnen. Ein Abendspaziergang auf den Klippen am Meer hatte aber eine so bedenkliche Öffnung an meinem einzigen Paar (!) Schuhe zur Folge, dass ich tief betrübt auf das Mitgehen verzichten musste.

Morgens nach geiststärkendem Schlaf kam uns der erlösende Gedanke, beide Touren zu fahren. Wir gingen um 8 Uhr zum Bahnhof. Die für den Zug festgesetzte Zeit verstrich ohne ihn zu bringen. Wir warteten über eine Stunde, anfangs ziemlich geduldig, denn es gab noch allerhand zu sehen. So amüsierten mich das auf Draht aufgezogene Geld (Cashstücke), das aufgeschlagene Amtsbuch des Beamten, worin als Bemerkung stand für den Telegraphenapparat: – Es ist donnert. Apparat kann nicht gebrauchen – und die rauchenden Chinesen. Dann kam die Langeweile und Mattigkeit und endlich ein Telegramm, das der Beamte selbst nicht verstand: Zug 4 verkehrt heute nicht.

So mussten wir doch gehen. Es war fast ½ 11 Uhr geworden, die Sonne brannte und blendete auf dem weißen Sand, das tat meinen Augen weh und machte mich schwindelig und nervös. Auf halbem Weg nahm Walter eine Rickscha. Ich kann immer die Abneigung noch nicht überwinden, mich von Menschen ziehen zu lassen, und heute strömten die Chinesen dazu einen noch gräulicheren Geruch aus als sonst. In Tsingtau packte Walter mich im Hotel auf eine Chaiselongue und macht die Besorgungen allein.

In einem Bericht über das Alltagsleben im Schutzgebiet von Wilhelm Matzat (dhm – http://www.dhm.de/ausstellungen/tsingtau/katalog/auf1_8.htm) fand ich die Erklärung, dass sich die nordchinesischen Bauern und Kuli wegen der nach der Regenzeit lang andauernden Trockenheit und Wasserknappheit nur einmal im Jahr zum Neujahrsfest waschen würden. Außerdem führte auch der ausgiebige Knoblauchgenuss dazu, dass sich die Chinesen selbst zwar ‚blumenartig‘ duftend fanden, die Europäer dies aber weniger schätzten. Die Chinesen aber meinten, die Europäer „röchen wie Raubtiere“.

Wir hatten dann auch glücklich unsere Sachen zusammen, als wir uns um 3 Uhr wieder am Bahnhof einfanden. Der Zug sollte in 4 Min. gehen. Es wurde 4 Uhr, er stand noch immer. Ich suchte schon W. zu überreden, auch zu Fuß nach Hause zu gehen, da endlich, gegen ½ 5 fuhren wir. Mir ist beim Beobachten der wechselnden Gesichter der missmutige Ausdruck in fast allen europäischen Gesichtern aufgefallen.

Wir schoben das Auspacken unserer  Sachen auf den nächsten Tag. Da haben wir aber gearbeitet, eifrig unterstützt von den Chinesen, und nun ist es so wohnlich und lieblich in unserm wonnigen, kleinen Heim, und ich bin so echt hausfraulich stolz auf alle meine Schätze und so tadellos ordentlich und so bestrebt, mir diese wohlige Gemütlichkeit, die nichts von Pedanterie, aber auch nichts von genialer Unordnung hat, zu erhalten. Ich fühle mich als Frau und als Hausfrau jetzt, und in meinem Bemühen werde ich treulich und mit einer still schwärmerischen Hingabe unterstützt von meinem reizenden boy. Er sieht mir alles an den Augen ab, es bedarf keines Wortes, einmaliges schweigendes Vormachen genügt, er macht es tadellos nach. Er hat schon längst heraus, dass ich es gern recht hübsch um mich haben mag, besonders gern viel Blumen, und hat so viel Sinn für Schönheit und ist so leise und so geschickt, nimmt sich nie etwas heraus, sieht mich ganz als Herrin an und wendet sich in allen Hausstandsdingen an mich, macht immer ein süß-ernstes Gesicht, das aber, wenn er mit mir spricht von einem reizend verlegenen Lächeln erfüllt wird, ist unhörbar immer da, wenn er gewünscht wird und nie, wenn man ihn nicht will. Zweimal kam er schon und brachte mir Blumen, aber als Walter dabei war. Wir verstehen uns auch sehr gut, es ist ein Gemisch von deutsch, englisch, Pidgin Englisch und Gesten, worin wir uns unsre beiderseitigen Wünsche verständlich zu machen suchen und das Resultat ist immer für beide Teile hoch befriedigend.

Ex libris Dora Busse, O. in Atos Pampa
„Ex Libris“ von Walter gezeichnet für eine ebenfalls in China lebende deutsche Freundin“

Die Chinesen, mit denen ich zu tun habe, strahlen mich überhaupt alle an, und darum finde ich die Rasse großartig, viel, viel netter als unsere Hamburger Dienstboten.

Jetzt wo wir ganz in Ordnung sind, hab ich aber auch tüchtig zu tun, und das macht mich glücklich, z.B. meine heutiger Tag: Als ich gegen 9 von meinem 1 ½ stündigen Morgenspaziergang zurückkam, meinen Gang durch Garten und Haus gemacht, überall noch gewischt, zurechtgerückt, etwas anders gestellt, geguckt hatte, das gepflückte Grünzeug in Vasen geordnet, kam der Koch mit Fragen über Haustandssachen, die er aus Tsingtau mitbringen sollte. Dann schleppte ich alle meine Pflanzen auf die Veranda, begoss und wusch die Blätter ab, da kam der Junge, der die Wäsche holen sollte. Dann kam ganz außer der Zeit Walter, der Papiere ordnen wollte.

Nun war für uns beide eine Zeitlang nicht an Arbeit zu denken. Wir waren so toll und jauchzend ausgelassen. Wir brauten uns ein Getränk aus Cognac, Wasser und Zucker, ich holte Chocolade und Kuchen, wir sprachen ernste und tolle Sachen in buntem Gemisch und genossen so intensiv, wie nur wir beiden Lebenskünstler genießen können, denen jede kleine unerwartete Freude zu einem riesengroßen Glück wird durch die Art des Genießens. Ja, wir beiden Lebenskünstler, wir beiden starken, glücklichen Menschen, Auserwählte, weil wir, gleich kraftvoll an Körper und Seele, verstehen zu genießen.

Wenn das gewaltige Jauchzen in uns, angefacht durch die Schönheit um uns, sich Bahn brechen muss, dann laufen wir in die Berge oder ans Meer, springen tollkühn von Klippe zu Klippe mit unartikulierten Jubellauten und umschlingen uns, als wollten wir uns morden, und mein Mann sagt mir, dass ich schön sei wie eine wunderbare Nixe des Meeres, und ich lache und küsse meinen Waldschrat, dem meine Seele zufliegt wie ein Feuerfunken, und die Berge sehen zu in wildem starren Trotz, als verachteten sie die dummen, kleinen Menschen, und über das Meer huschen die Abendschatten und blendet die Abendsonne, und ein rötlich-gelbes Leuchten liegt in der Luft, und das Wasser rauscht, und es ist süßgeheimnisvoll still.

Es ist so schön in unsrer öden steinigen Sandwüste. Als der Morgen kam, lag ein schwerer, blauer Dunst über den Bergen, sie sahen traurig und drohend aus und doch so wunderbar lockend, und in der Luft war eine eigen schwermütige Sehnsucht, sodass ich meinen Morgenspaziergang, als ich Walter in der Fabrik abgeliefert hatte, nach den Bergen zu lenkte. Walter hatte mich gebeten, nicht durch das Chinesendorf zu gehen, ich hatte alles getan, es zu vermeiden, aber auf einmal fand ich mich mitten drin. Es regnete etwas, die Chinesen arbeiteten nicht, in großen Gruppen standen sie zusammen, schrien erregt durcheinander, starrten mich an wie eine Erscheinung, riefen mir auch etwas zu, und ich litt heimlich Todesangst. Wenn es diesen Menschen nun auf einmal einfallen würde, über mich herzustürzen, ich war einfach rettungslos verloren, wie sollte ein Europäer meine Stimme hören. Und ich würde spurlos verschwinden, wer sollte wissen, wo ich geblieben und was mit mir geschehen. Das ging mir durch den Kopf, während ich ernst und ruhig durch die Dorfwege schritt. Ich kam sicher hindurch, aber es ist das erste und letzte Mal, dass ich allein durch ein Chinesendorf ging. –

Doch ich bin bei meinem Tageslauf noch nicht über Walters Besuch gediehen. 1 ½ Stunden wurden vertändelt, dann machte W. sich an seine Papiere, und ich mich an meinen Wäscheschrank, bis Vater kam und der boy zum Essen rief. Nach Tisch legte mein Gatte sich zum Mittagsschlaf auf den Teppich, ich packte weiter, zog mich um, um 2 Uhr kam der chinesische Lehrer, wir arbeiteten 1 ½ Std. bis zum Kaffee. Dann fing ich an zu schreiben, da kam der Koch von Tsingtau zurück, legte mir Sachen und Bücher vor, dann kam eine hübsche Überraschung, eine Kiste aus Tsingtau, von Bekannten von Walter, ein Hochzeitsgruß für uns, Blumen, ein großer Korb mit Erdbeeren und zwei entzückende kleine Tische. Da mussten wir uns erst wieder intensiv freuen, dann unser Abendspaziergang an den Strand, Essen, die angekommene Post lesen, chinesisch, englisch treiben… – so geht es nun immer, und man sagte mir, ich würde viel Zeit zur Langeweile haben, und ich finde nicht einmal Zeit, meine Briefe zu schreiben.

 Den 23. Juni

Heute Morgen sind wir früh um 5 Uhr aufgestanden. Mein Gatte ist geschäftlich nach Tsingtau und lässt mich zum ersten Mal den ganzen Tag allein. Als ich früh zum Fenster hinaussah, lag ein schwerer Nebel auf der Erde, es tröpfelte, die Chinesen gingen schon mit großen Regenschirmen und große Tropfen blitzten auf den Blättern der Sonnenblumen und Rizinuspflanzen in unserm Garten. Ich freute mich der Nässe um des Samens willen, den wir vor einigen Tagen bunt durcheinander auf die freien Beete gesät hatten.

Nun hat sich der Nebel gehoben, es wird heiß, wolkenlos blau ist der Himmel, fast unbewegt das Meer, die Sonne brennt und die Vögel zwitschern selig. Walter wird lange an Ort und Stelle sein, ehe ihm die Sonne hat unangenehm werden können, das ist mir eine Beruhigung.

In der Fabrik bin ich nur einmal wieder gewesen. So interessant und hübsch mir die Cocon-Spinnerei ist, mir fehlt der Sinn für das Geschäftliche, und ich fürchte, ich störe, die Herren fühlen doch die Verpflichtung, sich um mich zu kümmern.

In der Fabrik 2, O. in Berlin

Walter Anz: Chinesenkinder in der Fabrik

Sonntag hatte ich meinen ersten Kaffeebesuch. Es sah süß aus bei mir, aber ich habe mich sterblich gelangweilt, am schönsten ist es immer und immer, wenn W. und ich allein sind. Auf den Zeitpunkt warten wir noch, wenn wir beiden uns langweilig werden.

Den 25. Juni

Ich hatte meinen Mann vorgestern mit dem Nachmittagszug zurückerwartet und bis an die Grenze der Möglichkeit mit dem Kaffeetrinken auf ihn gewartet. Als er nicht kam, wusste ich, dass er laufen musste und dass es spät werden würde. Wir hatten uns schon zum Abendbrot niedergesetzt, Vater und ich, da glaubte ich Schritte im Garten zu hören und guckte unwillkürlich zur Tür. Mein boy, der auf jeden Blick von mir achtet, und zum Servieren hinter mir stand, schlich leise auf die Veranda und sah hinaus und kam gleich darauf wieder mit einem freudigen „Master comes!“ Ich die Serviette hingeworfen und meinem Gatten entgegengestürzt durch den Garten, den Hügel hinunter, und dann war es grade, als wären wir lange getrennt gewesen.

Als ich heute Morgen meinen gewohnten Meerspaziergang machte, sah ich plötzlich auf einer Klippe meinen Gatten vor mir, den ich eben in der Fabrik abgeliefert. Das war eine hübsche Überraschung. Es war tiefe Ebbe, in dem Schlamm fischten Chinesen nach Tieren und Muscheln (ich lege mir auch eine kleine Kollektion davon an), und das Meer war voll von Fischerbooten.

Es ist sehr heiß, die Fliegen quälen uns, und in dem Schlafzimmer hat der boy gestern die Moskitonetze anbringen müssen.

Mein boy hat sich ein weißes Band durch den Zopf geflochten mit einer langen Troddel dran, Zeichen, dass er im letzten Stadium der Trauer ist, die Chinesen trauern in Weiß. Wir haben hier auch einige Begräbnisplätze in der Nähe, spitz zugehende, hochaufgeworfene Hügel, gewöhnlich ein Stein darauf, der ein Stück Papier festhält, ein Segenswunsch für den Gestorbenen.

Die Felder um uns herum werden schon wieder gepflügt mit Maultieren, die mir hier Hauptarbeitstiere zu sein scheinen. Ich mag sie nicht, sie schreien so viel und so hässlich und sind so widerspenstig.

Skizze Landarbeiter, O. in Berlin

Skizzen von Walter: Landarbeiter

Massenhaft Eidechsen huschen über die Felder und torkeln ungeschickt die steinigen Abhänge hinunter, sobald sich Schritte nahen. – Gestern hatte die Fabrik hohen Besuch, Graf Baudissin (Ernst Ulrich von Baudissin – Korvetten-Kapitän, Kommandant S.M.S. „Iltis“) aus Tsingtau, ich hab zum Glück nichts davon gesehen. Walter ist ärgerlich auf die Christen unter Lehrern und Kindern. Sie richten Unheil an.

Nächste Woche wollen wir unsre Antrittsbesuche in Tsingtau machen, so wenig wie irgend möglich, ich hab keine Sehnsucht nach Menschen und Walter auch nicht. – Zeitungen habe ich seit 10 Wochen nicht zu Gesicht bekommen, wir bleiben von den Geschicken der Welt unberührt, als säßen wir auf einer einsamen Insel, und die Zeit fliegt mir davon wie ein Schmetterling.

Den 29. Juni

Gestern waren wir in Tsingtau beim Zolldirektor Ohlmer zum Essen eingeladen.

Die Deutschen in Tsingtau waren, wie in der Heimat auch, hierarchisch organisiert. Eine deutliche Zweiteilung ergab sich zunächst dadurch, daß ein beträchtlicher Teil der Bevölkerung vom Gouvernement abhängig war: das Militär und die Angehörigen der Verwaltung sowie der staatlichen Betriebe. Zu ihnen gehörten auch die Lehrer der Schule und die Dozenten der Deutsch-Chinesischen Hochschule. Unabhängiger waren die Kaufleute, einige Architekten, Ärzte, Apotheker, Techniker, Missionare und die deutschen Angestellten beim chinesischen Seezolldienst. Seezolldirektor Ohlmer, von 1899 bis 1914 in Tsingtau, war der Sprecher dieser zweiten Gruppe, der inoffizielle „leader of the opposition“. – Aus: Wilhelm Matzat: Alltagsleben im Schutzgebiet http://www.dhm.de/ausstellungen/tsingtau/katalog/auf1_8.htm — zuletzt abgerufen 05.09.2013

Wir fuhren mit dem Morgenzug hinein. Da er 10 Minuten Verspätung hatte, konnten wir uns noch einen Augenblick das Theater ansehen, das am Strande, dem Bahnhof gegenüber aufgeschlagen war und eine ungeheure Chinesenmenge angelockt hatte. Es war ein großes, zeltartiges Gehäuse, mit hochliegender Bühne. Kinder belagerten die Treppe und saßen halb mit oben drauf. Während wir zusahen, stand eine ganze Schar buntgeputzter Schauspieler auf der Bühne und ließ unter der Begleitung einer fürchterlichen Musik, Töne erklingen, die einem Hundegeheul nicht unähnlich waren. Dann ging einer nach dem andern mit majestätischen Schritten und großartigen Handbewegungen ab. Walter sagte, sie führten oft schauerliche Dramen auf, gewöhnlich solche, in denen Hinrichtungen vorkommen. Die Zuschauer mit ihren riesengroßen, aus Stroh geflochtenen runden Hüten, die in der Mitte spitz nach oben zulaufen, mit ihren  schwarzen Regenschirmen als Schutz gegen die Sonne, mit der Zahl der Händler, die im Schutze ihrer großen, weißen, zeltartigen Schirme Aprikosen, Zigaretten und allerlei undefinierbare Süßigkeiten darboten, das Meer mit dem Felsenufer als Vordergrund, boten ein buntes Bild. Es tat mir fast leid, dass das Herannahen des Zuges uns zwang, fortzugehen.

In Tsingtau machten wir der Hitze wegen unsere wenigen Besorgungen per Rickscha, erholten uns dann etwas im kühlen Lehnzimmer des Hotels und machten uns um 12 Uhr, wieder per Rickscha, auf den Weg. Das Haus liegt wundervoll und gleicht einem Schloss oder einer Burg. Stolz und trotzig, hoch auf einer Anhöhe, lehnt es sich gegen die Felsen. Der herrliche Garten, der von einer eigenartig schönen, stufenförmig absteigenden Mauer eingefasst ist, fällt schräg zur Straße ab, die wieder an der einen Seite steil zum Meer abfällt.

Ohlmer Residence correct

Villa Ohlmer

Ich merkte, dass Walter hier zu Hause war; wir folgten dem boy, der uns gemeldet, in ein großes, reich und genial ausgestattetes Zimmer. Viel Pflanzen, Palmen und reich blühende Hortensien, viel Bilder, viel geschnitzte Sachen und Kunstgegenstände, die auf Sinn für das Schöne schließen ließen, ein reizender, großer Erker im Hintergrunde, ein wahrer Blumentempel mit Schreibtisch, in der Mitte des Zimmers zwei Säulen mit einer Rundbank, die mit Kissen belegt, zum wohligen Plaudern einluden, kleine Sofas und Tische und Sessel zwanglos verteilt, das ganze hart die Grenze einhaltend zwischen genialer Reichhaltigkeit und Überladensein.

Frau Ohlmer, eine große, etwas zur Korpulenz neigende Dame, mit frischem, lebhaften, liebenswürdigen, aber nicht bedeutendem Gesicht, das von grauweißen Haaren eingerahmt ist, kam uns entgegen und begrüßte uns sehr herzlich. Sie ist die Tochter eines Generals v. Hanneken, lässt das gern durchblicken und hat auch ihren Verkehr darauf eingerichtet. Mir schienen besonders viele Offiziere da zu verkehren. Prinz Heinrich ist während seines Aufenthaltes hier auch häufiger Gast gewesen. Gerade als wir kamen, traten auch zwei Herren, darunter der eine Major, zum offiziellen Besuch an.

Herr Ohlmer erschien etwas später, ein großer, kräftiger, gemütlicher liebenswürdiger Mann. Frau O. ist hauptsächlich Gesellschaftsdame, so war auch die Unterhaltung danach. Mich machte die Art glücklich, wie sie mit Walter sprachen, mit so viel Bewunderung vor dem Künstler und so großer Hochachtung und Zuneigung für den Menschen. Mir ist überhaupt aufgefallen, mit welch großer Hochachtung W. allgemein hier begrüßt wird und wie alle den Verkehr mit ihm suchen. Du, mein geliebter Mann, ich bin auch so gern einmal stolz auf dich.

Das Essen war fein gewählt und zubereitet mit viel Blumen auf dem Tisch und guten Weinen, besonders Champagner. Etwas vor 3 Uhr fuhr ihr Wagen vor, der uns zur Bahn bringen sollte. Wir schieden mit dem Gefühl, einen schönen Tag erlebt zu haben. Walter sagte: ich bin gern in reichen Häusern, ich fühle mich da zu Hause; das war mir aus der Seele gesprochen. Und doch möchten wir unser kleines Heim nicht gegen den schönsten Palast eintauschen und unsre Zweieinigkeit um keinen Preis gegen die Geselligkeit der großen Welt. Es freut mich aber, dass Walters Verkehr aus den ersten Familien Tsingtaus besteht.

 Vater erwartete uns hier mit Kaffee. Abends badeten wir im Meer. Walter zog sich dabei eine Verletzung am Fuß zu, um derentwegen er heute das Baden unterlassen wollte. So machte ich den Nixen allein einen Besuch, während mein Gatte am Ufer lag und sich sonnte. Schwimmen kann ich noch immer nicht, so kletterte und sprang und spritzte ich im Wasser herum, als meine Füße plötzlich auf einen vom Schlick sehr glatten Felsen gerieten, auf dem sie keinen Halt hatten. Ein Gefühl von Schwindel und Angst kam über mich, mir war, ich würde jetzt gleich fallen und dann unfehlbar ertrinken. Da rief ich angstvoll nach Walter. Er sprang mit dem Zeug ins Wasser und holte mich heraus. Nach dem Schreck kam die Komik. Eingehüllt in meinen Unterrock und das große Badelaken stolzierte Walter wie ein römischer Jüngling am Ufer entlang, während seine nassen Kleidungsstücke in der Sonne trockneten. Weil wir aber zu wenig Zeit hatten, um das vollständige Verschwinden der Nässe abzuwarten, mussten meine entbehrlichen Kleidungsstücke als Untergewandung dienen. Das sah so furchtbar komisch aus, dass wir uns vor Lachen schüttelten. Zu Walter passt so gar nichts Frauenhaftes. Mich freute, dass er lachte. Ich höre sein Lachen so gern, dass ich oftmals tolles Zeug rede, um diese tiefen, warmen, kraftvollen Töne zu hören. Es ist auch seltsam: während ich früher nur an alles Trübe meines Lebens denken konnte, fallen mir jetzt immer die komischsten Situationen ein.

Den 30. Juni

Wir sind nun grade 4 Wochen verheiratet, und es ist, als ob jeder Tag uns fester und inniger miteinander verknüpft. „Wo soll das nur hinaus“, sagte Walter neulich, „ich hab das Gefühl, als ob ich dich jeden Tag lieber hätte.“ So geht es mir. Und es ist gut, dass wir beide stark empfindende Menschen sind, sonst würde der eine an der Leidenschaft des anderen zu Grunde gehen. Wir denken manchmal, wie es wohl nach Jahren sein wird, aber wir können uns beide nicht vorstellen, dass eine Liebe, die auf so tiefer Seelenharmonie aufgebaut ist, jemals schwächer werden kann. –

 Vor einigen Tagen machte der „hohe Herr“ seinen Gegenbesuch. Er hatte sich zum Kaffee angemeldet. Ich habe kein Gefühl der Unsicherheit Besuch gegenüber und dann kann ich mich ja auch auf meinen boy verlassen. Es war wieder alles tadellos. Er ist unleugbar eine stattliche Erscheinung und versteht zu reden, aber dieses krampfhafte imponieren wollen, wirkt lächerlich, wenigstens auf mich. Ich musste mich mehr als einmal zusammen nehmen, um nicht laut herauszulachen, besonders bei einem verständnisvollen Blickaustausch mit Walter. Zum Glück blieb er nur 1 ½ Stunde, dann führte der Masu (Masu heißen hier alle chinesischen Diener, die sich ausschließlich um Pferd und Wagen zu kümmern haben. Sie halten sich für besser als alle andern Dienenden und markieren es dadurch, dass sie fast immer europäische Hüte tragen, alte abgelegte, die sie sich irgendwo zusammengebettelt haben) sein Reitpferd vor. Er stieg wohlweislich nicht bei uns auf, sondern erst weit unten auf der Chaussee.

Sobald Herr von E. von seiner Geschäftsreise nach Chefoo zurück ist, wird auch er wohl seinen Gegenbesuch machen, und dann muss ich mich bei seinen Damen in Tsingtau zeigen.

In der nächsten Zeit erwarte ich auch den Besuch von dem Baumeister Maarks und seiner jungen Frau. Er hat unser Haus gebaut und auch eine Zeit darin gewohnt, und seine Frau ist ebenso verliebt darin, wie wir es sind. Ich wundere mich manchmal, wie viel Europäer ich hier schon kennen gelernt habe. 12 gehören ja allein schon zur Fabrik, aber auch noch außerdem, und einen ganz stillen Verehrer, außer meinem boy habe ich auch schon aufzuweisen. Aber das ist Walters Schuld. Als er neulich nach Tsingtau fuhr, brachte ich ihn an die Bahn. Walter wollte nicht gern, dass ich durch das Chinesendorf zurückging und bat einen jungen Polizei-Sergeanten, den er flüchtig kennt, und der zufällig auf dem Bahnhof war, mich auf dem andern Wege nach Hause zu bringen. Der fühlte sich sehr geschmeichelt, ich gefiel ihm auch offenbar, die treuherzigen Augen in dem hübschen Gesicht haben seit der Zeit einen demütig bewundernden Ausdruck für mich.

In 14 Tagen ist mein Geburtstag, ich hab Walter einen langen Wunschzettel aufgeschrieben. Ein paar sehr hübsche, chinesische Tassen hat mir mein lieber Mann schon im Voraus geschenkt, die schmücken unser Sims im Esszimmer.

Jetzt hat uns unser boy auch draußen und drinnen am Haus chinesische Segenssprüche angebracht, die unsere Villa Anzou, unser mu tou fang dru = Holzhaus, Märchenschloss hoffentlich dauernd vor allem Unheil bewahren. Statt der Kornfelder sehen wir jetzt auf Maispflanzen und süße Kartoffeln, doch Meer und Berge sind unverändert und doch zu jeder Stunde anders. Unser erster Morgengruß gilt ihnen, und abends noch ein letzter Blick, ehe wir uns schlafen legen.

 Neulich machten Walter und ich um ½ 10 Uhr abends in tiefer Dunkelheit auf halsbrecherischen Wegen noch einen Besuch in der Fabrik in den Schlafräumen der 100 Chinesenjungen, von denen schreckliche Geschichten im Umlauf waren, dass sie im Adamskostüm auf dem Hof herumgesprungen wären, den wachhabenden Inder auf alle mögliche Weise geneckt hätten u.s.w. Sie hatten wohl eine Ahnung gehabt von der Absicht ihres Herrn und Gebieters, denn es war alles in tadelloser Ordnung, alles Licht erloschen, nur aus einem der Schlafräume klang gedämpftes Geflüster. Mir machte dieser abendliche Besuch viel Spaß. –

Heute ist es mir zum ersten Male passiert, dass ein Chinese vor mir den Hut abnahm und mich mit einem: „Good morning!“ begrüßte. Es muss irgendeine besondere Persönlichkeit gewesen sein, er sah ganz anders aus als die andern Chinesen, hatte ein kluges, nachdenkliches Gesicht und trug einen europäischen Tropenhelm. Sonst starrt man mich nur an, oder ein kleiner Chinesenjunge kommt wohl mal angelaufen und bringt mir Blumen, in der Hoffnung, Geld dafür zu bekommen.

So hatte ich neulich ein hübsches, kleines Abenteuer. Ich kam von meinem Morgenspaziergang zurück, das Kleid voll von Muscheln, die ich gesammelt hatte, da kam solch ein kleiner Chinesenjunge angelaufen und bot mir Blumen. Da ich kein Geld bei mir hatte, wies ich sie zurück und sagte, sehr stolz auf meine chinesischen Kenntnisse: „wo mei you tchien.“ (ich habe kein Geld). Nun entwickelte sich eine lebhafte Unterhaltung zwischen uns, ein Gemisch von Deutsch, Englisch, Chinesisch und gegenseitigem Anlachen. Der Junge zeigte aufs Haus und meinte: “dsai fang dru li“ (in dem Hause) wäre Geld, ich sagte: „dsai fung dru li bu sche tchien“ (in dem Haus ist kein Geld), „master mei you“, auch keine Schuhe und Kleider. Ein Wortschwall ergoss sich über mich, von dem ich nichts verstand. Schließlich begriff er erst, dass ich wirklich kein Geld hätte. Er drückte mir die Blumen in die Hand und klopfte mich mitleidig-freundlich auf den Arm, und ich zog, sehr amüsiert, mit meinem Raub ab. Auch Vater und Walter hat diese kleine Episode viel Spaß gemacht. Heut hat mich mein boy schon wieder ganz still mit Blumen versorgt.

Den 1. Juli

Mir ist als hätte ich das Meer nie so schön gesehn wie heute. Ich wollte, ich wäre ein Maler und hätte die Zeit, die ich jetzt habe. Die Bilder drängen sich förmlich auf. Ich stand hoch auf einer Klippe am Meer, auf die ein kleiner Chinesenjunge mir hinaufgeholfen hatte. Es ging steil nach oben, ich war auf halber Höhe stehen geblieben und konnte nicht weiter. Er war vom Quallenfischen gekommen und mit seinen nackten Füßen gewandt wie eine Eidechse vor mir hinaufgesprungen. Als er mich zögernd stehen sah, kam er wieder heruntergeklettert, reichte mir seine Hand und zog mich. Was für Kraft in der kleinen, sehnigen Hand lag, die mich nicht einmal sehr fest gepackt hielt und wie sehr die braunen Füße die festen Stellen zu finden wussten, denn die Steine sind sehr bröckelig und man muss immer erst prüfen. So klar lag die Ferne vor mir, die hell beleuchteten Berge doch in leichtem, blauen Schleier, das Meer dunkelblau mit hellen Lichtstreifen und kleinen, spielenden Wellen, daraus hervorragend die trotzigen Klippen, Segel an Segel die Fischerboote, einige ganz dicht herankommend, auf einer Klippe niedergehockt nackte Chinesenjungen, ihre Quallenkörbe um sich herum, andere im Wasser herumkletternd, nach Quallen fischend, am Ufer primitive Zelte, an deren Eingang je ein Chinese hockte, die auf den Felsen zum Trocknen ausgebreiteten Massen von Quallen beaufsichtigend. Große Mengen waren auch schon in kleine Stücke zerhackt und in Körbe gepackt, aus denen das Wasser heraustropfte. Die Chinesen essen die Quallen. Leuchtende, gelbe Streifen Landes liefen weit ins Wasser hinein. Und über dem allen ein strahlender Himmel und lachender Sonnenschein und ein Friede, als wäre die ganze Erde ein Tal der Ruhe.

Ich weiß nicht, ob es gestern Abend schöner war. Wir waren zum Baden an den Strand gegangen. Das Wasser war aber so weit zurückgegangen, und die Fischerboote in so bedenklicher Nähe, dass wir unsre Absicht aufgeben mussten. So schlenderten wir am Strand entlang, voll Freude über die wechselnde Beleuchtung der Berge und des Wassers. Dann schob sich eine schwere, dunkle Wolkenwand über den Himmel, das Wasser wurde fast schwarz, ein Riss – wie durch ein Fenster schossen die Sonnenstrahlen auf das Wasser, ein silbernes, glitzerndes Dreieck hervorzaubernd. Und dann gab es ein ewiges Wechseln von Licht und Schatten, eine Wolkenbank trennte sich ab, die übrigen erschienen wie mit einem einzigen gewaltigen Pinselstrich über den ganzen Himmel gewischt. Und nun tauchte unter der Wolkenbank ein riesiger glutroter Ball auf, in einem Meer von flüssigem Feuer schwammen goldumränderte Inselchen, immer heißer und tiefer wurde die Glut, bis der Riesenball langsam am Horizont verschwunden war. Walter meinte, man könnte sich einbilden, auf einem Wikingerschiffe zu sitzen, das die brennende Feindesstadt verlässt. Nun schoben sich allmählich Wolkenstreifen vor die Schönheit, während über uns, aus den leichten weißen Wölkchen die scharfgezeichnete Sichel des Mondes hervortrat. Auch auf den Bergen erlosch jetzt das Licht. Zuerst hatte sich die vordere Gruppe in blendende Helle getaucht, wie übermütig spielende Kinder erschienen sie im Gegensatz zu den in trotziger Dunkelheit verharrenden zurückliegenden Bergen. Dann kroch das Licht langsam zu ihnen hinüber, wunderbare Licht- und Schatteneffekte bildend und schließlich leuchtete auch einen kurzen Augenblick die fernste Kette auf, als hätte die spröde Schöne sich erweichen lassen, den Schleier etwas zu lüften, aber nur so weit, um die verborgene Schönheit ahnen zu lassen. Was für Überraschungen Himmel, Meer und Berge bieten, es ist fast gut, dass wir nicht auch noch Wald und fruchtbare Felder haben, es wäre zu viel und passt auch nicht in diese wilde Schönheit.

Ich werde jetzt von Walter gemalt, früh morgens als Zigeunerin. Das Bild ist für Mama bestimmt, und das Kostüm danach gewählt. Ich wollte, Walter hätte mehr Zeit zum Malen, ich merke, wie der Künstler in ihm sich aufbäumt gegen die unbefriedigende, mechanische Arbeit der Gegenwart. Er malt auch unser Haus als Dankgeschenk an Rosenbaums für genossene Gastfreundschaft.

Heute, als am 1., gibt es einmal wieder Hausfrauenarbeit für mich, Löhne auszahlen, Rechnungen vorlegen lassen und das Cassabuch in Ordnung bringen. Ich hatte gemeint, die chinesischen Dienstboten wären so billig, nun wundert es mich, dass sie mehr bekommen, als unsere Hamburger. Wir hörten noch lange nachher in der Küche das Klappern mit den Dollarstücken. Kein Chinese nimmt Geld ohne es gründlich zu untersuchen.

Ein ganzer Stapel von Briefen liegt vor mir, den ich beantworten sollte, es ist so heiß. Die Hitze macht träge und schlaff.

Den 2. Juli

Im Zimmer nebenan sitzt mein Gatte und studiert ein Heft über die „Arbeiterfrage“. Sein Hiersein eben um diese Zeit (10 Uhr morgens) ist selten und darum ein Fest. Bei Kuchen, Chocolade, Zigaretten und unserm geliebten Getränk (Cognac, Wasser, Zucker) haben wir ernste Zukunftsfragen erörtert, und sind wieder einmal zu dem Schluss gekommen, dass wir eigentlich zwei beneidenswerte, glückliche Menschen sind. Wie es hier auch werden mag, wir beiden, mit dem, was wir können und wissen, mit unserm Talent, uns in jede Lage zu finden, mit unsrer starken Liebe und unsrer Kunst zu leben und unsrer Verachtung für alles Kleinliche im Leben und unsrer Unabhängigkeit von den Menschen, wir können ja nicht untergehen. Eine seltsame Ehe wird unser Zusammensein immer bleiben, mit der Schlafrockehe der Alltagswelt wird es nichts gemeinsam haben, aber das ist es eben, was dieses jauchzende Glücksgefühl in uns wach halten wird, solange wir uns lieben und verstehen, und das muss ohne Ende bleiben bei Menschen wie wir es sind. Dass wir so jung und stark und glücklich sind! –

Gestern Abend haben wir lange nach dem Abendbrot bei Mondschein gebadet. Wie zwei Böcklinsche Märchengestalten hockten wir im geheimnisvollen Silberlicht auf den Klippen. Das Meer schimmerte, ab und zu jagte auch das Licht eines Scheinwerfers von einem Kriegsschiff in Tsingtau darüber hin. Wenn unsere Glieder das Wasser bewegten, huschte es wie tausend kleine Sterne durch die aufgeregten Massen – Meeresleuchten. Wunderbarer Gedanke, dass Tiere solche Zauberwirkungen hervorbringen können. Wir haben es vom Schiff aus oft genug beobachten können.

Der Abend war Erholung von dem Nachmittag vorher. Als ich nach unserm gemütlichen Nachmittagskaffee Walter in der Fabrik abgeliefert hatte und meinen Spaziergang machen wollte, kam vom Bahnhof Tsangkou ein europäisches Ehepaar, ein Anblick, der mich hier überraschte und böse Ahnungen weckte, als wenn der Besuch mir gelten sollte. Das war dann auch leider so. Ingenieur Maarcks mit seiner jungen Frau. Mit der mir angeborenen Liebenswürdigkeit begrüßte ich sie und kehrte dann auch sofort mit ihnen um. Im Garten wartete eine wunderhübsche Überraschung auf mich. Da stand ein Kuli von ihnen mit einem großen Korb voll Kaninchen und einem Käfig mit zwei Singvögeln, die wir in Kost und Obdach nehmen sollten, weil wir leider Ställe dafür im Garten haben. Und wir schwärmen so für solches Getier!! Walter und ich haben schon die abenteuerlichsten Pläne gemacht, sie wieder loszuwerden, fürs erste füttern wir sie und amüsieren uns darüber, und der boy mit. Der wollte sogar im Eifer des Gefechts noch Tauben hinzukaufen. Wir wehrten aber entsetzt ab. – Frau Maarcks ist eine noch recht junge (ich taxiere sie auf 22 od. 23 Jahre) Frau, 1 ½ Jahre verheiratet, so groß und an Figur wie ich, dunkel, niedlich, lebhaft, unbedeutend und von einer Redseligkeit – ich war nach einer Stunde schachmatt. Ihr Herr und Gebieter sieht gut aus, und ist sehr liebenswürdig. Walter und ich meinten nachher beide übermütig, dass wir nicht tauschen möchten. Als tadellose Hausfrau bewirtete ich meine Gäste und meinen Mann mit Kaffee, Kuchen und Bier und gestattete ihnen, sich in unserm reizenden Schlafzimmer die Hände zu waschen. Nach etwas mehr als 2stündigem Aufenthalt verließen sie uns wieder, uns in angenehme Aussicht stellend, dass sie sehr bald wiederkommen würden. Hoffentlich leben die Tiere dann noch.

den 6. Juli

Jeden Tag vom Glück ein Tröpfchen –
Jeden Tag ein Sonnenstrahl –
Und so durch das ganze Leben
Kleine Freuden ohne Zahl,
Kleine Freuden, kleine Wonnen,
Kleine Leiden auch dabei –
Keine Höhen, keine Tiefen,
Ebnen Pfades Einerlei.
Nimmer kann ich sie beneiden
Um das stille, kleine Glück,
Um den Weg, auf dem sie lächelnd
Still zufrieden schaun zurück. –
Gib mir, rätselhaftes Leben,
Eine einz’ge Wonnestund –
Einmal lass die goldne Schale
Leeren mich bis auf den Grund.
Einmal soll um mich die Arme
Breiten flammend Sonnenglück –
Seliges Vergessen trinken
Will ich einen Augenblick!
Karge Tropfen den nicht laben,
der verschmachtend niedersank –
Reich mir drum die volle Schale –
Und ein Jauchzen sei dein Dank!
(O.Anz)

Wir haben wieder zwei herrliche Bergtouren gemacht. Einmal waren wir auf einem für unser Klettergenie nicht sehr hohen Berg; der Rücken ganz rund wie bei einem Walfisch oder Delphin, in den Schluchten durch das auswaschende Wasser hervorgebracht, wunderbare Formationen, ein tolles Durcheinander von Zacken, wie eine Schar spielender Kinder, dann wieder Gebilde wie Säulen einer gotischen Kirche. Die jetzt versandeten mit Steingeröll gefüllten Flussbetten zeigen noch, mit welcher Gewalt das Wasser da heruntergebraust sein muss. Zur Regenzeit wird das den Bergen noch wieder ein anderes Aussehen geben. An den Abhängen krochen wie Ameisen Scharen von Chinesen hinauf, das spärliche Grün herauskratzend, das sie trocknen und als Feuerung benutzen. Sie werden damit nach und nach auch den letzten Rest von Vegetation zerstören.

Über dem Ganzen lag der Abend mit seinem wechselnden Licht und Schatten, den nervenaufregenden Reiz, den die Natur hier sowieso hat, noch erhöhend. – Der Felsen, den wir gestern erstiegen, war wohl höher. Nach mehr als 1stündigem scharfem Marsch, der uns durch mehrere Chinesendörfer führte, wo nackte kleine Kinder brüllend vor uns entflohen, kamen wir an den Fuß. Von hier ging es nun noch 405 m ganz steil hinauf durch wüstes Steingeröll, über und durch Felsenkolosse. Rote Steinnelken und seltsam duftende, weiße Blumen lockten mich, ich durfte aber nicht stehen bleiben, sie zu pflücken. Zweimal machten wir eine kurze Ruhepause. Nach einer guten Stunde angestrengten Steigens waren wir oben, und so plötzlich, so überraschend tat sich wieder gewaltige Schönheit vor uns auf, dass ich unwillkürlich einen Schrei ausstieß und fast zurückgefallen wäre. Wer das nicht gesehen hat, kann sich keinen Begriff machen von dem gewaltigen Eindruck, den diese in starrer Wildheit aufgetürmten Felsenmassen machen. Schroff ging es vor uns in die Tiefe. Zacke reiht sich an Zacke, ein Bergrücken an den andern, dicht vor uns, in den Felsen eingebaut, ist ein kleiner Chinesentempel. Das ganze deutsch-ostasiatische Gebiet liegt zu unsern Füßen, wir sehen noch weit darüber hinaus. Aus dem Hafen von Tsingtau grüßen die Kriegsschiffe, aus dem Meere erheben sich mächtige Felseninseln, nah und fern strecken sich die Bergketten, dazwischen Täler mit malerisch verstreuten Dörfern und immer wieder leuchtet dazwischen das Meer. Alle Müdigkeit ist vergessen, ein starkes Gefühl von Leben durchjauchzt uns, wir klettern auf unsrer hohen Warte umher und wecken ein klares, hallendes Echo. Nachdem wir dann unser mitgebrachtes Getränk und die Chocolade genossen und einen Augenblick geruht, geht es auf einem anderen Wege wieder bergab (Walter pflückt nun selbst für mich die vorhin verbotenen Blumen), und dann nach Hause zurück, in die Glut hinein, mit der die scheidende Sonne den Himmel übergießt, während neben und hinter uns die Berge in graue Dämmerung tauchen und über uns das bleiche, schiefe Mondgesicht sich zaghaft aus den Wolken hervorwagt.

Und zu Hause erwartet uns freundlicher Lichtschimmer, ein reizend gedeckter Abendbrottisch, ein herzliches Willkommen von Vater und des boy hübsches, stilles Gesicht, und ich empfinde wieder einmal mit dankbar wohligem Behagen, wie süß es ist, ein eigenes, wonniges Heim zu haben, wo die Liebe wohnt, eine Liebe wie unsere, die so gewaltig ist, wie die Natur und so stolz und rein. –

Ich hab auch wieder einmal einen Besuch in der Fabrik gemacht und mir von Vater etwas von der Seidenspinnerei zeigen lassen, und Vater hat mir an einem Cocon gezeigt, wie eins dieser kleinen Tiere oft 1500m spinnt. Und so leicht ist das Gewebe, dass diese ganze Menge nur ½ gr wiegt.

Unsre Sonnenblumen fangen an zu blühen, und der genial gesäte Same läuft auch genial auf. Von den Vögeln, die mir zur Obhut anvertraut sind, ist einer spurlos entschwunden, die Kaninchen gedeihen, mehr zu ihrer als zu meiner Freude. Im Stall nebenan sind jetzt auch Hühner und Tauben. Der boy dachte wohl, es wäre nicht gut, wenn Kaninchen allein sind. Ich hielt es für das beste, die Tatsache schweigend hinzunehmen. Wenn er die Sorge übernehmen will, mag er meinetwegen das Vergnügen haben.

Mein Mann zeichnet jetzt unser Haus für mich. Gestern hat er an dem Bilde von mir weitergemalt. Ich überschütte ihn mit Aufträgen. Zum Glück ist mein Geburtstag nahe, da ist er doppelt willfährig.

1903 Juli  Villa Anzonia a, O. in Atos Pampa - Kopie

Walter Anz: Skizze: „Villa Anzonia“, 6. Juli 1903

Den 12. Juli

Der Koch fängt jetzt auch schon an, galant zu werden. Meiner großen Vorliebe für Früchte Rechnung tragend, brachte er mir gestern Morgen mit verlegenem Lächeln einen Teller ausgesucht schöner Aprikosen. Mein Wäschejunge hatte auch die Taschen voller Aprikosen, die er mir strahlend überreichte, als er die Wäsche holte. – Es ist jetzt sehr heiß jetzt, minimum 23°R (Réaumur), maximum 28° (28,75° – 35°C) Wir haben Rolljalousien an unsrer Veranda anbringen lassen und halten uns bei tüchtigem Zug den größten Teil des Tages im Hause. Abends wird wieder gebadet. Einmal haben wir aber auch eine herrliche Tour gemacht, diesmal ganz andersartig, als die letzten Bergtouren. Wir fuhren nachmittags ½ 6 Uhr mit der Bahn nach Tsingtau, vom Bahnhof aus noch eine ganze Strecke mit einer Rickscha, begrüßten Herrn Ohlmer, der in Begleitung eines Offiziers einen Ritt machte, stiegen außerhalb der Stadt aus und gingen nun auf dem hohen Klippenufer entlang bis zu dem Orte, den Walter mir zeigen wollte. Wir hatten die Höhe des letzten Berges überschritten, Tsingtau, die Kasernen mit den vom Baden heimkehrenden Soldatenmassen, die untergehende Sonne waren verschwunden, wir plötzlich wie abgeschnitten von aller Welt. Ich weiß nicht, ob das Bild, das wir jetzt vor uns hatten, nicht schöner war als alles, was ich bis jetzt gesehen, ganz anders jedenfalls. Wir saßen sehr hoch in einer Höhlung der Klippen, die wild zerrissen in seltsamen, mächtigen Formen, sich in einer gewaltigen Kette am Ufer entlang ziehen. Vor uns das Meer mit den trotzigen Felseninseln, im Halbkreis um uns herum Bergkette, hinter Bergkette sich weit ins Wasser hineinschiebend, in der Ferne einige Kriegsschiffe, vor uns im plaudernden Wasser die seltsamen Gestalten der Klippen. Die Sonne geht unter, wir können sie nicht sehen, aber die Wolken über uns färben sich, und der blasse Vollmond erglüht. Da, wo sein Schein voll aufs Wasser fällt, bildet sich ein See von Gold, aus dem eine breite, goldene Brücke zu uns herüberführt. Tausend tanzende, flimmernde Tropfen erzählen tausend sinnverwirrende Märchen. So schön ist es, dass ich es nicht ertragen kann, mir ist, als wäre meine Seele zu klein für so viel Schönheit, mir kamen die Tränen, ich wusste selbst nicht warum. Wir haben lange, lange still gesessen.

Etwas nach 8 Uhr machten wir uns auf den Heimweg, den der Mond still begleitete. Wie schön war diese Wanderung, durch die ruhige Nacht. Auf den Höhen von Tsingtau sahen wir uns noch einmal um. Jetzt war es ein ganz anderes Bild, viel ruhiger, nicht mehr so verwirrend, das Mondlicht war silbern geworden, nicht mehr wie flüssiges Gold, es zitterte leise auf dem Wasser, es schwang nicht mehr in Millionen kleiner Tropfen ohne Unterlass auf und nieder.

Wir kamen durch mehrere Dörfer, die Chinesen saßen in Gruppen rauchend und plaudernd zusammen. Mich wunderte das europäische Gepräge, das das erste Dorf trug. Walter sagte, als Tsingtau entstand, wären die meisten Dörfer umher niedergerissen der Ansteckungsgefahr wegen, denn unter den Chinesen gibt es immer viel ansteckende Krankheiten, die übrigen hätten nach bestimmten Vorschriften um- oder neugebaut werden müssen. Wenn man die schwer zu bearbeitende Gegend bedenkt, ist es eigentlich ein Wunder, was Menschenwille und Kraft hier in verhältnismäßig kurzer Zeit (4 Jahre) fertig gebracht: die Stadt mit dem schönen Hafen, Eisenbahn, breite, gute Wege u.s.w. Walter hat das alles entstehen sehen, ich hörte ihm gern zu, wie es damals war im Vergleich zu jetzt.

Die Wanderung war schön, aber schließlich wurde ich doch müde und Walter musste mich halb tragen. Ich war sehr froh, als wir um Mitternacht unser kleines Heim erreicht hatten. Wir hatten seit 12 Stunden nichts gegessen als einige kleine Kuchen und etwas Chocolade. Es machte uns nun ganz besonderes Vergnügen in unserm eigenen Hause in die Speisekammer einzudringen (den Keller hatte der boy leider verschlossen und den Schlüssel mitgenommen) und uns nach Ess- und Trinkbarem umzusehen. Wir fanden aber nur eine kleine Dose Sardinen in Öl, etwas Aprikosenkompott und verschimmelten Pumpernickel. Es ging aber auch so, wir sind ja beide nicht anspruchsvoll.

Ein Zettel im Tagebuch aus diesen Tagen –

(Walter nennt Otti immer „das Nucki“ oder Schnuckel)

Vorderseite:

W an O
Der Walter kommt in Eil‘ nach Haus –
Oh weh, da ist das Nucki aus.
Der Walter trinkt das viele Bier,
isst Schwarzbrotschnitten 3 – 4
Ach, Nucki kommt noch immer nicht,
der Walter geht, ihn ruft die Pflicht,
denn Goecke sitzet im Bureau.
Tschin tschin mein Schnuckelchen, Lebwohl.

Rückseite:

O an W
Der Kuli trägt das Brot hinaus
Grad kommt das Schnuckelchen nach Haus
Und fragt mit tief erschrocknem Sinn:
„War Master hier?  Wo ist er hin?“
„Have downside go. Just now war hier,
Have tshou his bread and drinkie beer. “
Ich schau den Weg hinab betrübt,
Vom Master keine Spur man sieht,
Doch auf dem Tisch, recht sichtbar liegt
Ein Schnuckelbrief, der macht vergnügt.

Den 14. Juli

Der Sturm heult und treibt feinen, nassen Staub auf die Veranda. Die Regenwolken hängen schwer an den Bergen. Jetzt wird es bald anfangen, mehr Feuchtigkeit zu geben, als wir wünschen.

Die Chinesen haben die letzte heiße Zeit eifrig benutzt, Ziegelsteine gebrannt, Seetang eingeheimst, gefischt. Die Ziegelsteine formen sie aus feuchtem Lehm, große, glatte Dinger, die sie an der Sonne trocknen lassen. Kommt dann der Regen, so weicht er sie in den Häusern auf und die stürzen dann zusammen. Aber der gewöhnliche Chinese wird durch den Schaden nicht klug, alle Dorfhäuser werden so gebaut. Am Strand war es jetzt nicht schön, da roch es, und man watete durch ausgebreiteten Seetang oder hüpfte über kleine silberglänzende Fische, die an einzelnen Plätzen aufgehäuft lagen und elend auf und nieder schnellten. Und immer diese Menge Chinesen am Meer, grade immer, wenn wir baden wollten. Und waren es keine Chinesen, so waren es kleine Sampans, die vorübersegelten, und deren Drachenauge vorne uns als Meeresungeheuer vernichten wollten, oder eine größere Dschunke kam bedenklich nah ans Ufer.

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Sampan

Ich wunderte mich, dass man hier nie einen Betrunkenen sieht, und fragte Walter, ob die Chinesen so mäßig im Trinken. Walter sagte mir, dass sie einen starken Hirse- oder Reisbranntwein hätten, dem sie leidenschaftlich zusprachen, aber man merkt dem Chinesen nicht leicht etwas an, sie können sehr viel vertragen. Schlimmere Verheerungen als der Alkohol richtet das Opium an, dem sehr viele, wenn auch meistens heimlich, durchaus ergeben sind. Man sieht es ihnen aber auch an.

Wir waren gestern in Tsingtau, Einkäufe zu machen. Mir macht es viel Spaß, so von Laden zu Laden zu bummeln, wo sie alle deutsch reden, im Hotel zu essen, mich ein bisschen bewundern zu lassen, und die Chinesen zu beobachten. In einem Laden wurden wir von einem bedient, der einen breiten, goldenen Ehering trug. Ich machte Walter darauf aufmerksam. Das merkte der, sah sehr wohlgefällig auf seinen Ring und legte die Hand so, dass er und wir ihn immer sehen konnten, offenbar ein Christ, der sich christlich trauen ließ. Die Chinesen reiten und radeln durch Tsingtau mindestens ebenso sicher, wie die Europäer. Es sind überhaupt geschickte Menschen.

Die Sonnenblumen glühen in unserem Garten.

 Den 19. Jul 03

Regenzeit in China, die Luft ist schwer und schwül wie Treibhausluft, bei ganz bedecktem Himmel 27° R (33,75°C). Frösche und riesige Grillen, scissor-grinders, machen eine ohrenzerreißende Musik, in der Ferne grollt der Donner. In kurzen Zwischenräumen gießt es wie mit Eimern vom Himmel. Die ganze Landschaft ist verändert. Durch den Garten kann man kaum mehr kommen, ohne bis in die Knie im Schmutz zu versinken. Als ich versuchte, auf ein Beet zu treten, um die niedergeschlagenen Sonnenblumen aufzurichten, musste ich Walter rufen, mich zu erlösen, ich konnte mich allein nicht wieder herausziehen aus dem festsaugenden Schlick. Die Luft macht müde und schlaff. An meinem Geburtstag – ich komme nachher darauf zurück – beschlossen W. und ich, nach dem Kaffee, einmal wieder einen tüchtigen Marsch zu machen, dass die dumpfe Mattigkeit von uns wiche.

Als wir fortgingen, hing über den Bergen ein schweres Gewitter. Uns freute es fast, wir hatten Sehnsucht nach etwas Aufruhr in der Natur. Als Ziel hatten wir das deutsch-chinesische Dorf Litzun ins Auge gefasst, das ungefähr eine Stunde von uns entfernt liegt.

Litzun = Licun war der Verwaltungsort für den Landbezirk. Deutsche waren hier wie folgt tätig: ein Bezirksamtmann, der die chinesische Sprache beherrschen mußte und der gemäß der chinesischen Tradition auch Richter war; ein Polizeiwachtmeister, ein Unteroffizier, acht Seesoldaten auf der Polizeistation; ein Gefängnisaufseher, zwei Seesoldaten im einzigen Chinesengefängnis des Pachtgebietes. Der steinerne Türsturz mit der eingemeißelten deutschen Inschrift „Chinesengefängnis“ hat sich erhalten und wird heute im Stadtmuseum von Tsingtau gezeigt. Hinzu kamen noch 12 bis 15 chinesische Amtsdiener und Wärter. Ab 1906 gab es noch eine Poliklinik mit einem deutschen Marinearzt samt Sanitätsmaat. –Aus: Wilhelm Matzat: Alltagsleben im Schutzgebiet dhm – http://www.dhm.de/ausstellungen/tsingtau/katalog/auf1_8.htm — zuletzt abgerufen 07.09.2013

Der Weg ist breit und gut, und war gangbar, da es mehrere Stunden nicht geregnet hatte. Die Wolkenbildung über den Bergen war so gewaltig schön, dass wir uns oft nicht losreißen konnten. Finstere Kraft drohte zu uns herunter, wir fühlten sie, aber sie schreckte uns nicht. Es liegt bisweilen auch etwas Großes darin, sich klein zu fühlen. Wir kamen trocken nach Litzun, besahen uns den riesigen Marktplatz, kauften originelle, chinesische Ansichtskarten und machten uns dann gleich wieder auf den Rückweg. Kaum hatten wir das Dorf hinter uns, da brach es los, mit einer Gewalt, von der man bei uns in Hamburg keine Ahnung hat. In wenigen Minuten waren Felder und Wiesen große Seen, von denen brausendes Wasser in gewaltigen Fällen niederstürzte. Jeder Graben, jede Rille war im Nu von dem tobenden Wasser in Besitz genommen, war die Bahn nicht frei, riss es rücksichtslos fort, was ihm im Wege war, sprang über Steine, in Tiefen, und rauschte ungestüm weiter, als müsste es schnell, schnell zum Meer hinab. Der Weg, den wir noch eben gegangen, glich einem reißenden Strom. Wir mussten oft bis über die Knie durch das lehmige, schießende Wasser waten, das unsere ganze Kraft verlangte als Gegengewicht gegen seine fortreißende Gewalt. Hätte ich meinen Mann nicht gehabt, es wäre für mich unmöglich gewesen, durchzukommen. Dorfstraßen gab es nicht mehr, nur Dorfflüsse. Und was für Verheerungen richtete das Wasser an! Wir selbst glichen lebenden Wasserfällen. Aber wir jauchzten und bedauerten nur, nicht in den Bergen zu sein, um das weit gewaltigere Schauspiel genießen zu können. Eine Horde Chinesenjungen, die an uns vorbeistürmten (Chinesen lieben eigentlich den Regen nicht) und uns laufen sahen, fassten es auf einmal auch als wundervolles Vergnügen auf, warfen ihre halbnackten Körper wiederholt jubelnd in das schmutzige Wasser und ließen sich forttreiben. Dabei krachte der Donner und zuckten die Blitze.

Der boy hatte zu Hause schon ganz ängstlich nach uns ausgesehen, er musste trotz allem Respekt lachen. Und wir lachten mit. Jede Spur von Müdigkeit war von uns gewichen, unsere Augen waren wieder klar, und unser Herz fröhlich geworden. Wir zogen unsere Kleider auf der Veranda aus. Als Vater kurze Zeit darauf kam und den Trümmerhaufen sah, glaubte er schon, wir wären verunglückt, bis ihn mein fröhliches: Es war zu fein, Vater! aus einer Ritze der Schlafstubentür des Gegenteils versicherte.

Der Weg zu unserm Hause führt auch über einen Fluss. Mich wunderte, dass Vater den nicht gescheut hat, aber ich denke, wir sind alle drei so verrückt wie furchtlos. Das war meine Geburtstagstour.

Mein Geburtstag. Der erste Tag, wo ich Heimweh hatte, wo mich eine brennende Sehnsucht packte, einmal alle um mich zu haben und ordentlich zu verwöhnen. W. war ganz früh aufgestanden und hatte mir einen reizenden Geburtstagstisch hergerichtet. Unter einer Fülle malerisch geordneter Blumen alles, was ich mir gewünscht hatte, auch 2 Pfd. Pralinés! Am meisten gefreut hab ich mich über ein Bild, das Gedächtnis und Phantasie haben entstehen helfen: ein Teil aus unsrer Waldkirche in Friedrichsruh, unter der großen Tanne, unter der wir damals saßen, ein Waldschrat und eine Waldnymphe, wir beiden.

Mittags hatte der Koch ein ganz besonders gutes Menu zusammengestellt, ganz aus sich selbst, wir tranken Wein, die Stimmung war gut, unsere Leute besonders nett und fleißig. Wir haben sie heute wieder noch fester an uns gekettet durch Großmut. In ihrem Häuschen regnet es durch, der Mann, der es machen soll, hat so viel zu tun, dass er für sie keine Zeit hat; sie müssen sich nachts ausquartieren und ihr Zeug verdirbt. So haben wir nun heute jedem von ihnen als Entschädigung einen $ gegeben. Sie haben nicht einmal untersucht, ob er echt war, so selig waren sie. Und wir haben mehr Gutes davon als wir taten, denn mir scheint, treues und tüchtiges Dienstpersonal ist viel wert, überall.

Wo der Regen nichts versehrt hat, hat er auch belebende Wirkung ausgeübt. Mit der Vegetation sieht es ganz anders aus, und in den Regenpausen füllen sich Wiesen und Felder mit fieberhaft tätigen Menschen. Fliegen und Moskitos kommen in vermehrten Massen ins Haus, und wenn wir abends, bei offenen Türen natürlich, bei der Lampe sitzen, können wir uns der Menge von Untieren kaum erwehren, die ins Zimmer stürzen, dem Licht entgegen. Wir haben jetzt wieder einen neuen Abendsport: wir machen Reisen auf der Landkarte, die Walter früher in Wirklichkeit gemacht hat. So hoffe ich, zu lernen, mich auf der Karte besser zurechtzufinden. Walter hat fast recht mit seiner Neckerei, ich würde es nicht merken, wenn man mir die Karte verkehrt herum hinhielte.

Den 27. Juli

Also sprach mein Mann: Es ist gut, dass du nicht ahnst, wie süß du bist, und wie du von Schönheiten wimmelst. Da drohte ich ihm, alles zu verzeichnen, was er an mir schön findet, und ihm nach 10 Jahren die lange Reihe großer Aussprüche unter die Nase zu halten und zu fragen: unterschreibst du das noch? Ich will mich aber begnügen damit, nur die Tatsache zu konstatieren, dass er mich jetzt schön findet und sich für den beneidenswertesten Menschen der Jetztzeit erklärt. Ich wäre schon zufrieden, wenn ich wüsste, er würde letzteres mit demselben glücklichen Lächeln sagen wie heute nach 8 wöchentlicher Ehe.

Es ist heiß, unsere Kleidung besteht seit Wochen nur noch aus Hemd und Kleid, zum Gang ins Freie werden Schuhe hinzugefügt. Wir baden täglich und freuen uns auf den Augenblick, wo wir uns ins Wasser stürzen können. Das Le (WalterLe) seinen Trauring vom Meer verschlucken ließ, und ich beim Rückweg meine Mütze verlor, die sich ein nachkommender Chinese angeeignet hat, stört uns beiden leichtsinnigen Menschen nicht. Le braucht hier keinen Ring. Weite Spaziergänge werden in dieser Zeit selbst von uns beiden Rennpferden nicht unternommen, höchstens in den Abendstunden einmal eine Kletterei auf den Klippen nach Tsangkou.

Ein Regenguss überraschte uns und brachte uns auf den Gedanken, im Wolfschen Garten einzukehren, einer deutschen Wirtschaft im Chinesendorf, 2 Glas Vermouth zu trinken, wozu der schneidige Inhaber mir galant einen Blumenstrauß aus dem Garten überreichte. Das Schicksal bewahre mich davor, in chinesischen Hotels wohnen zu müssen. Wir waren sehr vergnügt und kamen zu spät zum Abendbrot.

Ottis China-Tagebuch – Die Reise 2. Teil

Ottis erste China-Reise 1903 – 2. Teil von Colombo bis Shanghai

Den 13. Mai 1903

Furchtbare Hitze. Der versprochene Monsun läßt auf sich warten. Seit 4 Tagen fahren wir ohne die geringste Abwechslung, das Meer immer gleich blau und ruhig, fliegende Fische, Delphine oder Haifische nur höchst selten. Ich mag nicht mehr, alles widert mich an, auch die Menschen mit ihren kleinen und kleinlichen Freuden und Leiden. Und nun noch 3 Wochen! Um 6 Uhr geht die Sonne unter, dann ist es in einem Augenblick tiefdunkel, unsere schöne Dämmerzeit gibt es hier nicht.

Den 18. Mai 1903 – Colombo

Mir scheint, als hätte unsre ganze Reise noch nichts gebracht, dass nur annähernd zu vergleichen wäre mit dieser Schönheit. Hier möchte ich leben und sterben. Wir konnten erst gegen 5 Uhr an Land, weil wir, wie immer in den Hafenstädten, erst Arzt und Post abwarten mussten.

Wir stiegen in eins der bereit gehaltenen Boote, nicht auf  ein Floß, wie sie massenhaft auf dem Wasser herumtreiben, einfach 2 roh behauene Stämme zusammengebunden und von halbwüchsigen, hübschen, kräftigen Burschen mit ausgehöhlten Bambusstöcken regiert. Unser Boot wurde wenigstens durch riesige Kochlöffel vorwärtsgetrieben, wenigstens sehen die so genannten Ruder genau so aus.                                                         

Am Land standen Rickschas und Wagen bereit. Wir nahmen einen Wagen und dann ging‘s vorwärts. Mir scheint das Land mit den prächtigen Palmen und den vielen Früchten, Gewürzen und farbenprächtigen Blumen wie ein Paradies. Als wir eben unterwegs waren, brach ein Gewitter los, wie wir es so gewaltig bei uns auch nicht kennen. Wir waren zum Glück nicht weit von einem Hotel. Dahin flüchteten wir. Es liegt direkt am Meer, etwas erhöht. Schlanke Cocospalmen führen hinauf. Es ist ein wundervolles Gebäude, großartiger eingerichtet als die europäischen, die ich kenne, mit vielen, großen, hellen Zimmern, breiten Treppen, einer schönen, luftigen Veranda und allen Arten von Läden.

Wir schlenderten durch die Läden und aßen dann mit viel Humor und viel Appetit und vielen Früchten unser Dinner. Das Unwetter blieb so furchtbar, dass wir uns entschließen mussten, die Nacht über im Hotel zu bleiben.  Ich bekam mein Zimmer ziemlich hoch und lief mit dem kleinen, braunen Jungen, der es mir zeigen sollte, um die Wette die Treppe hinauf, was ihm ungeheures Vergnügen machte und bewirkte, dass wir beide atemlos vom Lachen und Laufen oben ankamen.

Das Zimmer war groß, hell und luftig und – das war schön – sah auf das jetzt so wilde Meer hinaus. Spät abends, als der Regen nachgelassen, gingen wir noch einmal alle (fast die ganze Schiffsgesellschaft hatte sich allmählich eingefunden) am Strande entlang. Die schlanken Palmen schwankten noch bedenklich, das Meer brauste und wälzte die schweren Wogen drohend gegen den Strand, wo sie hoch aufspritzend in weißem Schaum zerstoben. Von Zeit zu Zeit zuckte ein leuchtender Blitz über das wilde, dunkle Bild und lieh ihm einen geisterhaften Zauber.

Ein  Glühwurm schwirrte vor uns auf, die Luft war durchschwängert von dem balsamischen Duft der Gewürze. …

Welche Wohltat es war, nach den vielen schlaflos durchwühlten Nächten in den dumpfen Kabinen einmal wieder in einem ordentlichen Bett zu liegen und noch dazu unter einem Brautschleier, der Moskitos wegen. Das Brausen des Meeres war unser Schlummerlied. ½ 6 Uhr morgens weckte mich der boy. Mein erster Blick galt dem Meer. Hier bleiben zu können! Ich  musste über eine ganze Reihe schlafender Menschenleiber klettern, ehe ich nach unten kommen konnte. Dann wurde schnell eine Tasse Tee getrunken und dann ging es zu Wagen in die Stadt, erst die Schönheit der Umgegend genossen, dann die Stadt selbst mit den Markthallen, den Läden, den langen Zügen von Ochsenkarren und den grotesk hässlichen Buddhatempeln.   Unterwegs sprang unser Kutscher plötzlich ab, brach einen Zweig von einem Strauch, schabte die Rinde etwas ab und hielt es uns unter die Nase. Das war Canehl. Zuletzt ging alles etwas in Hetzjagd, weil wir aufs Schiff zurück mussten. Die Händler waren schon von Bord, aber kleine, braune Jungen krochen noch an den Seiten hinauf, blieben auch, als das Schiff abfuhr und sprangen dann später von dem höchsten Deck des fahrenden Schiffes nach einer kleinen Münze ins Meer.

Colombo     Reise Ochsenkarren Ceylon

Colombo -Postkarten Otti Anz

Nun sind wir erst einmal wieder einige Tage auf dem Wasser ohne andere Abwechslung als essen, trinken, schlafen, lesen, spielen, tanzen … Es ist noch immer unerträglich heiß.

Vor einigen Tagen hatten wir einen Kommers (Feier). Er ging von der II. Klasse aus, und es ist sonderbar, wie verschieden der Ton da von unsrem ist. Ich bin so glücklich, daß ich hier in der ersten Klasse bin, bei denen ist erst einmal furchtbare Überfüllung und dann eine Zusammenmischung von so verschiedenen Elementen und ein so wenig feiner Ton, daß ich mich dazwischen grenzenlos unglücklich fühlen würde. Wir haben auch merkwürdiger Weise gar keine Gemeinschaft mit ihnen, nur, daß sie eingeladen werden, sobald bei uns irgend eine gemeinsame Festlichkeit ist. So waren auch wir aufgefordert, an ihrem Fest teilzunehmen und wir blieben, solange die Grenzen noch scharf eingehalten wurden.

Ich nehme jetzt jeden Tag Abhärtungsunterricht gegen Seekrankheit. Der Baumeister zwingt mich, vom Vorderteil des Schiffes aus in die Wellen zu sehen. Das ist gewaltig schön. Wie das grünschwarze Wasser sich aufbäumt, die Wogen sich in toller Hast überstürzen und in einem gewaltigen Schaum zusammenkochen, aus dem tausend kleine Fangarme sich ausstrecken und eilig zurückziehen, während der Gischt hoch aufspritzt in korallenartigen Formen. Wie dann einen Augenblick alles still ist, als hielte es den Atem an, eine Kraft zu sammeln, und dann das tolle Spiel wieder einsetzt, übermütiger als zuvor. Lange kann ich es nur nicht aushalten, dann überwiegt doch die Neigung zur Seekrankheit. Aber die fliegenden Fische muß ich noch bewundern, die in Scharen, wie Schwalben über das Wasser hinschießen, gegen das Schiff geschleudert werden und betäubt in das Wasser zurückfliegen. Gestern war sogar einer aufs Deck gefallen. Ein Schiffsjunge zeigte ihn herum. Später war er ausgestopft. Nun wird wohl einer der Engländer ihn zum Andenken mitnehmen oder sie schicken ihn wirklich an Oberleutnant H. Ob seine Frau nicht die große, hochmütige Nase rümpfen wird?!

Den 25.5.1903

Noch 8 Tage, dann sind wir in Shanghai. Liebster, ich freue mich. Ich bin auch müde jetzt des Wassers und der Menschen und des trägen Nichtstuns, ich möchte einmal wieder aufwachen und schaffen, kämpfen und fühlen, daß ich lebe, daß ich nicht nutzlos vegetiere, schlimmer als ein Tier. Mein Geist ist eingeschlafen, du musst ihn wecken. Liebster, mein Körper ist träge geworden, mach du ihn wieder gelenkig, meine Seele ist von heißer Leidenschaft gestreift, Walter, aber sie ist rein und unverändert geblieben, und meine Augen können stolz und frei zu dir aufblicken. Deine Braut kommt zu dir, wie du sie verlassen hast, Geliebter, vielleicht veredelt, denn sie hat einen edlen Menschen kennengelernt.

Glutrot lugt der Schein der untergehenden Sonne in Streifen aus den schweren, schwarzen Wolkenmassen hervor, als wir in den Hafen von Singapore einliefen, es dämmerte, als unser schönes Schiff von geschäftigen Händen am Quai festgemacht wurde. Das war ein Treiben, ein Hasten und Drängen, ein Kommen und Gehen. Der größte Teil der Reisenden verließ das Schiff. Selige Gesichter, strahlend von der glücklichen Freude, die Ihren wiederzuhaben, frohe Begrüßungen, Abschiednehmen, Besorgen des Gepäcks – ich hielt zwei Briefe in den Händen, die mich selig und traurig zugleich gemacht hatten, und schöne Gefühle kämpften mit bittrer Abschiedsstimmung. Nun gingen sie alle, durch die das Leben auf dem Schiffe froh und angenehm gewesen war, warum muß man sich auch immer wieder anschließen mit dem Bewußtsein, nachher leiden zu müssen unter dem Abschied und der dumpfen Leere nachher. Auch der Baumeister[1] blieb in Singapore. Nachdem alles besorgt war, gingen wir ans Land. Das Schiff wollte Kohlen einnehmen. So konnten wir unmöglich an Bord bleiben.

Singapore bot ein wunderhübsches Bild, große, breite Wege, schöne, prächtige Villen, großartige Vegetation. Wir fuhren in den botanischen Garten. Da sind wir lange gewesen. Wie kann es nur soviel Schönheit geben in der Welt! – Der Teil der Stadt, der den Eingeborenen gehört, ist wie überall, sehr primitive Häuser und Läden, das ganze Leben, die intimsten Einzelheiten, alles spielt sich auf der Straße ab.

Die Engländer haben sehr schöne Villen mit prächtigen Gärten: Palmen, Bambus, Kakteen, die farbenprächtigsten Blumen, Schlingpflanzen aller Art …

Unter strömendem Regen und den Klängen der üblichen Hafenmusik verließ unsere „Roon“ um 4 Uhr nachmittags langsam den Hafen von Singapore.

Heute ist eine große Wiegerei veranstaltet worden, bei der viele zu ihrem Entsetzen konstatiert haben, dass ihr Umfang sich bedenklich vergrößert hat. Am unglücklichsten ist Herr von H. Nun wurden die Mahlzeiten aufs äußerste eingeschränkt, und zu bestimmten Zeiten Dauerläufe ums Deck veranstaltet. Ich beteilige mich daran, weil es mir Spaß macht, meine Körperfülle ist noch nicht bedenklich.

Den 27.5.1903

Ich war so froh, ich hatte gedacht, die schöne Reise, die soviel gebracht hat, würde ohne Misston enden und nun muss ich zum Schluss noch erfahren, dass ich noch immer nicht gelernt habe, mich in das Leben hineinzufinden, weil ich nicht die erste gesellschaftliche Regel, die Heuchelei, ausüben kann, weil ich nicht Sympathie lügen kann, wo ich Antipathie empfinde und umgekehrt. Seit Neapel sind wenig Menschen auf dem Schiffe gewesen, die ich leiden mochte, ja, die meisten konnte ich nicht ausstehen, und ich war nicht klug genug, das  unter kriechender Liebenswürdigkeit zu verbergen, ich war so dumm wie immer, zu denken, was kümmern mich alle diese kleinlichen, erbärmlichen Menschen, und schloss mich an, wo ich das Gefühl hatte, verstanden zu werden. Ich war ganz allein, schutzlos und ahnte nicht, das jeder Blick, jedes Wort, alles, alles was ich tat,  einer gehässigen Kritik unterzogen wurden, das Phantasie und Lüge halfen, um gehässigen Klatsch entstehen zu lassen, der jeden festen Untergrundes entbehrte, denn der Mann, der sich der Einsamen herzlich und kräftig angenommen, war edler und wertvoller, als sie alle zusammen. Mein Liebster, mein Einziger, ich hasse die Menschen, ich wollte, ich wäre mit dir auf einer einsamen Insel, da könnte ich ganz tun nach meinem Gefühl und brauchte mich nicht zu fürchten vor dem, was die Menschen sagten. Ich freute mich so, alles in mir war so rein und klar, und nun liegt das Leben wieder so wirr und unverständlich vor mir. Dass ich ganz allein reise, das ist ja auch schon furchtbar unpassend. Ich hätte niemals ans Land gehen können, ich war einfach auf einen Herrn angewiesen, und da kam der Baumeister mit seiner feinen, taktvollen Weise und nahm sich meiner an wie ein väterlicher Freund. Ich konnte mit ihm sprechen, wie mit keinem andern, ich konnte ihm sagen von dir und meiner Liebe zu dir, und dass wir beide so fest miteinander verknüpft wären, dass nichts und niemand uns trennen könnte. Und er hat es fertig gebracht, alle eigenen Wünsche zu unterdrücken, um mir mein Glück und meine Ruhe nicht zu rauben und aus großer Wertschätzung deiner Person. Und das, was ich als meine schönste Zeit auf dem Schiffe ansah, das wird mir nun nachträglich verbittert durch die hässliche Auffassung meiner Mitpassagiere.  Warum ich das alles aufschreibe, Liebster? Weil dir dieses Tagebuch alles bringen sollte, was mit die Reise gebracht, weil meine Seele immer aufgeschlagen vor dir liegen soll wie ein Buch, weil unser erster und oberster Grundsatz doch immer sein und bleiben soll: Wahrheit und Offenheit, und dann auch: ich hab nicht das Gefühl, als müsste ich etwas vor dir verheimlichen. Aber dumm bin ich gewesen, furchtbar dumm und unvorsichtig und viel zu aufrichtig.

Und du weißt, Liebster, wenn jemand etwas finden will, wie leicht es ist. Und ich hab noch das Unglück, nicht grade ausgesprochen hässlich zu sein und den großen Fehler, meine Sympathien und Antipathien deutlich zu zeigen. O pfui, mir ekelt vor den Menschen, denen nichts rein und heilig ist, die nur glücklich sind, wenn sie irgendetwas mit Schmutz bewerfen können. Ich weiß, dass du mich verstehst und mir vertraust, und wir beide wollen der Welt schon beweisen, dass dieser „große Leichtsinn“ meiner Reise zwei glückliche Menschen gemacht hat, die nun einmal nicht im Alltagsgeleise gehen können, weil sie über dieser niedrigen, erbärmlichen Lügenwelt stehen. Mir ist, als fasste ich jetzt deine Hand und sagte: Komm, Walter, lass uns denken, wir wären die beiden einzigen Menschen auf der Welt und die ganze kriechende Bande nur Marionetten, die wir aufziehen und tanzen lassen nach unserm Gefallen. Ja, Walter, ich fürchte das Leben mehr als je, weil das Leben Lüge ist, und ich mag nicht lügen und kann nicht lügen. Aber, wenn du es willst und meinst, es ist nötig zum Leben unter den Menschen, so will ich versuchen, es zu lernen. – Nun hab ich mir allen Ärger von der Seele geschrieben, nun komm ich wieder froh zu dir: Hier hast du mich, mein Geliebter, wenn wir beide uns nur verstehen und lieb haben, was kümmert uns dann die Welt, nicht, und wir haben uns doch lieb und wollen uns lieb behalten für Zeit und Ewigkeit.

Das ist heftig. Das Abschreiben kann qualvoll sein. Ich fühle mich bedrängt von dieser intensiven Gestimmtheit.

Otti hasst die kleinen, erbärmlichen widerlichen Menschen, empfindet Ekel vor der kriechenden Bande von Marionetten. Der schnöde Alltag, gleichgesetzt mit einer niedrigen, erbärmlichen Lügenwelt, über der sie weit oben steht, verachtend herabschaut. Und Wahrheit, Offenheit, die reine Freude, die heiligen Vorsätze und all das auf ewig Liebgehabe klingen mir pathosgeladen hohl. Zu fest gewoben, zu starr geknüpft erscheint mir dieser Gefühlsteppich, den sie sich und dem wohl schon früh an ihren Erhabenheitsthron gefesselten Walter ausrollt.

Am 31. Mai 1903 macht die SS Roon in Shanghai fest. Walter kommt an Bord, um sie in Empfang zu nehmen und in ihrer Verlegenheit ist das allererste, was sie sagt: „Hast du schon gefrühstückt?“ Später geflügeltes Wort nach jeder Trennung – und derer gab es viele und lange. …

Ich brauche jetzt erst einmal Abstand, bevor Otti von ihrem ersten Jahr in China berichten darf, und stöbere in ihrer alten braunen Dokumenten-Schachtel. Das Ergebnis ist zu finden auf der Seite: „Otti-Fakten aus Schachtel-Weisheit“


[1] Mit dem „Baumeister“ wird sie noch viele Jahre in Kontakt bleiben. Walter wird ihn kennenlernen und mögen und sie werden dankbar sein für die finanzielle Unterstützung, die er ihnen später in Notzeiten zukommen lassen wird.

Ottis China-Tagebuch – Die Reise

Ottis erste China-Reise 1903 – 1. Teil Von Bremerhaven bis kurz vor Colombo

Es ist Mittwoch und ein ungemütlicher Apriltag. Immer wieder fegen Schneestürme über das Kai, an dem die SS Roon in Bremerhaven vor Anker liegt. Ein prächtiger neuer Dampfer. Noch wird Ladung aufgenommen. Die Jungfernfahrt steht bevor, Ziel Fernost. Die ersten Mitreisenden gehen an Bord. Fräulein Ottilie Fock, 26 ¾ Jahre alt, 1,55 groß, fast schwarze Augen, die dunkelbraunen feinen, leicht welligen Haare zu einem lockeren Knoten im Nacken geschlungen, langer Rock, Bluse  – kein Korsett-Kleid – bezieht ihre Kabine erster Klasse. Sie ist unterwegs zu ihrem Bräutigam Walter Anz, der sie in Shanghai erwartet. –

Den  15.04.1903

Was ich jetzt schreibe in diesen Reisewochen auf dem Schiffe, das ist für dich, Geliebter, denn da ein brieflicher Verkehr nicht möglich ist, würde ich mich weniger mit dir verbunden fühlen, wenn ich dir nicht wie gewohnt die Eindrücke der Seele und Sinne mitteilte.

Jetzt bin ich ganz losgelöst von der Heimat, ganz allein zum erstenmal, seit ich unsere Wohnung in Hamburg verließ…

Beim Lunch, das sehr gut und reichlich war, stellte sich mir mein Tischnachbar vor, ein Mann, der mir Vertrauen einflößt, weil er dick, ältlich, gemütlich, Familienvater ist und eine Vergnügungsreise nach Italien macht.

Mir behagt dieser feine gesellschaftliche Ton, ich fühle mich da doch in meinem Element. Das Essen in dem schönen, großen, luxuriös eingerichteten Speisesaal war großartig und sehr reichhaltig, und die gedämpfte Musik dazu machte es doppelt angenehm.

Nachher nahmen wir den Kaffee im gemütlichen Rauchsalon und spazierten dann noch eine kleine Stunde auf dem Kommandodeck. …

Unaufhörlich krächzt und quiekt und knurrt der Kahn, sie müssen noch heute Nacht mit der Ladung fertig werden.

Den 16.4.03 nachmittags

Heute morgen etwas nach 10 Uhr ist unser Dampfer von drei kleinen Schleppern aus dem Hafen gezogen worden. Das hat lange gedauert, bis er die Schleusen passiert hatte und aus der Wesermündung heraus war. Unter den Klängen der Musik nahmen wir Abschied von der deutschen Küste. Jetzt ist vor und hinter und um uns das unendliche Meer. Die Wellen kommen spielend mit weißen Schaumkronen, schmeichelnd wie junge Kätzchen. Nun habe ich ganz abgeschlossen mit der Vergangenheit.

Antwerpen, d. 20. April

Nun liegen wir drei Tage in Antwerpen vor Anker, um Ladung einzunehmen, und dann scheint mir auch irgendetwas am Schiff nicht in Ordnung; ich hörte heute eine derartige Bemerkung vom Kapitän. Man sieht ihn wenig, die Leute haben alle viel zu tun, man merkt doch oft, dass das Schiff seine erste Fahrt macht. Der entsetzliche Geruch nach frischer Farbe wäre schon Zeugnis genug und der allein genügt fast, seekrank zu machen. Wir fuhren am Sonnabend gegen Abend in den Hafen ein. Es war den ganzen Tag sehr stürmisches Wetter gewesen, ich hatte natürlich wieder wie eine Leiche in meiner Kabine gelegen. Wenn ich mich einmal aufrichtete, sah ich durch die Luken das Wasser sich immer wieder wild aufbäumen unter den Peitschenschlägen des Sturmes. Als wir in Flusswasser kamen, wagte ich mich an Deck. Da lag das herrliche Panorama vor uns ausgebreitet, plastisch aus dem Häusermeer sich heraushebend die wunderbare Kathedrale im gotischen Stil, an Schönheit dem Kölner Dom gleichend. Die mächtigen goldglänzenden Zeiger der Turmuhr zeigten gerade auf 6.

Gleich nach dem Essen ging‘s dann in Gruppen ans Land. Das war ein Gefühl, einmal wieder festen Boden unter den Füßen zu haben. Weil’s Abend war, konnten wir nicht viel anfangen. Die Herren schrien nach Bier. So landeten wir denn bald in einem Restaurant. Mir fiel schon da der französische Zuschnitt auf, den ganz Antwerpen hat, viel äußere Pracht, überall Musik in den Lokalitäten, liebenswürdige, lebhafte Menschen, geputzt und geschminkt. Eigentümlich wirken auf uns Berliner und Hamburger die altmodischen Pferdebahnen statt der elektrischen, und einen ganz sonderbaren Eindruck machen die Polizisten und das Militär in dem kindlich bunten Aufzug. Man scheint sehr fromm zu sein, überall sind Bilder der Muttergottes. Die Läden sind sehr aufgeputzt, die Häuser zum Teil von merkwürdig alter Bauart. Wunderbar schön ist die Kathedrale. Ich hoffe, dass wir da und im Museum heute Nachmittag noch einen Besuch abstatten, es ist dumm, dass man so abhängig ist, wenn man allein reist, und dabei heißt es vorsichtig sein. – Abends gingen wir noch in den Zirkus. Der besaß die Eigentümlichkeit, in der ersten Etage zu liegen. Sonst gab’s nichts Bemerkenswertes. Leistungen, Tiere wie immer, Damen samt und sonders ausgesucht häßliche, verblühte, geschnürte, kokette Französinnen.

Den 21. April 1903

Bei strahlendem Sonnenschein und spiegelglattem Wasser haben wir heute morgen Antwerpen verlassen. Das war ein Bild! Ich hätte einen Purzelbaum schlagen mögen oder sonst irgendetwas ganz Außergewöhnliches tun, um dem wundervollen Freudegefühl Ausdruck zu geben, dass die Welt so schön ist und ich fähig war, mit allen Sinnen zu genießen, die ganze, große Schönheit in mich einzutrinken.

Das Schiff bot ein hübsches Bild, lauter frohe, wohlig behagliche Menschen. Wir standen munter scherzend in Gruppen zusammen, wir lasen und räkelten in den großen Liegestühlen, die uns ein Steward diensteifrig in die sonnigsten Ecken rückte, wir beobachteten das Treiben der Matrosen, spielten auf Deck wie Kinder und genossen den schönen Tag wie ein unerwartetes Geschenk. Die Ufer verschwanden, da war wieder das Meer. Die Farbe des Wassers änderte sich, grün war es, dann schwarz, dann blau, ein weißer, breiter Silberstreif zeigte den Lauf des Schiffes. Und der Abend kam. Den Abend vergesse ich nicht. Wie ein wunderbares Märchen wird er mir im Gedächtnis bleiben. Ich hatte mich aus dem warmen, menschengefüllten Rauchzimmer ins Freie geflüchtet. Wie wunderbar schön war das Meer. Aus dem schwarzen Wasser hoben sich bis tief in die dunkle Ferne hinaus die weißen, leuchtenden Schaumkronen wie blinkende Nixenarme, in einem Lichterstreif erschien am Horizont die englische Küste, Schiffe zogen still und geheimnisvoll vorüber, kenntlich nur an den Lichtern. Das Licht des Leuchtturmes blitzte auf und erlosch, dann legte sich ein schwerer, dunkler Schatten wie drohend auf das Wasser, und wenn er sich hob, huschten leuchtende Nebelstreifen an dem aufglimmenden Licht vorüber. Das war eine Nacht, o Gott, eine solche Nacht. Die wiegt mehr auf als einige Tage körperlichen Unbehagens. Und mich störte nicht müßiges Geschwätz; an meiner Seite ging ein Mann, der auch Mensch ist, wie du, Liebster, und ich sprach ihm von dir und ich hatte dabei nicht das Gefühl einer Entweihung. …

Den 24.04.1903

 Zuletzt hielten wir in Southampton. Da ist unsre Zahl um einen Strom von Engländern reicher geworden und um eben so viel unserer schönen, deutschen Gemütlichkeit ärmer. Im Rauchsalon ist jetzt nur Platz für die Hälfte, weil die Engländer auch die Beine aufs Sofa legen müssen. Mit all unsern Sachen gehen sie um, wie es ihnen beliebt, sie sind die Herren des Schiffes. Das Leben auf dem Schiff gleicht einem Staat im Kleinen, Herrscher und Beherrschte, Liebe und Hass und schleichende Neugier. Wäre man nur objektiver Beobachter, so wäre es interessant, und ich würde lachen. So muss ich wohl oder übel eine große Rolle mitspielen in der Tragikomödie des Schiffslebens.

Es wird gespielt, gelacht und getanzt, und an andrer Stelle schrubben die Schiffsjungen das Deck. Das geschieht wohl zehnmal am Tage und fünfmal in der Nacht.

Den 2. Mai 1903

Jetzt liegt Europa endgültig hinter uns. Gestern passierten wir die Straße von Messina, die paradiesischen Gebirgslandschaften von Italien und Sizilien zu beiden Seiten. Der Stromboli und Etna hatten uns den größten Teil des Tages in Aufregung gehalten, märchenhaft war hier und da eine Insel aufgetaucht. Genua und Neapel sind längst entschwunden,

Genua ist eine wunderbar schöne Stadt. Zum Landgang nahmen wir einen Wagen und fuhren 2 Stunden durch die Stadt. Große, breite Straßen, alle bergansteigend, rein und hell alles und alles malerisch, selbst die Wäsche, die an den schönsten Palästen hängt, die reizenden kleinen Gärten auf den Dächern, diese Kunstwerke der Skulptur überall, die wunderbaren Kirchen, man glaubt sich in eine längst vergangene Zeit griechischer Schönheit zurückversetzt, und dann – die Vegetation! Wie mir war, als ich unter Palmen, blühenden Orangen, Oliven wandelte.

Von Neapel war ich enttäuscht. Ja, schön liegt sie vor den erwartungsvollen Augen mit dem rauchenden Vesuv im Hintergrund. Aber dieser entsetzliche Schmutz und Staub, die stehlenden, bettelnden, faulen Menschen, die engen, häßlichen Straßen, der Verfall und die Verkommenheit überall, das stört das schöne Bild gewaltig.  Ich war wieder von einer Familie eingeladen, wir machten, wie in Genua, eine Rundtour durch die Stadt, aber ich war nicht halb so entzückt. Mir kamen auch die Menschen in Genua schöner und ruhiger vor. Als wir abends wieder  nach Hause, d.h. in unser Schiff kamen, lagen da noch die Boote mit den Mandoline spielenden Italienern, die am Morgen gekommen waren, gespielt, getanzt, getaucht, gehandelt hatten, und die Luft mit ihrem ohrenzerreißendem Geschrei erfüllt. Ich hab keinen Italiener arbeiten sehen, betteln und handeln, das ist die ganze Beschäftigung und stehlen und betrügen, wo und wie sie nur können. Wehe dem, der sich unter sie wagt, ohne Sprache und Volk zu kennen. Merkwürdig für uns Nordländer ist noch, daß sich das ganze Leben auf der Straße abspielt. (Was Otti wohl von ihrem italienischen Schwiegersohn gehalten hätte?)

Nun ist an die Stelle des Hafenlebens wieder das Schiffleben getreten. Es sind neue Passagiere hinzugekommen, darunter sehr interessante Herrn, und da die Damen in der Minderzahl sind, so haben sie es gut. Es wird wieder gespielt und getanzt und geträumt. Vor einigen Tagen hatten wir großes, offizielles Konzert mit nachfolgendem Ball.

Im roten Meer, den 6.5.03

An Deck liegen sie wie die Fliegen. Es ist sehr heiß. Wir fahren mit dem Winde, so fehlt uns auch jeder kühlende Luftzug. In Port Said war Zeit genug, ans Land zu gehen, und ich muß sagen, ich hab kaum einen Hafenaufenthalt so genossen wie diesen. Wir stiegen, immer verfolgt von bettelnden, anbietenden Arabern in die etwas primitive Trambahn und fuhren in die Araberstadt. Armut, Schmutz, Wüste, Faulheit auch hier. Die Menschen sind groß und hübsch gewachsen, auch die Gesichter regelmäßig, die Kinder oft reizend, aber fast alle haben kranke Augen oder sonst irgendwelche Gebrechen. Wir schlenderten durch die schmutzigen Wege durch die Läden und Häuser, die man kaum Häuser nennen kann, immer achtgebend, daß wir nicht auf einen schlafenden Menschen traten, oder über ihn fielen. Guckten in eine arabische Bretterhausschule hinein, zupften die Kinder, worüber Lehrer und Schüler gleich belustigt lachten und landeten schließlich in einem echt arabischen Kaffeehaus, wo wir aus kleinen schmierigen Tassen echt arabischen Mokka tranken, untermischt mit Zucker, Schmutz und Fliegen.

Bild1

Port Said, Coffee House, Postkarte von Otti Anz, 1903

Die Fahrt durch den Kanal ging ganz, ganz langsam, das Ufer immer scheinbar so nahe, daß man glaubte, es mit ausgestreckter Hand erreichen zu können. Kapitän, I. Maschinist und I. Offizier erschienen zu keiner Mahlzeit.

Wir standen an Deck und sahen in die Öde hinaus. Trostlos öde ist es, kein Baum, kein Strauch, kein lebendes Wesen, nur Wüste, bald flach, bald hohe Sandhügel. Und doch hatte auch diese Eintönigkeit nach all der Schönheit, die wir genossen, einen eigenen Reiz. Und dann gab es auch Abwechslung. Da tauchte einmal, eine Oase auf in der Wüste mit hübschen, freundlichen Häusern und mächtigen Palmen, eine Karawane mit Kamelen zog ihren Weg…

Den 10. Mai 1903

Es ist Sonntag. Wir sind wie üblich mit einem Morgenchoral geweckt worden. Das Meer ist ruhig, die Luft heiß, man bringt mir abwechselnd Apfelsinen und Eislimonade.

Gestern waren wir in Aden. In trostloser Nacktheit starrten die Felsen uns an. Kein Schmuck, nichts, was das Leben hübsch macht, plump sind die wenigen Häuser an die öden Felsen geklebt. Dahin verbannt zu werden, ist grausame Strafe. Es ist als wäre alle Trostlosigkeit auf diesen einen Platz konzentriert. Dabei sind die Eingeborenen lebhafte, lachende Menschen, dunkel und fast wie Bronze, hübsch gewachsen mit prachtvollen Zähnen. Wir waren eine Stunde an Land, es war so heiß und so grauenvoll öde. Und dann mussten wir dort ein Kind begraben, das an Deck gestorben war. Das war sehr traurig. – Das ganze Leben spielt sich jetzt an Deck ab, der Rauchsalon ist verödet, in die Kabine wagt sich nur, wer muss. Bis tief in die Nacht hinein sitzen wir unter dem Sternenhimmel, wandern oder plaudern, necken und sprechen ernst, je nachdem. Gestern war ich froh, endlich ein Brief von dir Liebster; jetzt kommt die Sehnsucht oftmals gewaltig über mich, das Gefühl, dem Schiff Flügel geben zu können.

Den 13. Mai 1903

Furchtbare Hitze. Der versprochene Monsun läßt auf sich warten. Seit 4 Tagen fahren wir ohne die geringste Abwechslung…

Zeit also für eine kleine Pause – Bald kommt Otti in Colombo an, dann lasse ich sie weiter erzählen.